BAD RELIGION, FRANK CARTER & THE RATTLESNAKES, 27.06.2016, LKA Longhorn, Stuttgart

Bad Religion

Foto: Steffen Schmid

Machen wir’s kurz: Die Vorband besteht in erster Linie aus ihrem namensgebenden Herrn Frank Carter und der ist seines Zeichens das, was man gemeinhin als echte Rampensau bezeichnet. Aber: Nicht unsympathisch der kleine, bis zum Hals tätowierte Brite, der bereits mit seinen Vorgänger-Bands Gallows und Pure Love sehr erfolgreich als Frontmann aktiv war. Er nutzt die Bühne und auch den Zuschauerraum des LKA, um seinen persönlichen Auftritt zu inszenieren. Und in Bezug auf die Aufgabe einer Vorband, nämlich die Stimmung für den Haupt-Act schon etwas anzuheizen, gilt für Carter „mission accomplished“.

Frank Carter & The Rattlesnakes

Foto: Steffen Schmid

Zunächst frage ich mich, warum er wohl komplett im Camouflage-Outfit da brüllt, doch als er dann in den Zuschauerraum kommt um „the biggest running pit this place has seen“ zu initiieren sehe ich, dass er lediglich Hose und Hemd im exakt gleichen Blümchenmuster trägt. Der Mann hat Stil. Schließlich steht er tatsächlich wie im Auge des Orkans und lässt die vor allem aus Jungpunks – man trägt wieder Iro – bestehende Crowd um sich herum rennen und treibt sie dabei noch an. Ein herrliches Schauspiel. Anschließend dürfen sich alle hinsetzen und der Geschichte lauschen, als sein Schwiegervater vier Wochen nachdem Carter selbst erfahren hatte, dass er Vater wird, verstarb. Es ist still während der traurigen Ballade und mutet fast ein wenig nach einem Sit-in an. Doch Frank Carter ist noch nicht am Ende und er wird, kündigt er an, seine Zeit bis zur letzten Minute nutzen, auch wenn selbstredend heute alle nur wegen der „fucking greatest Punkrock Band in the world“ hier sind. Er schämt sich für seine Landsleute wegen des Brexits („fucking idiots“) und erklärt, dass er sich in Deutschland ein bisschen wie Zuhause fühle, denn „you guys understand, what Rock’n’Roll means“. Und schließlich dürfen wir alle noch den Refrain seines bluesigen Abschluss-Songs mitgrölen: „I hate you!“

Frank Carter & The Rattlesnakes

Foto: Steffen Schmid

Auch wenn das LKA bei Herrn Carter nicht weniger voll war, ausverkauft heißt es, aber nun, als die Zeit für die Punkrockgötter aus Los Angeles naht, wird es spürbar enger und gedrängter. Doch 20 Minuten müssen sich alle noch gedulden und unvermittelt wird es dann dunkel und ein etwas schräges Intro läutet den Auftritt von Bad Religion ein und es gibt wirklich einen krachenden Willkommensapplaus als die Herren Graffin, Gurewitz, Bentley, Dimkich und Miller auf der vom Zuschauerraum einsehbaren LKA-Treppe zu erspähen sind. Letzterer, Jamie Miller ist noch ganz frisch und hat erst in diesem Jahr den langjährigen Schlagzeuger Brooks Wackerman (2001-2015) beerbt. In der Besetzung der Band gab es nicht allzu viel Unruhe in den letzten drei Jahrzehnten, abgesehen davon, dass es an den Drums gelegentlich Um- oder Neubesetzungen gab, dass Brian Baker 1994 als zweiter Gitarrist hinzu kommt und dass Gitarrist Greg Hetson, der seit 1985 Bandenmitglied war, seit 2013 eine Auszeit nimmt und Mike Dimkich (u.a. The Cult) seinen Platz eingenommen hat.

Bad Religion

Foto: Steffen Schmid

Tja und was soll man zu Bad Religion sagen?! Sie sind einfach ein Phänomen in der Rock- und Punkgeschichte, anders kann man das nicht formulieren. Kontinuierlich spielen sie seit mehr als 30 Jahren live, veröffentlichen Alben und haben es geschafft über die Jahrzehnte hinweg ihre alten Fans zu halten und sich sozusagen ein ganz dickes, fettes Fan-Fundament weltweit zementiert und Jahr für Jahr, Album für Album und Tour für Tour wird die Tradition an jüngere Generationen weiter überliefert – Punk-Schamanismus! Aber, so könnte man etwas abgedroschen attestieren, Qualität setzt sich eben durch. Und das unterstreicht sehr gut ein Zitat aus einem Eintrag bei einer Wissensplattform aus dem Internet, der sich auf das Erscheinen der Platte „Suffer“ im Jahr 1988 bezieht: „Diese Platte bot etwas völlig neues im Punkrock-Bereich: schnelle, aber sehr melodische Songs mit den später für die Band typischen mehrstimmigen Gesängen und Hintergrundchören sowie vereinzelten abrupten Rhythmuswechseln. Hinzu kam der klare Gesang Graffins, der durch exakte Aussprache und Metrik gekennzeichnet ist. Auch inhaltlich und lyrisch kreierte Bad Religion einen Stil, der von einer distanziert kommentierenden, akademisch, philosophisch und literarisch beeinflussten und von politischen und wissenschaftlichen Publizisten wie Noam Chomsky, Edward O. Wilson und Richard Dawkins inspirierten Weltsicht geprägt war und sich dadurch von den Stereotypen des Punkrocks abhob. Suffer gilt bis heute für viele als eines der besten Punkalben überhaupt und war stilprägend für den melodischen Punk Rock.“

Bad Religion

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Und genau diesen Geist, diese Einstellung und Herangehensweise besteht nach wie vor und macht Bad Religion so sympathisch und begründet diese erstaunliche Popularität in der Szene. Und die Fans werden bis heute nicht enttäuscht, denn nach wie vor liefern die etwas in die Jahre gekommen und angegrauten Herren Konzerte ab, die einen mit den Ohren schlackern lassen. Greg Graffin, Jahrgang 1964 und seines Zeichens promovierter Evolutionsbiologe, wirkt mit Bäuchlein, Brille und grauen Haaren, tatsächlich etwas wie ein Professor, der vergessen hat, dass seine Sprechstunden schon angefangen hat, aber davon darf man sich keineswegs täuschen lassen.

Bad Religion

Foto: Steffen Schmid

Es ist wie früher: Ab dem ersten Ton Bad Religion ist der Bereich vor der Bühne ein Pogo-Pit und bleibt es auch bis zum Ende des Konzerts, die Begeisterung scheint nach wie vor keine Grenzen zu kennen, Crowdsurfen ist hier so etwas Standardtanz und egal wieviele Beulen, blaue Flecken, geschwollene Füße man durch seine nasse, schweißtriefende Kleidung spüren mag: Um einen herum nur fröhliche, glückselig grinsende Gesichter – großartig! Der Sound ist schön laut und sehr gut, Bad Religion machen keine große Show, aber sind präsent und ihre Musik reisst einfach alle mit, es hat etwas von Hexenkessel.

Bad Religion

Foto: Steffen Schmid

Wir bekommen alles! Quer durch ihr umfassendes Œuvre punkrocken sich Bad Religion und schöpfen aus den Vollen. Und nach einigen Songs verlautbart Herr Graffin, dass wir nun zum „Cinderella part of the concert“ kommen werden und man sich den 90er Jahren und somit auch dem Kult-Album „Against The Grain“ (1990) mit Songs wie „Anasthesia“, „Walk Away“ oder „21st Century Digital Boy“ widmet, was zu weiteren Euphorie-Ausbrüchen im Publikum führt. Ich muss meinen Platz in vorderster Front nach ca. einer Dreiviertelstunde erschöpft aufgeben und lechze nach Flüssigkeit und etwas Sauerstoff. Und ich stelle fest, dass auch im Rest der Halle die Stimmung genauso euphorisch und positiv ist und hier jeder Teil eines einzigen großen Bad Religion Festes ist, das noch weitere 45 Minuten gefeiert wird.

Nach einer wirklich kurzen Verschnaufpause auf der Bühne bekommen wir noch drei fette Zugaben: „Punk Rock Song“ (1996), „Infected“ (1994) und „American Jesus“ (1993). Und mehr würde man auch nicht mehr schaffen, denke ich mir und begebe mich in den Strom nach draußen. Entspannt-euphorisierte Irokesenmänner und sehr viele Träger des T-Shirts mit dem durchstrichenen Kreuz halten sich noch in der lauen Nacht auf und besprechen rauchend und Bier trinkend das Konzert. Ich würde sagen, das nennt man einen gelungen Abend! Punks Not Dead!

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Frank Carter & The Rattlesnakes

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