DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Na klar kann eine Band wie Deep Purple das Konzert mit einem Song wie „Highway Star“ beginnen! Einem DER großen Erfolge der Band und auch ein Stück, das Rockmusik-Geschichte mitgeschrieben hat. Denn Deep Purple können aus fast 20 Studioalben, die sie seit 1968 veröffentlicht haben, ihr Material für Konzerte schöpfen (dazu gibt es sicherlich genauso viele Live-Alben). Ich bin wahrlich kein Schleyer-Hallen-Möger, aber wenn man jemanden in der Preisklasse Legende wie Deep Purple hören will, die anscheinend noch immer große Hallen füllen können, dann beißt man auch in diesen sauren Apfel. Der Einstieg, der sich jedoch ein bisschen als Strohfeuer entpuppen soll, also recht flott und rockig, setzt sich aus insgesamt vier Songs am Stück zusammen. So dann begrüßt Sänger Ian Gillan, dessen Stimme nicht mehr an frühere Zeiten heran reicht und offensichtlich sehr gelitten hat im Laufe der Jahre, das zahlreich erschienene Publikum.

„Ich habe noch nie so viele alte Leute bei einem Rockkonzert gesehen“, schweife ich gedanklich ab. Und das ist keineswegs abfällig oder wertend gemeint. Das scheint sich ja eher seit einigen Jahren zu einem aktuellen kulturhistorischen Phänomen der Konzertrezeption zu entwickeln. Man kennt solche Aussagen ja: Die 60-jährigen von heute sind die 40-jährigen von gestern usw. und es ist absolut begrüßenswert, als dass insofern ja eine neue Art der Offenheit und Durchlässigkeit wachsen konnte. Dennoch bin ich angesichts der Situation in der ich mich gerade befinde noch zu keinem schlüssigen Ergebnis gekommen.

DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Ian Gillan stellt mit 70 Jahren heute selbst, genau wie seine Mannen, ein Stück Rockmusik-Geschichte dar. Dazu gehören Roger Glover (Bass), Ian Paice (Schlagzeug) auch alle in den 1940ern geboren mit Ausnahme des Ausnahmegitarristen Steve Morse, Jahrgang 1954, der auch maßgeblich bei den ebenfalls als Legende einzustufenden Kansas mitgewirkt hat und seit 1994 als festes Bandenmitglied bei Deep Purple geführt wird. Im Jahr 1968(!) gingen Deep Purple mit ihrem Debüt „Shades Of Deep Purple“ an die Öffentlichkeit, auf dem zwar durchaus noch stark psychodelische Einflüsse zu erkennen sind, aber doch ist ganz klar der Hard-Rock heraus zu hören und vorgezeichnet. Ein Weg, der sich dann bereits 1970 mit dem Kultalbum „Deep Purple In Rock“ manifestiert.

Die Purpurnen schalten also einen Gang zurück und beginnen eine Reihe von Songs darzubieten, die mit ausgedehnten Soli-Anteilen ausgestattet werden, die – selbst für Kenner – nicht wirklich zu unterscheiden sind, zumal sie ja ins gleiche Gewand des heutigen Live-Sounds verpackt sind. Dieser ist übrigens zu meinem Erstaunen ganz allererster Sahne und wunderbar gut von überall zu hören und wohl volumisiert. Nach dem mittelstarken „Vincent Price“ von der jüngsten Veröffentlichung „Now What?!“ aus dem Jahr 2013, die dem ebenfalls legendären, im Jahr 2012 verstorbenen Organisten Jon Lord gewidmet ist, folgt noch ein episches Gitarrensolo und ein weiterer etwas zu lang und prog-hymnisch geratener Song, wiederum gefolgt von weiteren Soli an Trommel und Orgel. Es wirkt fast, als gilt es hier zeitlich irgendwie über die Runden zu kommen.

DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Ja, was ist das eigentlich? Kein wildes Rockkonzert, Drogenkonsum oder Post-Hippie-Zeit mit revoltierenden Kids, die etwas verändern wollen und sich ausleben, ausprobieren und protestieren wollen – die Zeiten sind vorbei, um es einmal etwas platt zu formulieren. Es sieht aus als wären die allermeisten aus nostalgischen Gründen hier. „Mensch, weißt du noch damals…? Das schauen wir uns doch mal wieder live an!“ könnte der Auslöser für eine Kartenkaufentscheidungen gelautet haben. Und wenn man es nicht ganz sicher wüsste, dass man auf einem Live-Konzert ist, weil man hier gerade reingekommen ist, dann könnte man auch meinen, man sei dabei sich eine Live-DVD anzusehen: links und rechts der Bühne sowie in der Mitte der Bühne jeweils eine große Leinwand, die alle Musiker im Wechsel aus wechselnden Perspektiven und in Großaufnahmen bei der Arbeit zeigen. Ich finde es durchaus sympathisch, dass man sich wirklich auf die Musik konzentriert und nicht mit einer aufgetakelten Show Effekthascherei betreibt, aber das, was phasenweise auf der Bühnen-Projektionsfläche zu sehen ist, ruft bei mir eine Art Fremdschämen hervor: Wirklich altbackene Psychodelic-Muster wechseln mit sowas von 80er Effekten, wie beispielsweise einer heran gezoomten Discokugel in die dann der Gitarrist während des Solospiels projiziert wird oder wahlweise auch mal Textzeilen zum Mitsingen.

DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Ich muss mir ein Bier holen und ein junges Pärchen, ich würde schätzen 16 und 17 Jahre alt, erzählt mir, dass sie nur hier sind, weil sie die Karten ihren Eltern geschenkt haben. Vom Versorgungsstand aus höre ich wieder ein sehr gedehntes Solo des Keyboarders Don Airey, der seit 2002 für Deep Purple am Werk ist. Natürlich – alle sind sie Vollblutmusiker, Könner, Virtuosen und auch Routiniers, doch was man da zu hören bekommt und für mich nach höherer Fingerübung in ziemlich schrägen Klangfarben klingt, das ist schon ein wenig Geduldspiel. Und ich schweife wieder ab und versuche diesem Phänomen vielleicht doch auf den Grund kommen zu können, warum hier vier ältere Herrschaften der Generation meines Vaters auf einer etwas groß geratenen Bühne stehen und eine scheinbar aus der Zeit gefallene Musik spielen und geschätzte 7.000 Leute sich das anhören wollen und das größtenteils im Stehen.

DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Das Keyboard-Solo mündet endlich wieder in eines der wohl bekannten Lieder des Deep Purple-Universums. „Perfect Strangers“ stammt vom gleichnamigen Album, das die Band nach 8-jähriger Pause bzw. nach erfolgter und erfolgreicher Re-Union 1984 veröffentlicht hatte. Und auch hier haben sie den gemächlicheren Weg gewählt. Ein wirklich tolles Lied, keine Frage, aber ich hätte mir da doch lieber „Knocking At Your Back Door“ gewünscht. Und dann sind auch die obligatorischen anderthalb Stunden geschafft – endlich, könnte man fast meinen. Das wirklich absolut unbewegliche Publikum freut sich nun aber hörbar über „Smoke On The Water“. Dieses wird ebenfalls auf der Mittelleinwand illustriert und zwar mit ziemlich albernen Bildern von Smoke, Water und Fire.

Mit einem „We-love-you-take-it-easy-bye-bye“ verabschieden sich Deep Purple, um nach einer Minute mit dem wunderbaren „Hush“ aus dem Jahre 1968 und ihrem Überhit „Black Night“ von der 1970er „In Rock“-Platte, ihre Zugaben zum Besten zu geben. Auch diese noch ein weiteres Mal angereichert mit ausgiebigen Soli und einem Nachsing-Spiel zwischen Steve Morse’s Gitarre und dem Publikum.

DEEP PURPLE, 28.11.2015, Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Foto: Michael Haußmann

Klar, mir geht es ja auch so, dass ich mich darüber freue, zumindest einige der Lieder, mit denen ich musikalisch sozialisiert wurde und die so etwas wie Kult-Status besitzen, live und im Original zu hören – sogar sehr (auch wenn „Child In Time“ echt gefehlt hat)! Und so muss man es wohl auch sehen, das Phänomen. Die Musiker scheinen wirklich ihren Spaß zu haben und genießen es sichtlich, noch immer bei so vielen Leuten so gut anzukommen. Und ohne das nun empirisch belegen zu können, behaupte ich, dass 99% des Publikums wirklich sehr zufrieden und beglückt sind an diesem Abend und das Gefühl haben, dass jeder Cent für das überteuerte Ticket gut investiert war, um diese Zeitreise erleben zu dürfen.

Und natürlich und der Vollständigkeit halber: Es gab eine Vorband. Unter dem Namen Rival Sons tritt die im Jahr 2008 gegründete und aus Kalifornien stammende Rockband auf, die bereits auch als Vorband für AC/DC, Alice Cooper und Judas Priest aktiv sein durfte. Rival Sons liefern einen grundsoliden Auftritt ab mit ihrer bluesigen Hard Rock-Melange, die sich irgendwo in einem Spektrum zwischen Black Sabbath, Black Crowes und Pearl Jam bewegt. Viele Anleihen sind herauszuhören und das Rad wurde nun nicht neu erfunden, jedoch bewegen sich die Musiker und insbesondere der stimmgewaltige Sänger Jay Buchanan durchaus auf sehr hohem Niveau, welches das Zuhören in der Tat lohnenswert macht.

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