THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Wäre irgendwie schön, wenn ein leichter Hangover und das seit Tagen angesammelte Schlafdefizit das Konzertreviewschreiben erleichtern würden. Ist aber nicht so (man hätte es sich denken können). Bleibt einem also nichts anderes übrig, als den Preis für das eigentlich schön ereignisreiche Leben zu zahlen und sich am Montagabend nach zwanzig Uhr nochmal zusammen­zureißen. Feierabend eh überbewertet.

The Tuts aus London sind eine dieser Bands, die einem im Internet ab und zu über den Weg laufen und bei denen man sehnsuchtsvoll denkt, wie toll es sicher wäre, die mal live zu sehen, man aber stark davon ausgeht, dass das nicht so bald passieren wird. Stuttgart ist eben nicht London, und auch nicht Berlin und was Konzerte angeht, muss man halt auch immer ein bisschen nehmen, was man kriegt. Ist ja auch gar nicht immer schlecht. Umso größer die Freude, als man erfährt, dass die Gruppe ganz unverhofft tatsächlich in Stuttgart auftritt und obendrein noch im Rahmen eines Wohnzimmer­konzertes, also die nettesten Menschen im Publikum plus ganz nah dran sein an der Band, das Beste. Erwähnenswert, dass es noch einen zweiten Tuts-Fan in der Gig-Blog-Clique gibt, nämlich Holger, der den Review-Zuschlag aber netterweise mir überlässt, vielen Dank nochmal dafür.

THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Sonntagabend ist es soweit. Seit Wochen freut man sich darauf bzw. nervt die Gastgeberin mit besorgten Nachfragen, ob denn wirklich alles klappt und der Platz auch ganz sicher reserviert sei. Großes Hallo schon bei der Ankunft, die lieben musikbegeisterten Freundinnen und Freunde von Blog und dem erweiterten Umfeld kann man ja auch nicht oft genug treffen. Nett aussehende neue Gesichter sind auch dabei. Etwa vierzig bis fünfzig Musikfans haben sich bei Claudia eingefunden, mehr passen auch nicht rein, optimale Publikums­größe also. Pünktlich um halb neun werden die Anwesenden begrüßt und die Gastgeberin kündigt schon mal an, dass es heute „laut und krachig“ wird.

THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Und schon kommt die aus drei jungen Frauen bestehende Band durchs Publikum auf die Bühne nach vorne (freigeräumte Fläche rechts vom hauseigenen Klavier). Alle drei tragen aufeinander abgestimmte Outfits in rotkariertem Flanell, schwarze blickdichte Strumpfhosen und keine Schuhe. Vom Look her irgendwo zwischen Grunge, Punk und Ska und auf jeden Fall sehr britisch. Nach dem ersten Stück lässt sich Sängerin und Gitarristin Nadia erstmal ihre schwarzen Adidas-Turnschuhe anreichen, doch etwas rutschig sonst.

THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Das zweite Stück wird angekündigt mit der Erläuterung „this next song is about sexism in the music industry.“ The Tuts werden u.a. von Kate Nash gefördert und Feminismus und Anti-Sexismus gehören hier zum ganz normalen Selbstverständnis. „Tut, tut, tut“ heißt das Stück und geht direkt über in einen der Hits der Gruppe, „I call you up.“ Ein schöner Uptempo Indie-Popsong, live natürlich extra laut. Zwischendrin trinkt Nadia mit wachsender Begeisterung Schöfferhofer Grapefruit („usually we just stick to wodka“) und fragt schon mal für später nach Rizla ( = Papers). Song Nummer sieben wird wohl die nächste Single. Es geht in dem Stück um die konservative Tory Party. „Our prime minister is a cunt and this is what this song is about,“ erläutert Nadia. Wäre das auch geklärt. Es folgt „Do I have to look for love?“, der Song mit dem wahrscheinlich größten Hitpotenzial im Set, inklusive passender Girlgroup-Choreo und angedeutetem Abklatschen zwischen Gitarre und Bass am Ende des Stückes.

THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Dann gibt’s noch ein Cover von The Clash plus eine Coverversion des 90er-Jahre-Hits „Two Princes“, bei dem fröhlich mitgeklatscht wird. Ein bisschen too much für F., für den Punk glaube ich zu wichtig ist, als das man das Genre beliebig veralbern dürfte, die meisten finden es aber ganz gut. Am Ende gibt es noch zwei Zugaben und mit fünfzehn Songs war der Auftritt dann doch länger als manche angesichts der noch jungen Karriere der Band erwartet hatten.

THE TUTS, 04.10.2015, InDieWohnzimmer, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Anschließend wird noch reichlich Merch erworben, anscheinend bin ich nicht die Einzige, die hier mit extra viel Bargeld angereist ist. Für Fotos und Gespräche stehen Bev, Harriet und Nadia natürlich auch noch so lange zur Verfügung, wie sie gebraucht werden und im obligatorischen Hut, der am Ende des Konzertes herumgeht, ist erfreulicherweise auch sehr ordentlich was gelandet. Ein großartiger Abend mit guten Songs, Haltung und hohem Unterhaltungswert.

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