JOCHEN DISTELMEYER, 07.02.2010, Manufaktur, Schorndorf
von Michael Setzer · 8. Februar 2010
Immer das gleiche Lied: Hab mich schon zwei Mal breitschlagen lassen, Blumfeld live anzuschauen. Ich war zwei Mal hocherfreut. Gelernt habe ich daraus nichts. Musste mich auch dieses Mal wieder überreden lassen, mir Jochen Distelmeyer, bis vor zwei Jahren noch Sänger eben dieser Band, in der Manufaktur anzuschauen. War schon wieder saugut … selbst der dümmsten Laborratte würde da langsam ein Licht aufgehen.
Die Manufaktur ist mit geschätzten 250 Leuten gut gefüllt, bedenkt man, dass Distelmeyer in den vergangenen Wochen schon in Stuttgart und Tübingen gespielt hat und dass Sonntagabend prinzipiell kein guter Tag für Dinge ist, die man nicht in Pyjama-Hose oder im Liegen tun kann. Einige Leute im Publikum scheinen Wiederholungstäter. Die musste wahrscheinlich keine Sau überreden, standen obendrein tipptopp aufrecht und sahen auch den Umständen entsprechend passend gekleidet aus.
Distelmeyer auch. Sieht schneidig aus im feinen weißen Anzug, wahrscheinlich Herr von Eden oder so was. Der Rest ist aber wesentlich beachtlicher: Der Hamburger, der irgendwie immer ein bisschen aussieht wie einer, den man gerade aufgeweckt hat, schreibt teils unverschämt schöne Lieder und eine wahnsinnig gute Band hat er auch mit dabei. Auf Platte fällt das manchmal gar nicht auf. Beim Konzert trifft’s mittenrein, trotz all der Gefühlsduselei – vielleicht aber auch gerade deswegen. “Tighter Scheiß”, würde meine kleine Nichte sagen. Obwohl die weder Distelmeyer, noch Blumfeld kennt und Emo eigentlich “voll schwul” findet.
Was Distelmeyer da tut ist wiederum hochgradig “Emo”: “Nur mit Dir”, “Jenfeld Mädchen” oder “Lass uns Liebe sein”. Das sind blitzsaubere Poplieder ohne doppelten Boden, Ironie, Coolnesswahn oder Schutzhelm – so nah am Wasser gebaut, dass Gummistiefel mehr als nur eine gute Idee sind. Und Distelmeyer selbst: Entwaffnend. Der Typ packt einen. Manchmal singt er so eindringlich, dass man nur hoffen kann, keinen persönlichen Zugang zu seinen Themen zu finden. Ist aber schwer bei einem, der übers Leben und leben singt und zu allem Überfluss auch noch treffende Worte dafür findet. Schlager, Befindlichkeit, Pop oder “neue Innerlichkeit”? Scheißegal. Er trifft. Kurz: der hat einen ruckzuck an der Angel. Hab eben sogar bei Google nachgeschaut, wo und was “Jenfeld” eigentlich ist. Arsch der Welt in bester Großstadtlage.
“Bleiben Oder Gehen”, auch von Distelmeyers Platte “Heavy”, beantwortet sich da fast von alleine, zwischendrin gibt’s ein paar Blumfeld-Gassenhauer und herzliche Gespräche mit dem Publikum. “Ihr seid toll”, sagt Distelmeyer. “Ihr seid auch nicht schlecht”, ruft jemand zurück. “Ich weiß, Danke”. Ja, Charme hat er auch. Soviel, dass man schmunzelt, wenn er zum “Hey”-Rufen oder Mitsingen animiert oder unfunky tanzt. Und auch das muss mal gesagt werden: Goldkehlchen der Typ und halt entwaffnend sympathisch. Völlig zu Recht werden The Distelmeyers in der Manufaktur abgefeiert wie blöd.
Lars Precht, der exilschwäbische Bassist, ist wiederum auch eine Liga für sich. Irgendwo zwischen Peter Hook, Balu dem Bär und bizarrer Bewegungslegasthenie bringt der einen auch zum Grinsen. Spielen kann er aber tipptopp. Egal. “Herz” reimt sich auf “Schmerz” und Distelmeyer strahlt dann doch heller.
“Ich geh’ durch die Straßen ohne Gott und ohne Geld” – ”Regen” ist ein schönes kleines Lied. “Einfach so” ein Noiserock-Brocken. The Distelmeyers reichen einen bunten Strauß an Melodien und der Kapellmeister gibt wirklich jedem Einzelnen das Gefühl, sich wirklich über den Besuch zu freuen. “Wir sind Frei”, Blumfeld-Hit ist auch immer noch ein wunderschönes kleines Lied. Zeitlos. Da darf schon mal länger geklatscht und “Zugabe” gerufen werden.
Nach fast zwei Stunden sagt er: “Wir sind Jochen Distelmeyer”, normalerweise ein Satz, der ohne Zwischenstopp direkt in die Psychiatrie führt. Am Sonntagabend in der Manufaktur stimmt’s irgendwie. Die Mannschaft ist der Star … kennen wir ja vom Sportplatz. Irgendeiner ruft “Bravo!”, so was hört man heutzutage nicht mehr oft. Menschen, die so etwas sagen meinen es ernst. Von ganzem Herzen. Distelmeyer ist die richtige Adresse.
Habe jetzt doch was gelernt: Früher habe ich metallhörende Freunde heimlich im Newsletter von Blumfeld angemeldet, wenn ich sie ärgern wollte. Mach’ ich nicht mehr.
Hier gibt’s noch mehr Fotos vom Auftritt in der Manufaktur.
LOCAL NATIVES, 06.02.2010, Keller Klub, Stuttgart
von Lino · 7. Februar 2010
Ein Samstagabend dieses scheisskalten Winters 2010: Etliche Gig-Blogger gehen hinter den Desks anschaffen, andere gehen auf das Konzert der Local Natives. Die Kalifornier touren gerade mit einem weißen Van das erste Mal durch die Republik, die deutsche, um ihr Debütalbum Gorilla Manor zu präsentieren. Dass es sich wohl nicht um eine gewöhnliche Newcomerband handelt, kann man vielleicht daraus ablesen, dass sie auch schon in der ZEIT gefeatured wurden.
Der Keller Klub ist angenehm gefüllt und Punkt 22.42 Uhr ist Anpfiff (Danke Chris!). Die fünf jungen Männer legen gleich gut los. Ich hatte eigentlich mit eher folkigerem, ruhigen Sound gerechnet, doch das hier geht gleich nach vorne mit lauten Trommeln (Schlagzeuger + noch eine Tom vorne auf der Bühne) und lauten Gitarren. Die Fleet Foxes werden ja gerne als Vergleich genannt, aber damit können eigentlich nur die mehrstimmigen Chorgesänge gemeint sein. Der Rest ist doch wesentlich flotter, schon irgendwie Indierock, aber der ausgefeilteren Sorte. Vielleicht ein origineller Bastard der Fleet Foxes und Vampire Weekend? Letztere kommen mir in den Sinn, da die Gitarrenläufe gerne mal an afrikanische Musik erinnern. Der Opener wartet zudem noch mit reggaehaften Parts auf, während die Rhythmik aber auch sonst selten in den üblichen Rockschemata verharrt. Passend dazu, dass der dritte Song dann auch gleich ein Talking Heads-Cover ist.
Da steckt also ganz schön Arbeit und Tüftelei hinter dieser Musik. Die Gesänge sind teilweise vierstimmig, der Bass übernimmt manchmal die Melodieführung, die 2 Gitarren spielen grundsätzlich nie die gleichen Parts, Keyboard gibt es auch noch. Ziemlich beeindruckend für so junge Menschen. Das kommt also dabei raus, wenn man als Band zusammen in einem Haus wohnt.
Sehr angenehm auch die Spielfreude, die gut rüberkommt, trotz aller Schwierigkeiten und Komplexitäten der Songs. Könner, muss man so sagen. Wenn man denn rummäkeln will, dann vielleicht dies, dass kompositorisch noch etwas Luft nach oben ist. Manche Songs könnten vielleicht mehr auf den Punkt gebracht sein, was Melodie und Struktur angeht. Bei anderen gelingt dies allerdings vorzüglich, wie v.a. beim letzten Stück. Da zeigen sie, dass sie auch schon die Kunst des dynamischen Spielens beherrschen und steigern die Musik in eine finale, hymnenhafte Explosion. Das ist dann schon sehr große Klasse.
Lobend erwähnt sei noch der Moustache des Sängers. Dicht, schwarz, breit, Tom Selleck wäre stolz auf dieses Musterexemplar. Schon jetzt ein Anwärter auf den Topschnurri des Jahres.
Nach einer Stunde ist der Spaß vorbei, und ich glaube, man kann noch Großes von denen erwarten. Bands, die nach nur einem Album, live schon so gut sind, gibt es nicht viele.
Der Abend geht dann noch weiter mit crowdsurfenden jungen Leut’ bei den Tights, aber das ist eine andere Geschichte…
Hier gibt’s noch mehr Fotos.
→ 4 Kommentare Folk · Independent · Konzerte · Pop
QUESTIONS & ANSWERS – der gig-blog Fragenkatalog: Folge 9 mit CHRISTY & EMILY
von Lino · 5. Februar 2010

Die beiden Psychedelic-Folk Damen haben uns ja schon vergangenen Sommer schwer überzeugt. Jetzt treten sie am 13.02.2010 im Merlin auf und haben ihr neues Album No Rest im Gepäck.
What are the first things you associate with Stuttgart?
Cars.
Please describe your most embarrassing moment on stage.
My amplifier was on standby for the entire set at my first rock show.
Can you list all the things you lost on tour?
A feather headband, wurlitzer repair tools.
We’d love to hear from you that your latest record isn’t your best one.
Oh, but it is our best one.
Which was the last movie you saw in cinema?
Fantastic Mr. Fox
Which was the last album you bought?
Ethiopiques- the volume of the pianist
Which was the last book you threw into the corner?
“Why Children Lie”
Which song makes you run on the dancefloor?
Anything by ESG.
The world’s best live club?
What’s Cookin’ in London.
Why are your concerts the best ones?
Because we care about you.
If your music was food, what would it taste like?
hot spiced tea
Are the Beatles overrated?
In some ways.
Your greatest mental defect?
My memory.
Which question do you absolutely want to be asked?
What is my favorite part of the three-part exposition?
Do you think that nowadays, with all the changes happening in music distribution and how bands promote themselves, it has become easier or more difficult for you to be perceived?
Easier because there is more flexibility, more going on at a smaller level, but more difficult because who knows what’s going on at a higher level? seems like hocus pocus!
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QUESTIONS & ANSWERS – der gig-blog-Fragenkatalog: Folge 7 mit THE RAVEONETTES
von Anja Wasserbäch · 4. Februar 2010

Nun aber! Das großartige Duo The Raveonettes wird am 10.Februar in der Schorndorfer Manufaktur sein im Dezember ausgefallenes Konzert nachholen. Hier nochmal ihr Questions & Answers. Sune Rose Wagner, der Typ der Band, beantwortet unsere Fragen.
What are the first things you associate with Schorndorf?
No associations, sorry
Please describe your most embarrassing moment on stage.
When you forget what city you’re in.
Can you list all the things you lost on tour?
The list would be way too long.
We’d love to hear from you that your latest record isn’t your best one.
Our last record is not our best one.
Which was the last movie you saw in cinema?
Tim Burton’s “Corpse Bride”
Which was the last album you bought?
Run DMC “Raising Hell”
Which was the last book you threw into the corner?
Tolstoy’s “Anna Karenina”
Which song makes you run on the dancefloor?
Iron Maiden “Number Of The Beast”
The world’s best live club?
Store Vega in Copenhagen.
Why are your concerts the best ones?
You should come and find out!
If your music was food, what would it taste like?
Dog food.
Are the Beatles overrated?
No.
Your greatest mental defect?
You should come and find out.
Which question do you absolutely want to be asked?
Is it gonna be a white xmas?
Why are Scandinavian bands so good?
They’re not.
GOOD SHOES, 02.02.2010, Keller Klub, Stuttgart
von Lucas · 3. Februar 2010
So gehört sich das: Pünktlich um 22:00 Uhr anfangen, zeitig um 22:55 Uhr aufhören und dazwischen eine große Portion Britpop mit Sahne.
Die Vorband, die lokalen The Stud verpassen wir geflissentlich. Scheinen aber ganze Arbeit geleistet und mächtig eigene Fans mitgebracht zu haben. Zumindest ist es erstaunlich voll an diesem Dienstagabend im KellerKlub, und es wird schon bei den ersten Tönen von Good Shoes bis zum Bühnenrand aufgeschlossen und sich verhalten extatisch verhalten. Rund 120 Schüler und Studenten sind da und auch ein paar Enddreißiger mit Haarkranz haben sich her verirrt.
Good Shoes kommen aus der Vorstadt von London, sind zu viert, männlich und haben sich nicht extra schick gemacht. Sie tragen etwas zu große T-Shirts und betreten schluffig wie eine Schülerband die Bühne. Sehr sympatisch die Jungs.
Britpop erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Und Good Shoes passen gut in diese Zeit mit ihren wohlfeilen Gitarrenklängen. Auf den Alben sind die Instrumente fein ausziseliert, d.h. weniger verzerrtes Gitarrengeschrammel, als vielmehr klar definierte Gitarrenläufe mit angenehmem Gesang über Themen wie die eigenen Unzulänglichkeiten und so.
Live klappt das auch ganz gut: Die Jungs haben sichtlich Spaß und verbreiten gute Laune. Die Strokes und Art Brut kommen einem unweigerlich in den Sinn. Die New Yorker haben die strukturbrechende Leadgitarre hoffähig gemacht, Art Brut den sprechenden Sänger. Bei den krachigen Stücken geht die Rechnung auf, bei den langsameren leider nicht. Da erscheint die monotone Sprechstimme von Rhys Jones fast schon etwas öde. Macht aber nix, durch ihre unbekümmert leichte Performance und vor allem die abwechslungs- und einfallsreichen Rhythmen fällt das kaum auf.
Indie-Rock wird hier nicht neu erfunden oder revolutioniert, aber das Werk von Good Shoes solide zu nennen, wird ihm auch nicht gerecht. Hier wird richtig gute Arbeit abgeliefert, hier sind vier Vorstadtkids mit Talent und Freude dabei. Hier sind Good Shoes, und es kann gut sein, dass die Jungs nochmal in größerem Rahmen von sich reden machen werden.
Hier gibt’s noch mehr Fotos.
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