gig-blog.net

Interview: ORWELL, FFUS, 04.03.2010, Stuttgart

von Cathrin · 8. März 2010

Video: bertramprimus

Video: bertramprimus

Post to Twitter Artikel Twittern Post to Facebook Facebook Post to MySpace MySpace

→ 11 Kommentare Allgemeines · Interview · Pop

Antifascist Oi Festival mit FORBIDDEN KINGS + PRODUZENTEN DER FROIDE + DISCIPLINE, 05.03.2010, JUHA Hallschlag, Stuttgart

von Carsten Weirich · 6. März 2010

img 5220 Antifascist Oi Festival mit FORBIDDEN KINGS + PRODUZENTEN DER FROIDE + DISCIPLINE, 05.03.2010, JUHA Hallschlag, Stuttgart

Fotos: Carsten Weirich

Antifascist Oi Festival – na das klingt doch nach einer Menge Spaß. Und dann auch noch Discipline, eine meiner absoluten Lieblingsbands, wenn es um Streetpunk geht. Unterstützt werden die Holländer von zwei schwäbischen Größen in Sachen Oi-Punk, den Forbidden Kings und den Produzenten der Froide. Also ab ins Jugendhaus Hallschlag an diesem bitterkalten Freitag.

Dort angekommen wundern wir uns erst mal darüber, wie groß das Jugendhaus ist. Wer dachte, die drei Bands spielen in einem kleinen Räumchen liegt falsch. So klein ist das gar nicht. Ganz im Gegenteil. Hat zwar ein bisschen Turnhallen-/Schuldiscoflair, macht bei der Musik aber gar nichts.

Eine Band wie Discipline, eigentlich unpolitisch und der, ähem… nennen wir es mal, „Fußball-Fan-Kultur“ nahestehend, zieht unter Umständen auch mal eher zwielichtiges Publikum an. Umso schöner, dass sie mit ihrem Auftritt auf einem Antifascist Oi Festival auch als unpolitische Band Stellung beziehen. Das wirkt sich auch auf das Publikum aus: Punks, Skins, stadtbekannte Unruhestifter und allerlei buntes Volk tummeln sich in freundlicher und gelöster Atmosphäre im Jugendhaus. Beim ein oder anderen ist die Stimmung schon sehr gelöst, schön am unsicheren Torkelgang zu erkennen. Alkohol passt zu Punkrock einfach wie Arsch auf Eimer.

Kurz nach 21 Uhr entern dann die mir bis dahin noch unbekannten Forbidden Kings die Bühne, mit der undankbaren Aufgabe das Publikum in Stimmung zu rocken. Finest Streetpunk Schwaben steht unter Ihrem Bandlogo und ich muss schon sagen: Das knallt wirklich. Frontmann Poldi Power und seine drei Bandkollegen erfinden die Musik nicht neu, aber spielen einfach straighten, flotten Streetpunk mit englischen und deutschen Texten. Das Publikum kommt allerdings noch nicht so richtig in Wallung, was wohl weniger an der Qualität der Band liegt. Die meisten Leute stehen noch irgendwo im Vorraum oder draußen, trinken Bier und begrüßen Freunde und Bekannte. Nach zwei Songs tingeln aber doch die ersten potenziellen Schubser Richtung Bühne, um dort angekommen erst mal dem Nebenmann eine mitzugeben. Ein zarter Funke Pogoparty sozusagen. Als die erste Band des Abends die Bühne verlässt, habe ich mir fest vorgenommen mir demnächst mal ein Album der Forbidden Kings raus zulassen.

Die nächsten in der Reihe sind dann die Produzenten der Froide aus Stuttgart, eine echte Größe in Sachen Oi-Punk, und das seit 1992. Mit der Urbesetzung der Produzenten habe ich in deren ersten Jahren viel Zeit verbracht und eine Menge Spaß gehabt. Weilimdorf Posse mal wieder. Von damals ist jetzt nur noch Karl übrig, der damals Gitarrist war. Mittlerweile ist er der Frontmann der Produzenten und ich muss schon sagen: eine gute Entscheidung. Vom ersten Song an geht die Post ab. Karl brüllt und shoutet, was das Zeug hält, die Band gibt Vollgas und die Party bricht los. Der Schubskreis nimmt Formen an, Oberkörper werden entblößt, Fäuste werden Richtung Hallendecke gestreckt und Songs wie „Mittelfinger“ oder „White Power, golden shower“ mitgegrölt. Den Produzenten ist es wichtig Stellung zu beziehen und sich abzugrenzen von dem Teil der Szene, der, wie Karl sagt, „mit rechts kuschelt“. Das Publikum nimmt es dankend an und es hallt „Alerta Alerta Antifascista“ durch den Raum. Zwischendurch wird der VfB zelebriert (und das obwohl Karl bekennender Kickers-Fan ist). Fußball und Oi-Punk passen nämlich auch zusammen wie Arsch auf Eimer. Mein persönlicher Höhepunkt ist aber das gnadenlos hymnenartige Cover „Griechischer Wein“. Hätte nicht gedacht, dass ich mal einen Udo Jürgens-Song mitsinge. Als sich die Produzenten dann verabschieden, könnte ich schon zufrieden nachhause gehen. Aber da war ja noch was. Discipline.

Ich habe mich schon lange drauf gefreut, die Holländer mal live zu sehen. Jetzt ist es soweit. Discipline betritt die Bühne und beim Anblick von Frontmann Joost de Graaf und seinen Mannen frage ich mich, ob die für ein Oberarmtattoo genau so viel bezahlen müssen wie ich. Wenn ja wär’s eine Schweinerei. Gerechterweise sollten sie dafür so viel blechen wie ich für einen komplett tätowierten Rücken. Schon beim kurzen Soundcheck verbreiten die Holländer Stimmung, grölen Fußballmelodien oder bitten schon mal eine nicht ganz unattraktive Punkrockerin zum Tanz auf die Bühne. Nach ein paar Minuten geht es los und vom ersten Ton an ab. Streetpunk deluxe! Melodisch und ohne Umwege direkt auf die Zwölf – das ist der Sound der Eindhovener, die seit 1990 ihr Unwesen in der Szene treiben. In den Songs geht es um Fußball (mal wieder), die Arbeiterklasse, Freundschaft, Liebe, Suff und Schlägereien. Der Schubskreis hat sich mittlerweile zu einem sehr stattlichen gemausert und die Fans brüllen jeden Song mit. Während der Frontmann den Kontakt zum Publikum sucht, knallen verschwitzte Oberkörper gegeneinander, treffen Doc Martens auf Schienbeine und fallen Pogotänzer übereinander. Discipline gibt Hits wie „Downfall of the working man“, „When I’m dancing I ain’t fighting“ und „Hell is for heroes“ zum Besten und freut sich offensichtlich genauso über den gelungenen Abend wie ich. Als sie Ihre PSV Eindhoven-Hymne „Red & White Army“ zum Besten geben, frage ich mich, warum der VfB nicht mal eine coole Band einen Song schreiben lässt. Unsereins muss sich immer so einen Riesenscheiß wie Wolle Kriwaneks „Stuttgart kommt“ gefallen lassen. Kann der VfB nicht einfach den Song von Discipline klauen? Rot und weiß sind doch auch Stuttgarts Farben. Naja, egal. Discipline zelebriert den Fußball jedenfalls und ganz offensichtlich bleiben die sympathischen Holländer auch mal länger als 90 Minuten im Stadion des PSV, bis zur dritten Halbzeit sozusagen. Nach zwei Zugaben neigt sich die Party leider dem Ende entgegen. Discipline entlässt das sichtlich erfreute Publikum gegen 0.30 Uhr mit „Runnin‘ Riot“ in die bitterkalte Nacht.

Ein wirklich gelungenes Konzert. Stimmig von der ersten bis zur letzten Band. Sicher nichts für Musik-Feingeister, aber ein genialer Abend für Fans des einfachen und straighten Streetpunk. Sauber.

Hier gibt’s noch mehr Fotos von Discipline.

Post to Twitter Artikel Twittern Post to Facebook Facebook Post to MySpace MySpace

→ 2 Kommentare Konzerte · Punk

ORWELL, 04.03.2010, FFUS, Stuttgart

von Lino · 5. März 2010

Orwell

Fotos: Steffen Schmid

Meine Güte, was soll ich nur schreiben? Kann man etwas schreiben über ein Konzert mit Musik, die man bedingungslos verehrt, gemacht von den liebenswürdigsten Leuten,  mit denen man auch noch befreundet ist?

Cathrin und ich sind ja letzten Herbst bis nach Saarbrücken gefahren, um ein Konzert von Orwell zu sehen, und sind seither dieser Band verfallen. Dass sie nun hier, heute Abend in Stuttgart spielen, wirkt immer noch ein wenig surreal, wie ein Traum. Da sei an dieser Stelle ganz herzlich Moritz vom FFUS und Jerome und Jacques von Orwell gedankt, die das möglich gemacht haben.
Wem die Platten noch nicht Beweis genug sind, dass Orwell womöglich die meist unterschätzte und am wenigsten gewürdigte kontemporäre Popband ist, der darf sich heute abend live davon überzeugen. Das mag jetzt sehr überzogen klingen, aber mir fällt wirklich keine andere aktuelle Band ein, die es schafft so wundervolle Ozeane aus Harmonien und Melodien zu kreieren, ohne dabei jemals zu seicht, zu banal zu werden, und dabei gleichzeitig so kommerziell missachtet zu werden. Vielleicht auch ein kleines Problem in Sachen Vermarktung, denn für reinen Sunshine- oder Baroque-Pop klingen sie zu erwachsen und ernst, für Indie nicht schrammelig genug und zu leicht usw. . Scheiss Schubladen, das sind nix anderes als Popmeisterwerke, die wir seit Jahren präsentiert bekommen, egal wie man sie stilistisch einordnen möchte. Man kann nur hoffen, dass das schon zu Teilen aufgenommene neue Album möglichst bald ein Label findet, ansonsten gründe ich eins (“Gig-Blog-Records”, Lucas zahlt).

Mastermind Jerome Didelot hat diesmal den Vibraphonisten und Percussionisten Jacques Tellitocci (u.a. aktiv bei TH8 und Holden)  dabei. Die beiden Obersympathen kommen von einem Abstecher aus Bremen, wo sie in Arnd Zeiglers Radioshow und in der Schwankhalle aufgetreten sind.
Um den oft orchestralen Sound zumindest in manchen Songs reproduzieren zu können, bedient sich Jerome einem kleinem Gerät zum Erzeugen von Loops. Die Gefahr, dass einem vor allzu sparsamer Instrumentierung auf die Dauer langweilig werden könnte, ist damit gebannt. Wäre aber sowieso nicht passiert, denn Orwell haben Songs solcher Güte auf Lager, dass es für Dutzende Bands reichen würde.
Heute Abend präsentieren sie einen Querschnitt ihres Schaffens mit Songs v.a. aus ihren Alben Le Genie Humain und Archipel. Aber auch 2 neue Tracks werden gespielt. Faszinierend wie In Your Playground und Tout Entier durch die neuen Livearrangements keinesfalls verlieren, sondern ganz neue Facetten bieten. Das Vibraphon steigt unterdessen bei mir im Laufe des Konzerts zum Lieblingsinstrument auf. Was für ein Sound, wie in warmen Honig baden oder sowas. Mitblogger Lucas ist unterdessen fasziniert von Jacques, der mit 2 Klöppeln pro Hand rumhantiert, und äußert den etwas schwer nachzuvollziehenden Wunsch, er möge doch vielleicht sogar mit 3 Klöppeln pro Hand spielen (man muss nicht jeden Gedankengang nachvollziehen).
Die Songs, wie die bombastischen Le Genie Humain und Archipel erfüllen den Waggon mit Wohlklang, begeistern und verzaubern uns. Auf den Boden holen uns immer wieder die extrem humorvollen Ansagen von Jerome, der in Jacques seinen kongenialen Komikpartner auf der Bühne hat.
Der ganze Abend ist so wunderbar, dass ich mir am Ende wünsche, dass es einfach ewig so weitergehen soll. Wer braucht schon Essen, Arbeit, Haushalt und den ganzen anderen Quatsch, wenn das Leben auch so aussehen kann?

Irgendwann endet aber alles, auch der allerbeste Abend, und zwar mit drei Coverversionen, u.a. Cars & Girls der Prefab Sprout und Make It Easy On Yourself der Walker Brothers. Mein Eindruck ist, dass Orwell sich viele neue Freunde an diesem Abend gemacht haben.

Ihren Hurts Bericht fing Cathrin mit “Immer großartig:  Konzerte, die genauso wundervoll werden, wie man sie sich vorher zurechtträumt” an. Dem hab ich nichts mehr hinzuzufügen, außer: Thank you Jerome and Jacques for existing, Stuttgart loves you, we’ll see you very soon!

Orwell

Fotos: Steffen Schmid

Hier gibt’s noch mehr Fotos.

Post to Twitter Artikel Twittern Post to Facebook Facebook Post to MySpace MySpace

→ 8 Kommentare Independent · Pop

QUESTIONS & ANSWERS – der gig-blog Fragenkatalog: Folge 12 mit HEY HEY RADIO!

von Cathrin & Lino · 3. März 2010

HeyHeyRadio QUESTIONS & ANSWERS – der gig blog Fragenkatalog: Folge 12 mit HEY HEY RADIO!

Foto: www.myspace.com/thefotografiks

Tennis liegt wieder in der Luft. Hey Hey Radio! aus Mailand werden diesen Trend am 11. März im 1210 unterstreichen. Die Filmchen auf youtube lassen auf ein gewaltiges Livespektakel, einer Mischung aus Disco, Electro, Rock und…Tennis natürlich schließen. Vorab paar Fragen. Grazie! Prego!

What are the first things you associate with Stuttgart?
We love cars, so that would of course be Porsche and Mercedes :) Then the football team and the thermal spa, right?

Please describe your most embarrassing moment on stage.
Once in Milan, when after a jump our bassist fell on the amp and broke his
back ;)

Can you list all the things you lost on tour?
Shoes, tennis racket, an iPod, a guitar, jackets (at least 2) and clothes in general, ID card etc.

We’d love to hear from you that your latest record isn’t your best one.
Impossible, it’s the only one we made and hence the best (or the worst?
Ehehehe).

Which was the last movie you saw in cinema?
Gran Torino. Great movie, director and main character Clint Eastwood.

Which was the last album you bought?
Let’s say the last two… “Ratitude” from Weezer and “Hot Mess” from Cobra Starship.

Which was the last book you threw into the corner?
Everything by Federico Moccia (which we of course also never bought!!!).

Which song makes you run on the dancefloor?
Eighties disco music. It runs in our veins … Can you hear it?

The world’s best live club?
We hope the next one :)

Why are your concerts the best ones?

Because we put it all in our live shows and make everybody dance! Come and have an unforgettable experience…hehehe

If your music was food, what would it taste like?
Burger King: nice and greasy!

Are the Beatles overrated?
-

Your greatest mental defect?
NOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOOO!!!!!!!!!!

Which question do you absolutely want to be asked?

Where does your name come from…

David Foster Wallace was a great tennis player, you obviously are and so am I. Why have all tennis player such a genius mind?
We prefer John McEnroe: Genius and madman in one person!!!

Post to Twitter Artikel Twittern Post to Facebook Facebook Post to MySpace MySpace

→ Keine Kommentare Allgemeines · Independent · Interview

NITZER EBB, 28.02.2010, Röhre, Stuttgart

von Carsten Weirich · 1. März 2010

Nitzer Ebb

Fotos: Steffen Schmid

Dass ich das noch erleben darf – Nitzer Ebb live in Stuttgart! Um die Bedeutung für mich zu veranschaulichen, muss ich mal eben etwas ausholen. Ich war 18 Jahre alt, als ich das erste Mal in einer Grufti-Disco war. Davor war so ziemlich alles außer Deutschpunk tabu. Mit Cure, Depeche Mode und den guten alten Sisters of Mercy hat’s angefangen, die Einstiegsdroge quasi. Später folgte, was man damals halt noch so hörte: Das Ich, Relatives Menschsein, Goethes Erben und all sowas. Irgendwann war man neugierig auf die dazugehörige Szene. Krass sollte die sein und anders als alles, was man sonst so kannte. Hat man zumindest so gehört. Also ging’s an einem Samstagabend 1993 mit zwei Freunden frisch gestylt zum ersten Mal in die Scheune nach Bietigheim. Ein denkwürdiger Abend, wir wurden nicht enttäuscht: Finstere Gestalten mit Handschellen und Umhängen, harte Typen mit Glatze und Armeehosen, Mädels in Lackcorsagen, viel Nebel, merkwürdige Tanzschritte – irgendwie seltsam und deswegen erst recht klasse! Dass sich später herausstellte, dass auch Typen namens Dark Lord Hotelfachmann sein können und verruchte Lackladies sich schnell nochmal aufm Klo umziehen, bevor sie von Mama und Papa abgeholt werden, ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls haben wir damals eine neue Welt betreten. Nur von der Musik in der Scheune waren wir irgendwie enttäuscht. Finstere Grabesmelodien wurden fast gar nicht gespielt. Beschiss! Stattdessen diese harten und kalten elektronischen Beats mit viel Gebrüll und wenig Gesang. Wobei – der stampfende Rhythmus ging recht schnell ins Blut. Irgendwie recht eingängig. Sich auf der Tanzfläche völlig zu blamieren war auch kaum möglich – von links nach rechts stampfen bekommt man auch ungeübt gerade noch so hin. Naja, wo man schon mal da war. Statt zu Das Ich tanzten wir dann eben zu Oomph! „Der neue Gott“ (falls jetzt jemand denkt, wie ich Depp freiwillig und ohne Not zugeben kann, mal zu Oomph! getanzt und dabei sogar Spaß gehabt zu haben: die haben unglaublicherweise mal richtig gute Musik gemacht), Front242 „Tragedy for you“ und einer englischen Band namens Nitzer Ebb, die mit Krachern wie „Let your body learn“ oder „Join in the chant“ recht schnell unsere Herzen eroberte. Und ratzfatz war man mittendrin im EBM. Und so schnell ging’s dann auch nicht mehr raus. Unzählige Festivals, verflossene Liebschaften, durchtanzte Nächte – Bands wie diese haben sozusagen den Soundtrack zu einem Großteil meiner Jugend geschrieben. Und auch wenn ich mittlerweile wieder eher beim guten alten Punk angekommen bin, die großen Helden von damals werden immer noch in Ehren gehalten.

Jedenfalls war die Freude groß, die Briten live in der Röhre sehen zu können. Vor 28 Jahren im englischen Chelmsford gegründet ist die Band um Frontmann Douglas McCarthy ein echtes EBM-Urgestein. Nachdem die Band sich 1997 aufgelöst hatte und McCarthy und Bon Harris sich anderen Projekten widmeten, hab ich nicht damit gerechnet sie nochmal live zu sehen. Aber wie das Leben so spielt: 2006 gab’s die Reunion und nach einigen Konzerten mit „Industrial Complex“ jetzt sogar ein neues Album.

Also auf in die Röhre und sich wieder wie 18 fühlen. Und dazu noch Psyche als Vorband, auch so eine Jugenderinnerung. Nur noch schnell meinen Kumpel abgeholt (der übrigens auch bei meinem ersten Scheune-Besuch dabei war). Mist, der ist natürlich zu spät dran. Muss sich noch stylen und die Glatze frisch rasieren. Ist ja nicht irgendein Konzert. Wir sind zu spät. Denke ich zumindest. Denn als wir eine halbe Stunde nach offiziellem Beginn ankommen, erfahren wir, dass Psyche ausfällt. Gerüchten zufolge soll wegen des Sturms ihr Zug nach Stuttgart nicht fahren. Scheiß Sturm! Wusste gar nicht, dass Bands auch mit dem Zug zu Konzerten anreisen. Schade. Wir haben also noch Zeit. Auch nicht schlecht. Hat man wenigstens Zeit, das ein oder andere bekannte Gesicht zu begrüßen. Manche habe ich schon zig Jahre nicht mehr gesehen. Am Merchandise-Stand dann die zweite Enttäuschung. Das einzige Shirt, das mir richtig gut gefällt gibt’s nur noch in „S“. Ja gut, ich hab in den letzten Wochen schon recht viel Sport gemacht, aber leider auch ganz gern gegessen. Also ist das Thema abgehakt.

Kurz vor 21 Uhr geht’s dann los. Viel Nebel und ein Frontmann, der an Sisters of Mercy-Sänger Andrew Eldritch in seinen besten Tagen erinnert (weißes Hemd, schwarze Krawatte und Fliegersonnenbrille). Das Konzert ist zwar nicht ausverkauft, die Röhre ist trotzdem recht voll und die Stimmung vom ersten Song an richtig gut. Mit „Promises“, dem Opener des neuen Albums „Industrial Complex“, geht’s dann los. Klingt gut. McCarthy und seine beiden Mitstreiter an Drums und Percussion geben Gas. Die für EBM und Nitzer Ebb so typischen Synthie-Beats hallen stampfend durch die Röhre, während McCarthy shoutet, über die Bühne tanzt und sich ab und an schüttelt, als wäre er von Stromstößen durchdrungen (ja gut, manchmal sieht’s auch ein bisschen nach Epileptiker im Pflegeheim aus). Irgendwie bin ich aber noch nicht so richtig drin und auch bei meinem Kumpel scheint der Funke noch nicht so richtig übergesprungen zu sein. „Ich geh mal eine rauchen“, lässt er mich wissen und verschwindet für ein paar Minuten nach draußen. Fairerweise muss man aber auch dazu sagen, dass wir relativ weit hinten stehen und da meistens nicht gerade das Stimmungs-Epizentrum ist. Selbst ein Hit wie „Let your body learn“ ist heute Abend nicht vergnügungssteuerpflichtig. Klingt irgendwie dünn.

Als ich Nitzer Ebb live fast schon enttäuscht abhaken will, schlägt mein Stimmungsbarometer recht unerwartet nach oben aus. „Warsaw Ghetto“ klingt schon ganz anders und jetzt hat‘s mich endlich doch noch erwischt. Der Beat klingt fetter, die Stimmung in der Röhre wird richtig ausgelassen und schließlich kann auch ich nicht mehr stillhalten… links, rechts, links, rechts… ist wie Radfahren, das verlernt man auch nicht. McCarthy der alte Schlawiner hat sich die ganze Power für die zweite Hälfte des Konzerts aufgehoben und die größten Hits für den Schluss. Mit „Murderous“, „Control“ und der sagenhaften EBM-Hymne „Join in the chant“ setzt er nochmal richtig einen drauf. Als Zugabe gibt’s dann noch „Getting closer“ und „Fun to be mad“. Die Röhre jubelt und die wortkarge Band und ihr Publikum applaudieren sich gegenseitig. Mit dem etwas langsameren und synthie-poppigeren „I give to you“ setzen Nitzer Ebb dann nach etwa eineinhalb Stunden den Schlussakkord. Und ich bin erleichtert. Mit der EBM-Legende Nitzer Ebb ist noch immer zu rechnen. Nach durchwachsenem Beginn wurde es noch ein richtig gutes Konzert, wenn auch keines von dem man noch Jahre später schwärmt. Vielleicht lag es daran, dass ein Sonntag eben nicht gerade der beste Konzerttag ist. Vielleicht daran, dass man sich ohne Vorband manchmal doch irgendwie recht unvermittelt ins Geschehen geworfen fühlt. Bin gespannt wie sich die zweite (meiner Meinung nach noch größere) Legende Front 242 im April im Vergleich schlägt.

Zuhause wird aber erstmal ein altes Tape rausgekramt: „Die Scheune – 11.12.1993“. Das hab ich damals dem DJ in die Hand gedrückt und er hat es mitlaufen lassen. 90 Minuten Hardcore, 90 Minuten echte Gefühle.

Nitzer Ebb

Fotos: Steffen Schmid

Hier gibt’s noch mehr Fotos von Nitzer Ebb.

Post to Twitter Artikel Twittern Post to Facebook Facebook Post to MySpace MySpace

→ 5 Kommentare EBM · Konzerte