PUSSY RIOT, 28.09.2026, Kunstverein Wagenhalle, Stuttgart

Leben, Kunst, Aktivismus und Widerstand: ausgeführt im künstlerischen Schaffen als existenzielle Einheit.
21.02.2012: Mitglieder des, 2011 gegründeten feministisch-aktivistischen Punk-Rock-Kollektivs Pussy Riot führten in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale ihr „Punk-Gebet“ auf. Sie betraten dabei einen Bereich der Russisch-Orthodoxen-Kirche, der ohne priesterliche Genehmigung für Privatpersonen nicht zugänglich ist. In ihrem „Gebet“ positionierten sie sich gegen die Allianz von Kirche und Staat. Der Auftritt, der schon nach kurzer Zeit weltweit für Aufsehen sorgt, dauerte nur 41 Sekunden.
Später wurden die entstandenen Videobilder umgeschnitten und mit einer anderen Tonspur unterlegt. In dieser Version hieß es wohl (so behauptete es später die Anklage): „Mutter Gottes, Jungfrau, verjage Putin“ und „Der Patriarch glaubt an Putin, obwohl er an Gott glauben sollte“. Die Aktivistinnen selbst gaben an, dass der Patriarch Kyrill I. Putin vor den Präsidentschaftswahlen unterstützen würde und dass der Klerus mit der Staatssicherheit zusammenarbeiten würde.
Nach der Aktion wurden die Pussy Riot Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marija Aljochina verhaftet und der Prozess gemacht. Angeklagt wurden sie unter anderem wegen Rowdytums. Kyrill I. verurteilte die Aktion als Blasphemie und einen Angriff auf die Kirche, die Bestandteil der nationalen Identität sei.
Verurteilt wurden Nadeschda, Tolokonnikowa und Aljochina zu zwei Jahren Haft. Auch nach ihrer Freilassung blieben die Künstlerinnen politisch aktivistisch. Im Mai 2022 sah sich Aljochina zur Flucht aus Russland gezwungen. Aktuell tritt sie gemeinsam mit Alina Petrowa und Taso Pletner als Pussy Riot auf.

Der erste Programmpunkt des heutigen Abends ist Marija Aljochinas Lesung aus ihrer Autobiografie „Political Girl“. Das Interesse an der Künstlerin ist groß, alle Sitzplätze sind belegt, viele Zuschauer*innen stehen und hören gespannt der Masha (wie Marija privat genannt wird) zu, wie sie erzählt, dass sie schon als Schülerin unangepasst war, später dann die Suffragetten zu ihren Vorbildern wurden. Aljochina wurde Mitglied bei Greenpeace, dem Künstler*innen-Kollektiv Woina, und kam dann schließlich zu Pussy-Riot.
„Feminismus ist eine tödliche Angelegenheit in Russland“
sagt die Dissidentin mit spürbarer Betroffenheit. Aljochina spannt einen weiten Bogen von privaten Erfahrungen als Aktivistin, über innenpolitischen Gängelungen und Repressionen, wie Russland unter Putin immer autoritärer wurde, bis zum Jahre 2014, dem Jahr, als der „Point of no return“ erreicht worden war, als das Regime seine Aggressionen nicht mehr nur nach Innen richtete und die Ukraine ins Visier nahm, da diese sich nach einer Revolution der westlichen Welt annähern wollte. Es fällt ihr schwer, zu erklären, warum ebendiese westliche Welt auf dieses Vorgehen Russlands, auf die Okkupation ukrainischer Territorien so verhalten reagiert hatte, sagt Masha.

Man merkt dem Vortrag ihre emotionale Belastung an. Durch die Unterlegung des Vorgetragenen mit minimalistischen Sounds – eingespielt von Eric J. Breitenbach, Produzent und Schlagzeuger von New Age Doom – überträgt sich ihre Gefühlslage in den Raum und auf das hochkonzentriert zuhörende Publikum, wird emotional greifbar mit geradezu körperlicher Intensität.
Putins Bewunderung für den sowjetischen Diktator Stalin, und dessen an den Ukrainern begangenen Völkermord „Holodomor“ in den 1930er Jahren, wird angesprochen. Wie Putin Russland immer mehr zum repressiven Staat umbaut, LBTQ-Bewegungen unterdrückt, diese als westliche Propaganda verunglimpft, eine Bewegung, die dazu da wäre, die russische Gesellschaft zu zerstören.
Im weiteren Verlauf beleuchtet sie den Fall Alexej Nawalny, schildert ihre aufreibende Flucht aus ihrem Hausarrest über Belarus nach Island, wo sie dann, um sie zu schützen, unverzüglich die Staatsbürgerschaft erhalten hatte.

Marija Aljochinas Auftritt ist weit mehr als eine klassische Lesung, es ist vielmehr ein intensiver performativer Akt, der aber nie ins Theatralische abgleitet; er ist einerseits eine sachliche Dokumentation der Verhältnisse und Geschehnisse, andererseits spürt man in jeder Minute den Druck, dem die Künstlerin und Aktivistin ausgesetzt war, man spürt ihre innere Zerrissenheit, ihre geliebte Heimat, bedingt durch die politischen Verhältnisse, verlassen zu müssen. Ihre Lesung macht schmerzhaft deutlich, was es bedeutet, in einem autoritären Staat für Demokratie und Menschenrechte einzustehen, wie bedrohlich dies ist. Ein Abend, der betroffen macht und uns deutlich vor Augen führt, wie komfortabel es für uns hier ist, für eben diese Werte einzustehen, und wie wichtig es auch ist, zu tun, um unsere Demokratie und Freiheit zu bewahren.
Zum Ende wird Masha von einer Besucherin gefragt, ob sie denn die Hoffnung habe, noch zu Lebzeiten einen Regimechange zu erleben. „Nein“ ist ihre nüchterne Antwort, aber dies sei kein Grund, nicht weiter zu kämpfen. Was für eine überwältigend starke Frau!

Nach dieser aufwühlenden Lesung schlägt uns die brachiale Energie der Stuttgarter Punk-Band Siffon entgegen. Die Band bezeichnet ihren Stil als „Neue Deutsche Schelle Punk“ und eine Schelle ist das absolut, was hier von der Bühne brutal ins Publikum brandet geht voll auf die Zwölf! Die Bühne ist für Sängerin Eilin definitiv zu klein. Sie performt mit vollem Körpereinsatz, springt ins Publikum, pogt und wälzt sich in bester Iggy-Pop-Manier auf dem Boden, sodass man fast meint, mit einer Zeitmaschine auf ein Stooges-Konzert gebeamt worden zu sein, sind doch auch die Riffs von einer ähnlich rohen Energie. Ein absolutes Power-Set, und so skandiert Eilin:
„Dies ist keine Vernissage, wir atmen ein, wir rasten aus.“

Und ab in den Moshpit. Trotz all dem ungezügelten Spaß gibt es passend zum Abend immer wieder ernste politische Statements der Sängerin:
„Wir müssen uns engagieren, nur danebenstehen und die Fresse halten ist keine Option, denn unsere Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit.“

Auftritt Eric J. Breitenbach, im Hintergrund ein riesiger QR-Code, über dem „We came up up with an idea to make a film about the Revolution“ geschrieben steht. Breitenbach kündigt die bevorstehende Show als Punk-Oper-Performance an, eine Show, basierend auf Mashas Büchern. Nun ist klar, New Age Doom sind kein Support-Act. Eric Breitenbach ist Teil der aktuellen Pussy-Riot-Besetzung, der Sound des kanadischen Experimental-Kollektivs wird integraler Bestandteil des Auftritts sein.

Schon die ersten Takte von Erics Schlagzeugspiel hauen mich um. Was für ein Brett, was für eine beeindruckende Mischung aus Post-Punk, Post- und Prog-Rock. Zwingende Doom-Flächen erzeugen einen massiven, körperlichen Druck, der hypnotisiert.

Nach diesem gewaltigen Intro betreten die drei Masha Aljochina, Taso Pletner mit Querflöte und Alina Petrowa an der elektrischen Geige die Bühne. Zarte Geigenklänge und ein repetitives Pluckern füllen den Konzertraum mit einer bedrohlichen Stimmung aus, die durch Glockengeläut und an Sirenen erinnernde Geräusche noch verstärkt wird. Marschrhythmen erklingen, Musik zur Revolution; Revolution gegen den Autoritarismus.
Liturgisch anmutender Gesang, kniend vorgetragen, im Hintergrund Projektionen von Pussy Riots ikonischer Aktion in der Christ-Erlöser-Kathedrale. Verstörend, bedrohlich und aufwühlend ist das.

Die Musik ist weit entfernt von klassischem Punk. Das komplexe Schlagzeugspiel, gepaart mit Elektropunk und an atonale Jazz-Passagen erinnernde Geigenparts à la John Zorn erschaffen einen musikalischen Kunstraum, der seine ganz eigene Kategorie ist, gipfelnd in kakophoner Dekonstruktion. Kakophonie als Akustischmachung der Realität. Masha Sprechgesang erzählt von Dekonstruktion, von der Dekonstruktion ihres Lebens durch Staatsgewalt. Vom Aufwachen im Straflager, vom Ausgeliefertsein, von Schmerz.

In einem Akt künstlerischer Gewalt wird Wasser ins Publikum geschüttet. Man versucht sich wegzuducken, was nicht gelingt. Durchnässt intensiviert sich die Dringlichkeit der Performance. Unter Klagegesang werden Opfer der Gewaltherrschaft eingeblendet: Aktivist*innen, Journalist*innen, Intellektuelle und Oppsoitionspolitiker*innen. Kalte Industrial-Klänge erzählen von Inhaftierung, Folter und Ermordung, und sind gleichzeitig der Soundtrack des Widerstands.
Dann ein Moment der Stille. Bilder von Gewalt, unscharf und schwer zu fassen. Wie überall: Bedrohungen werden sichtbarer und doch sehen wir sie nicht.

Bilder vom Angriff auf die Ukraine, Bilder vom Krieg, dazu ein exorzistisches Antikriegsgebet.
Flucht. Sie ist nun frei, und du? Tun wir was dafür, dass wir frei bleiben, wehren wir die Angriffe auf unsere Demokratien ab, stellen wir uns den Aggressoren entgegen.

Die Performance von Pussy Riot & New Age Doom, die weit über ein herkömmliches Konzert hinausging, glich einem Gebet, ja einer Beschwörung im sakralen Raum, gegen Putins Machtverlangen und Autoritarismus. Einem Autoritarismus, durch religiöse Verblendung und Nationalismus legitimiert, durch Manipulation verfestigt. Doch dieses Gebet ist in der Zwischenzeit auch auf den sogenannten (noch) liberalen Westen anzuwenden. Gerät doch auch hier die Demokratie, durch libertäre Technokraten wie zum Beispiel Peter Thiel (ein Hohn, dass ein solcher Demokratieverächter einen Demokratiepreis erhält) immer mehr unter Druck. Denn auch diese Disruptoren versuchen, ihr Tun mit geradezu religiösen Wahnvorstellungen zu begründen, schwadronieren sie doch von der Ankunft des Antichristen und dem bevorstehenden Armageddon.

Nach der Lesung wendete sich Eric Breitenbach mit den Worten
„Ich hoffe, dass das Konzert inspiriert, nicht nichts zu tun.“
Was für ein Abend!
