KRUDER & DORFMEISTER, 16.09.2026, LKA Longhorn, Stuttgart

Ernsthaft, die spielen einfach ein live aufgemotztes 30 Jahre altes Mix-Album und bekommen die Halle voll? Peter Kruder und Richard Dorfmeister präsentieren im LKA Longhorn die „Kruder & Dorfmeister“ – und noch viel mehr. Eine Club-Nacht, wie man sie sich rückblickend immer gewünscht hätte.
Bevor ich dann vielleicht doch die erste richtige Schlägerei in meinem Leben verantworten und auch durchführen kann, kommt gerade noch rechtzeitig eine Frau mit einem samtenen Wickelrock und sagt „Spiel doch mal die „Kruder & Dorfmeister“.
– Aus „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, 1998
Peter Kruder und Richard Dorfmeister („K & D“) spielen heute Abend im LKA Longhorn vor nahezu ausverkauftem Haus zum 30. Geburtstag der „Kruder & Dorfmeister“, also der legendären DJ-Kicks-Mix-Album aus dem Jahr 1996, das mit dem Cover, auf dem die beiden vor unbestimmtem Grün versonnen dreinschauen und die coolsten Wiener der damaligen Zeit geben.

Und genau diese beiden Gesichter, auf die bühnenvorgespannten Gaze projiziert, bewegen ihre KI-animierten Lippen zu den Samples des zweiten Tracks der DJ-Kicks, „Livin‘ Free“ von Small World. Dahinter stehen K & D mit allerlei DJ-artigen Geräten, Dorfmeister begleitet das dritte Stück, den verträumten Drum&Bass-Track „Spellbound“ von Tango mit der Querflöte. Aus James Bongs „Mr. Kiss Kiss Bong Bong“ machen K&D einen ordentlichen Live-Dub-Spaß. Party läuft.
„Kruder & Dorfmeister: DJ-Kicks“ jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit die „Köln Concerts“ dieser Generation.
– Aus „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, 1998

Ernsthaft, die spielen einfach ein live aufgemotztes 30 Jahre altes Mix-Album, nehmen dafür 62 € und bekommen die Halle voll? Für eine Zeitreise in die Sorglosigkeit des Studentenlebens, in dem noch Zeit war, ein Album so oft hören zu können, dass die eigene DNA jeden Beatwechsel mitschrieb und daher heute Abend sich vollständig abrufen lässt, für eine Zeitreise in Fukuyamas Jahrzehnt nach dem Ende der Geschichte, in dem man beruhigt glauben durfte, dass die Prinzipien des Liberalismus sich endgültig und überall durchsetzen würden, ist dieses Geld wohl von den akademischen Gutverdienern der 1970er Jahrgänge mit leichter Hand ausgegeben. Man könnte es Alterskohortenmusik nennen. Der eine trägt ein Captain-Future-T-Shirt (wie ich damals auch), die anderen „Lost In Music“-T-Shirts zu 49,90 € vom Breuninger.

K & D haben aber noch mehr zu bieten als eine gute Inszenierung einer Mix-Platte. Um kurz vor neun wird das Steuer herumgerissen, jetzt wird gewummert. Mit glänzend gesetzten Tracks mutiert das Set in 15 Minuten mit jetztzeitlichem Sound zur Hard House Party, so hätte wohl Väth es genannt, entwickelt sich weiter in Richtung Dubstep-WeißderSkrillex-Trap, konkret Bill Withers „Aint No Sunshine“ und Beatles „Come Together“ mit Brachialbässen, macht Station bei „Good Life“ von Inner City in einer Groove-House-Version und weiter geht´s. Das können K & D einfach sehr gut und es ist wunderbar, mitzuerleben, dass sie das heute immer noch so perfekt beherrschen: Tunes und Tracks aussuchen, einen sich ständig weiterentwickelnden Gesamtsound kreieren, sehr unterhaltsam zu bleiben und dabei keiner ideologischen Klangschule anzuhängen – das ist die, wie man in den 1990er sagte, Wiener Schule.

Als wäre nichts gewesen wird zum Abschluss ihre eigene Produktion „Black Baby“ vom DJ-Kicks gespielt… das süße Gefühl der Verantwortungslosigkeit jener Studentenzeit im Hier und Jetzt. Eine Club-Nacht, wie man sie sich früher immer gewünscht hätte, in einer Vergangenheit, die es so nicht gab.
Ausgiebig verneigen sich Peter Kruder und Richard Dorfmeister in ihren schwarzen Zweireihern vor ihrem Publikum. Die Generation X dankt es mit viel Applaus. Endlich war man auch mal bei einem K & D-Set, halt 30 Jahre später.
Um die Menschen zu ärgern, lege ich Portishead auf, denn an denen kann man tanzend nur scheitern.
– Aus „Soloalbum“ von Benjamin von Stuckrad-Barre, 1998

Sehr schön die „Stuckard Barre Literaturbeziehung war mir neu“
back to the future
das „Ganze“ ist gut gealtert
Ich habe das DJ-Kicks ein Jahrzehnt nicht mehr hören können, erst jetzt habe ich es wieder ein paar Male gehört und es hat viel Spaß gemacht. Mich hat es 1998 sehr amüsiert, mit welcher Frechheit Stuckrad-Barre schrieb, „Kruder & Dorfmeister: DJ-Kicks“ jetzt schon mit ziemlicher Sicherheit die „Köln Concerts“ dieser Generation.“, aber er sollte recht behalten.
Ich habe durch diese Zeile damals das erstmal von den Köln Concerts gehört… ¯\_(ツ)_/¯
Sehr schöner Text! Vielen Dank! Ich denke nicht, dass es meine Clubnacht gewesen wäre, weil einfach zu wenige Gitarren. Klingt aber trotzdem so, als wäre es sehenswert gewesen – wenigstens aus der Formel Sound + Publikum + 30 Jahre heraus.