ERIC PFEIL, Lesung „Hotel Celentano“, 15.09.2026, Merlin, Stuttgart

Es ist der vielleicht letzte Sommertag im Jahr. Eric Pfeil selbst singt es exakt so in seiner Band Die Realität und die Realität ist: Sommer vorbei. Im ausverkauften Merlin ist heute italienischer Abend und Eric Pfeil ein gern gesehener Gast und ausgewiesener Kenner der italienischen Kultur. Es ist bereits sein drittes Buch aus diesem Themenkomplex, nach den beiden Songbooks „Azzurro“ und „Ciao Amore, ciao“ knüpft das kürzlich erschienene „Hotel Celentano“ scheinbar nahtlos an, wenn auch nicht ganz. Ging es zuvor mit 100 Songs durch Italien, unternimmt Pfeil mit „Hotel Celentano“ nun eine Reise durch ein anderes Italien, an legendäre Orte aus Musik und Film, die auf den ersten Blick vielleicht nicht als solche scheinen, nach denen man manchmal etwas suchen muss.
Zwischen Aperitivo und Afterparty bezirzt zuvor das Love Supreme DJ Team passenderweise mit Songs von Rita Pavone, Lucio Dalla bis hin zum großen Battisti und kredenzt so den perfekten Soundtrack mit einer exzellent kuratierten Auswahl an italienischem Liedgut für noch mehr Italien für davor und danach. Denn wie wir bereits bei Pfeils Lesung vorletzten Sommer gelernt hatten: Um Italien zu verstehen und zu ergründen, ist die Auseinandersetzung mit der Musik unausweichlich, das ganze Land stets auf der Suche nach dem Sommerhit des Jahres.

Es ist die Hauptversammlung der Italophilen Stuttgarts, der nördlichsten Stadt Italiens, Stoccarda. Unter den Klängen des sehnsuchtsvoll klagenden „Era già tutto previsto“ von Riccardo Cocciante betritt Bestsellerautor Eric Pfeil die Bühne und schon jetzt ist der ausverkaufte Merlin-Saal vollständig gehooked: Natürlich geht es um verflossene Liebe, um Amore. „Vorrei morire“ beendet Cocciante den Song, „Ich möchte sterben“, dramatischer könnte es kaum beginnen.
Era già tutto previsto – es ist alles schon vorherbestimmt, alles geplant: Er wolle nur einmal so dramatisch auftreten, erklärt Pfeil prompt, herausgeputzt wie Marcello Mastroianni im schicken schwarzen Anzug und Fliege, seiner Arbeitsuniform, mit der er heute in die Rolle des Reiseleiters schlüpft.
All das, wofür Italien im Allgemeinen steht und sich so anhaltender Beliebtheit erfreut: die Schönheit und Leichtigkeit, Kulinarik, Mode und Design, oder wie Eric Pfeil es poetisch umschreibt: Architektur, die Geschichte flüstert, ein Zungenschlag wie der Gesang der Nachtigallen und warme Steinmauern im August, all dies ist heute nebensächlich. Im Gegensatz zum eben erwähnten dolce vita in Reinform geht die Reise in ein anderes Italien, denn für Pfeil ist das Land vor allem ein Ort der Lieder und Filme. Orte wie Celentanos unscheinbares, leicht trostloses Geburtshaus in Mailand, in der von ihm selbst besungenen Via Gluck, das Haus mit der Nummer 14, dort beginnt es.

Dieser legendäre Song “Il ragazzo della via Gluck” aus dem Jahre 1966, ein Song, in seiner Einfachheit wie das Haus selbst, könne jedes Kind und jeder Greis aus dem Schlaf gerissen auswendig aufsagen und ist zugleich Pfeils Lieblingslied und Ausgangspunkt fürs aktuelle Buch. Aufbruch in ein anderes Italien, nach Castiglioncello, Monte Gelato und Bereguardo. Ein Mann mit Italien-Cap und Aperol in der Hand singt beglückt gestikulierend mit, Tränen in den Augen.
Zunächst geht es ins malerische 3000-Seelen-Dorf Castiglioncello in der Toskana. An der Bucht des Lächelns entstand mit „Il Sorpasso“ (Das Überholen) die Blaupause des Roadmovies, wir befinden uns im italienischen Film der 60er Jahre. Der deutsche Titel „Verliebt in scharfe Kurven“, deutsche Filmtitelübersetzungskunst at its best, es soll nicht die einzige Verirrung dieser Art an diesem Abend bleiben.
Untrennbar verbunden mit Castiglioncello ist auch Schauspielerlegende Marcello Mastroianni, der „Macho mit den traurigen Augen“ (NZZ) gilt als Inbild des lässig-eleganten italienischen Mannes und spielte in vielen Filmen Fellinis die Hauptrolle. An der Seite von Sophia Loren wurde er zum Traumpaar des italienischen Films. In seiner pittoresken Villa am Rande Castiglioncellos habe er sich so gelangweilt, dass er den „Circolo delle quattro gomme lisce“ (Zirkel der vier glatten Reifen) gründete, eine Art exklusiver Geheimclub, dessen Fokus es war, vor einer Garage auf Plastikstühlen herumzusitzen. Ein fantastisches Konzept und so etwas wie ein Club-Baumhaus der Stars, in dem Krawatten verboten waren und stark frequentiert von Prominenz wie Mina und den Kessler-Zwillingen. Die Garage existiert auch heute noch, der kleine Platz davor ist nach Marcello Mastroianni benannt, der 1996 starb.

Ziel der nächsten Etappe befindet sich knapp 300 Kilometer südlich mit dem wohlklingenden Namen Monte Gelato unweit von Rom, Drehort unzähliger Filme, u.a. solcher mit Terence Hill und Bud Spencer. Letzterer ist in der erweiterten Region Stuttgarts wohlbekannt, denn den vormals agierenden Profischwimmer führte es 1951 für einen Schwimmwettkampf tatsächlich nach Schwäbisch Gmünd. Ihm zu Ehren wurde das Freibad 2011 in Bud-Spencer-Bad umbenannt, er selbst war für diesen Anlass extra angereist.
Auch in Monte Gelato wurde viel gebadet, wie Pfeil berichtet, denn das sogenannte Cascate di Monte Gelato ist ein kleiner Wasserfall. Neben berühmten Italo Western wie „Die rechte und die linke Hand des Teufels“, in dem Terence Hill dort von einem Pferd ins Wasser springt, ist der Ort auch Schauplatz der leicht abwertend bezeichneten Sandalenfilme. Im Kern herrlich obskurer Trash, in dem gestählte Bodybuilder als Herkules, Perseus oder Ursus (Grüße an die Stuttgarter Trash-Punk-Legenden) vor den Wasserfällen kämpfen. Nichts mehr als das. Filme, die den Eindruck machten, dass niemand hinter der Kamera gestanden wäre.

„Preparati la bara!“ (Wörtlich übersetzt: Bereite den Sarg vor) – im deutschen bekannt als „Django und die Bande der Gehenkten“, ebenfalls mit Terence Hill in der Hauptrolle, weckt weitere popkulturelle Assoziationen. Sozusagen das „Prepare your Coffin“ von Tortoise mit anderen Mitteln, frei übersetzt in die heutige Popkultur. Post Rock aus Chicago trifft auf Italo Western der späten 60er. Und auch der deutsche Film „Theo gegen den Rest der Welt“ mit dem jungen Westernhagen wurde in Monte Gelato gedreht.
Zum Schluss führt natürlich alles zurück zu Celentano, der 1982 den silbernen Bravo-Otto gewonnen hat. In dessen Hit „Soli“, einer federleichten Hymne auf Zurückgezogenheit und „Gesellschaftsdiät und Weltgenervtheit“ singt Celentano in etwa „Es ist sinnlos anzurufen, es wird sowieso niemand rangehen, das Telefon ist aus dem vierten Stock geflogen.“ Hier werden spontan Erinnerungen an Element of Crime wach, wenn es in „Lieblingsfarben und Tiere“ u.a. heißt „Schön dass Du anrufst, leider umsonst, dass mein Handy abgestellt ist, hast du schon geschnallt, denn warum solltest du sonst mein völlig sinnloses Festnetztelefon zum Klingeln bringen?“ Hier eine Nähe herzustellen, liegt auch deshalb nahe, ist Regener doch zumindest so italophil, dass er auch Teil der sog. „Crucchi Gang“ ist, und mit „Carta bianca“ eine seiner berühmtesten Balladen ins Italienische übersetzt hat.
Doch die Zurückgezogenheit Celentanos ist real, der heute 88-jährige würde nur noch selten das Haus verlassen, betitelte gar ein Album „Esco di rado e parlo ancora meno“ entsprechend. (Ich gehe selten aus und rede noch weniger.) A quiet life.

Im norditalienischen Bereguardo, ein Ort von Reisfeldern umschlossen und zugleich die letzte Station der Lesung, lässt Eric Pfeil noch Celentanos Schauspielkünste aufleben. In „Hände wie Samt“, ausnahmsweise mit dem gleichen Titel im Deutschen, vollführt er ein liebreizend komisches Wettrennen über die Schwimmbrücke Ponte delle Barche, die von Schiffen getragen wird. Jene Pontonbrücke überquert Pfeil mit seiner Frau mehrfach mit dem Auto, etwas Schöneres könnte man in Italien kaum tun. Die darunterliegenden Barken, mastlose Boote, geben Anlass zu einer weiteren freien Referenz, der Sonnenbarke der Einstürzenden Neubauten, dessen Sänger und Kopf Blixa Bargeld zweifelsohne mit Italien insofern verbunden ist, dass er neben seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Filmkomponist und Musiker Teho Teardo auch italienisch singt und spricht.
Pfeils lebendiger, leidenschaftlich ausschweifender und exzellent recherchierter Exkurs zeugt nicht nur von wahrer Hingabe und einer Liebe fürs Detail. Mit viel Raum für sowohl sonderbare Eigenheiten und gleichzeitig großen Gesten beschreibt er jenen aufgeladenen Sehnsuchtsort vieler Menschen wie nie zuvor – bella Italia – oder „mein heimliches Heimatland“, wie es die Hamburger Pop-Band Les Garçons um Ben Schadow Anfang der 00er Jahre so schön sangen. Ein anderes Italien präsentiert Pfeil in „Hotel Celentano“ zwar, dennoch ohne dabei die vielbesagte „Leggerezza“ zu verlieren, und schließt mit einer akkuraten Botschaft: Machen Sie es wie Celentano, nehmen Sie die Angelegenheiten mit Leichtigkeit. Do it like Celentano.
