SALLY GRAYSON, 29.08.2026, Wagenhallen, Stuttgart

Sally Grayson setzt ein Highlight beim „Freiplatz“, dem Sommer-Open-Air-Programm der Wagenhallen. Mit einem mitreißenden Gig, vielversprechenden Ausblicken auf ihr neues Album und einem spektakulären Drummer-Geschwisterpaar aus Peru.
Mehr als vierzig Jahre lang war die „Klinke“ im Merlin die einzige Gelegenheit, die konzertarmen Sommerferien zu überstehen. Auch heuer war dort mächtig was los. Und das, obwohl seit diesem Jahr ein zweites Sommerfestival mit ähnlich niederschwelligem Konzept an den Start gegangen ist – mit freiem Eintritt und Spendenhut: die Konzertserie „Freiplatz!“ unter dem großen Zeltdach vor den Wagenhallen. Auch dort alles gut besucht, von Konkurrenz also keine Rede, Stuttgart braucht offensichtlich mehr Sommerkonzerte.

Den letzten Gig der Konzertreihe bestreitet Sally Grayson, Local Heroine und gefühlt die „Hardest Working Woman in Rock ’n‘ Roll“. (Genau genommen den vorletzten Gig, denn wegen des erfreulichen Zuspruchs haben die Veranstalter am 18.09. spontan noch einen weiteren Gig mit dem Singer-Songwriter Paul Holland angehängt). Sally Grayson hat sich für den Gig unter dem riesigen Zeltdach etwas ganz Besonderes ausgedacht: Sie hat nicht nur eine volle Band dabei, sondern – ein Novum bei ihr – sogar zwei Drummer:innen.
Und so beginnt der Gig vor ca. 200 Leuten, von denen die meisten in den rund um die Bühne arrangierten Liegestühlen Platz gefunden haben, mit einem fulminanten Trommelintro von Debora und Josué Vilchez. Erstere ist eine stadtbekannte Percussionisten, zweiterer ihr Bruder, der gerade aus Peru zu Gast ist. Knochentrockenes, polyrhythmisches Getrommel, zumeist auf den Toms, erzeugt einen tribalistischen Sound und macht alle wach für den kommenden Gig.

Sally Grayson, wie immer ganz in Schwarz, mit ihrem Signature-Hut und schwarzem Witwenschleier eröffnet das Set mit „God Forbid“ von ihrem letzten Album „The Darkness In Me„. Ein Song, der typisch für ihren Stil ist, den sie als „Dark Americana“ bezeichnet. In der Rubrik „Für Fans von …“ drängen sich Calexico, Giant Sand und XIXA auf. Komplettiert wird die Band von Felix Simon an Gitarre und Synthesizer und Tess Wiley, die Bass und Backing Vocals beisteuert.
Sally nutzt die kreisrunde Bühne, um sich in der Mitte der Band zu platzieren. Überhaupt ist die Bühne, deren PA so gestaltet ist, dass sie in alle Richtungen den gleichen Sound produziert, das Besondere an diesem Setup. Sally ist sichtlich begeistert vom vollbesetzten Rund und setzt hin und wieder zu sympathisch verstolperten Ansagen an. Diese vielen bekannten Gesichter würden sich anfühlen, als sei sie heute Kandidatin in der „This is your Life in Germany“-Show. Immerhin zwanzig Jahre ist die Künstlerin aus Michigan nun schon hier.

Die Setlist bringt nicht nur viele Songs aus dem erwähnten letzten Album, dass sie in Tucson mit einer Reihe prominenter Desert-Rock-Musiker eingespielt hat, es gibt auch ein paar Titel vom kommenden Album und eine Verneigung vor Dolly Parton. Eine wunderbare Interpretation von „Jolene“ ist eins der Highlights des Abends. Ein weiterer kurzfristig entstandener Song, der stilistisch einen Ausflug Richtung Postpunk wagt und von Debora Vilchez gesungen wird, die ebenfalls eine ausgebildete Sängerin ist.

„Called To Love“, ein ganz alter, krachiger Rock-Titel von Sallys alter Band Black Swift, reißt dann das Publikum aus den Liegestühlen und bildet gleichzeitig den Schlusspunkt unter dem offiziellen Teil des Gigs. Aber natürlich gibt es eine Zugabe und da überrascht „Dig“ vom kommenden Album mit mühelosen Wechseln zwischen Rock und Cumbia. Eine neue Farbe auf der Palette von Sally Graysons eh schon vielfältigen Œuvre. Das kommt bestens beim inzwischen euphorischen Publikum an und erhöht die Vorfreude auf das kommende Album.

Und dieses wird, so kündigt Sally an, am 01. Oktober vorab in der Matthäuskirche in Heslach präsentiert. Unterstützt von Illuminationen des Lichtkünstlers Hanno Braun. Wir sind sehr gespannt und haben es sofort im Kalender vermerkt!
So geht ein rundum begeisternder Abend mit lauter strahlenden Gesichtern zu Ende und wir hoffen sehr, dass das Sommerprogramm der Wagenhallen nächstes Jahr eine Neuauflage erfährt.

