VIOLET, 15.08.2026, Merlin, Stuttgart

VIOLET, 15.08.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Wenn so typische Indiemusik groß wird und dann plötzlich in großen Hallen spielt … das kennt man. Wenn aber Musik, die man nur mit großen Hallen und massig Plattenverkäufen in Verbindung bringt, in einem kleinen Indieladen spielt … dann wird es interessant.

Gedankenexperiment: Fantasieren wir uns in das Jahr 1993. Grunge und Alternative haben von einem Moment auf den anderen dem Heavy Metal, und vor allem den bis dahin Millionen Platten verkaufenden Subgenre Hair-Metal und AOR, das Licht ausgeblasen. Unvorstellbar wäre es gewesen, dass eine junge Band genau diesen Sound und diesen Look in einem Indie-Schuppen präsentieren würde, der für sein geschmackssicheres Booking und dementsprechendes Publikum bekannt ist. Beamen wir uns zurück in den August 2026: Doch, das geht problemlos, und endet in einem gefeierten Konzertabend.

VIOLET, 15.08.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Ein abermals drückend heißer Ferragosto (oder Maria Himmelfahrt – choose your fighter) liegt hinter uns, doch das Merlin hat glücklicherweise Klimaanlage. Das wird aber nicht der Hauptgrund sein, dass der Konzertsaal mitten in der Ferienzeit gut gefüllt ist. Violet aus Stuttgart bringen gerade Momentum mit. Auf der About Pop hinterließen sie Eindruck. Und ebenso auf dem Keep It True Festival in Lauda, wo ich sie leider verpasst hatte, da späte Anreise. Der Festivalname deutet es schon an. Strenge Gatekeeper wachen bei der Auswahl des Bookings darüber, dass nur Bands spielen, die wahrhaftig im metallischen Sinne sind. Soll heißen: Es dürfen nur 80er-Spielarten des Metal und Hardrock gespielt werden. Gut muss es sein, und authentisch wirken. True eben. Und auch dort hatte die Band keinerlei Probleme zur Mittagszeit ein Publikum voller strenger Metal-Hörer*innen aus aller Welt für sich zu gewinnen.

VIOLET, 15.08.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Ich höre die Band heute zum ersten Mal und muss gleich nach dem ersten Song meine Erwartungen neu kalibrieren. Hair-Metal hatte ich erwartet, aber mit Mötley Crüe, Poison und Co. hat das hier nicht viel zu tun. Das Keyboard ist laut und präsent, die Harmonien viel weniger rock’n’rollig und bluesig-erdig als bei eben genannten Bands. Vielmehr kommen mir so Bands wie Heart, House Of Lords, Foreigner, Def Leppard, Nightranger oder Survivor in den Sinn. Aber in ihren 1986er und später Phasen, als der Sound von Produzenten auf Hochglanz und Radiofreundlichkeit poliert wurde. Also wurden die Gitarren leiser, die Keyboards und die Chöre lauter. Und ehrlicherweise ist manchmal von der Soundästhetik dann auch eine Band wie die Münchner Freiheit nicht mehr so weit weg.

VIOLET, 15.08.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Jetzt liegt es relativ nahe, eine junge Band, die sich so eindeutig einem bestimmten, vergangenen Sound und Look verschreibt, nur als irgendwie substanzloses Gimmick anzusehen. Eine Simulation von schon Dagewesenem. Violet kontern diesem Vorwurf aber mit beeindruckend starken Eigenkompositionen. Es gibt gewinnende Melodien zuhauf, und die Furchtlosigkeit mit der die Bands überlebensgroße Hooks zelebriert, das ist eine Klasse für sich. Faszinierend auch wieder der Kontrast, so schamlos einnehmende Refrains im Merlin zu hören. Eine Musik, die irgendwann für Plattenverkäufe mit Platin-Status stand, heute als nischiges Indie-Phänomen. Wobei, eine große Hallen füllende Band wie Ghost v.a. mit ihrer letzten Platte sehr viele ähnliche Elemente in ihrer Musik aufgegriffen hat.

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In Sachen Bühnenpräsenz gibt sich die Band nicht weniger offensiv als in ihrer Musik. Ein Eric Pfeil würde vermutlich schreiben: Es wird ordentlich auf die Tube gedrückt. Es dürfte nicht viele Keyboarder*innen geben, die ihre Stagetime so bewegungsfreudig und publikumsanimierend interpretieren wie Filip Kuzanski. Mittelpunkt ist aber natürlich Sängerin Jamie, die das exakte Gegenteil einer schüchtern-verhuschten Indiekünstlerin ist. Große Posen, das Publikum animierend als wäre sie in der Schleyerhalle, dabei ungemein sympathisch und natürlich rüberkommend. Das soll und kann aber nicht davon ablenken, dass sie eine wahnsinnig gute Sängerin ist, die auch schwindelerregende Höhen mit einer Kraft singen kann, dass einem ganz anders wird.

VIOLET, 15.08.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Was mir außerordentlich gut gefällt ist, wie Violet ihre Songs arrangieren. Ganz klar stehen die Melodien im Vordergrund. Dieser werden manchmal von zweiten Stimmen v.a. von Gitarrist und Komponist Manuel unterfüttert (wenn er nicht ausnahmsweise selbst die erste Stimme übernimmt), oder die Refrains werden in vierstimmige Chören dargeboten, dass jede*r weiß: Dies ist der Höhepunkt des Songs. Das gute alte Mittel, den Refrain am Ende nochmal mit einem key change eine neue Wucht zu geben, kommt auch erfreulich oft zum Einsatz. Die Mittel für großen Pop sind bekannt, man hat sie auch zu nutzen!

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Apropos Furchtlosigkeit: Ebenfalls hat man keine Angst, mit Anna eine Backgroundsängerin dabei zu haben, die ab und an zum Saxophon greift. Aber was kann einem schon ein Sax-Solo noch anhaben, nachdem man davor schon kübelweise feinstes Pathos abbekommen hat. Das Publikum feiert die Band, welche wiederum aus dem Grinsen nicht mehr herauszukommen scheint. Vielleicht sind wir gerade wieder an einem Punkt, in dem die Weltlage große Lust auf Eskapismus generiert. Und da sind Violet mit ihren glücklichmachenden Refrains nicht so die falscheste Wahl.

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Nach einem Set voller überzeugender Eigenkompositionen bekommen wir für die stürmisch geforderte Zugabe zwei Coverversionen. Neben dem up-tempoigen Samantha-Fox-Song „Do Ya Do Ya„, begeistert mich aber vor allem der Lita-Ford-Song „Kiss Me Deadly„. Den dürfte ich das letzte Mal im Erscheinungsjahr 1988 gehört haben. Absolute Granate eines Songs (hätte mein jüngeres Ich damals aber nie zugegeben). So wie Violet eine Granate einer Liveband sind. Wie weit nach oben wird der Weg gehen mit dieser Musik? Hoffentlich weit.

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