WEDNESDAY, DAS BISSCHEN TOTSCHLAG, 11.08.2026, Manufaktur, Schorndorf

Der Autor konnte sich nicht vorstellen, was ihn erwartet, und wurde mehr als positiv überrascht. Wednesday wussten am Dienstagabend in der Manufaktur absolut zu überzeugen.
Wednesday gründeten sich 2017 in Asheville, North Carolina, und veröffentlichten letztes Jahr ihr bereits sechstes Album „Bleeds“, das hervorragende Kritiken erhalten hatte. Der Rolling Stone meinte, dass man in den USA keine besseren Rocksongs finden würde, und auch sonst nirgends.
Der Sound der Band um Sängerin und Gitarristin Karly Hartzman, deren Texte autobiografische Züge tragen, vom Aufwachsen in der Kleinstadt-Tristesse des amerikanischen Südens und auch vom Ende der Beziehung mit Bandkollegen MJ Lenderman (Gitarre und Backing Vocals) handeln, ist eine mehr als eklektische Mischung aus Noise-Rock, Post-Punk und Country. Bisher ging dieses ungewöhnliche Stilamalgam komplett an mir vorbei. Erst auf der Homepage der Manufaktur wurde ich auf das Quintett aufmerksam, und da man sich auf das qualitätssichere Booking der Manufaktur verlassen kann, wurde es Zeit, diese Band für mich zu entdecken.

Als Support spielt das Trio Das Bisschen Totschlag (ich vermute, dass sich die drei Hamburger nach dem gleichnamigen Song der Band Die Goldenen Zitronen benannt haben), die mit ihrem neuen Album „OdB Headroom“ auf Tour sind.
Das Set der beiden Brüder Fabian und Max (beide Gitarre, Synths und Gesang) und ihres Cousins Niklas Kiepe (Schlagzeug) beginnt mit verhaltenem Gitarrenspiel und einem massiven, drängenden Schlagzeug. Der Sound ist geprägt von einer zwingenden Melancholie in bester 90er-Indie/Alternative-Tradition und der verzerrten Flächigkeit des Shoegaze. Eine zeitgenössische Tristesse ist ein bestimmendes Element in der Musik der Band. Den drei Musikern gelingt allerdings das Kunststück, nie in eine allzu schwere Düsternis abzugleiten, da die gesamte Klangfärbung von einem Fundament aus positiver Dynamik getragen wird. Die von den dreien zelebrierte dunkle Grundstimmung mit den verschleppten Gitarrensounds geht im weiteren Verlauf des Gigs in eine grungige Heavyness über, ohne die Shoegaze-Ästhetik zu kappen.
Mit dem letzten Track, der mit seinen differenten Sounds in einem lärmigen Gewitter aus rhythmischen Dissonanzen kumuliert, schließen Das Bisschen Totschlag ihr absolut gelungenes Support-Set ab.

So noisig wie der Support endete, beginnen Wednesday, allerdings legen sie in puncto Dissonanz und Lautstärke noch eine ganze Schippe drauf. Ohrenbetäubend und mitreißend ist das Quintett von den ersten Takten an. Alan Millers Drumset ist von einer großartigen Dynamik und Xandy Chelmis verzerrte Pedal-Steel-Guitar erzeugt eine psychedelische Atmosphäre. Von der konservativen, ja gar rückwärtsgewandten Bräsigkeit, mit der man das Genre des Country überwiegend assoziiert, sind Wednesday meilenweit entfernt. Hier erlebt man die Dekonstruktion all dieser Klischees. Sprachlos macht mich, wie Chelmis seine Steel-Guitar bearbeitet, geradezu zärtlich streicht er über sein Instrument um ihm weinende und singende Töne in bester Bluegrass-Manier zu entlocken, nur um kurz darauf mit punkiger Wut auf die Saiten einzuschlagen. Das hat eine rohe Wucht, die die Musik ohne Umwege in die Körper des Publikums schießt. Ebenso kraftvoll und intensiv ist Karly Hartzmans Gesang, der zwischen schreienden Gefühlsausbrüchen, die an die besten Riot-Grrrl-Zeiten à la Sleater Kinney und Babes In Toyland erinnern, und zärtlichen, ja verletzlichen Gesangspassagen changieren.

Und nach all diesen Post-Punk-Dekonstruktionen wird es dann doch erstaunlich country-esque. Und ja, ich bin mehr als erstaunt wie gut sich das in das bisher Dargebotene einfügt. Hier zeigt sich dann auch die große Kunstfertigkeit der Musiker*innen. Die Band vermag mit ihrem emotionalen Set echte Gefühlswelten zu transportieren. Zwischen einer offenen, aber oftmals auch kühlen Urbanität (dargestellt mit den Mitteln des Noise-Rock) und einer Sehnsucht nach der Heimeligkeit des vermeintlich einfachen ruralen Lebens (hier sind wir beim Country) pendelt die Musik von Wednesday und reflektiert die Zerrissenheit unserer Zeit. Das ist Musik, die das Leben in all seiner ambigen Vielschichtigkeit abbildet.
Ich bin wirklich begeistert von dieser Performance, die nicht nur musikalisch zu überzeugen weiß. Auch die Bühnenpräsenz mit dieser ungeheuren Energie ist ganz großartig. Eine Energie, die sich dann auch unvermittelt auf das Publikum der sehr gut besuchten Manufaktur überträgt. Einige der recht jungen Besucher*innen sind erstaunlich textsicher und singen lauthals mit.

Und gegen Ende kommt sie dann nochmals, diese unbändige, pure Punk-Energie. Karly Hartzman legt ihre Gitarre zur Seite, nimmt das Mikrofon in die Hand und singt/schreit sich, ihren Körper windend, die Seele aus dem Leib, und die Menge tobt im Moshpit dazu. Wow, das ging voll auf die Zwölf, der perfekte Abschluss eines Konzerts, das sowohl von unbändiger Energie, als auch von großer musikalischer Subtilität geprägt war.
Die Band verlässt die Bühne und die Saalmusik geht an. Zeit, sich bei einem Bierchen abzukühlen. Doch die begeisterte Menge will mehr, fordert eine Zugabe, und gut, dass ich nicht gleich gegangen bin. Sichtlich gerührt ob solcher Begeisterung kommen Wednesday für zwei starke Zugaben zurück. Was für eine Band!

Wednesday haben heute Abend einen Gig abgeliefert, der einen Platz auf meiner Jahresbestenliste sicher hat. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es möglich ist, aus einer Melange solch heterogener musikalischer Stile und Ausdrucksformen, ein wirklich in sich stimmiges musikalisches Gesamtkunstwerk zu erschaffen. Respekt!

Toller Bericht! Super geschrieben. Genau so wahr’s, der Autor schreibt mir aus der Seele. Ich hatte beim Lesen wieder Gänsehaut, wie vor Ort.