JUNGLE ROT, KHNVM, 04.08.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart

Der schweißtreibende Tropenabend im Schwarzen Keiler beweist, dass Oldschool-Death Metal eine rundum lebensbejahende Sache sein kann.
Kondenswasser tropft vom kalten Bier auf meine nackten Zehen. Ich bin der einzige Gast mit Sandalen im bumsvollen Schwarzen Keiler. Denn es ist heiß – in der richtig tropischen Variante. Also mit so viel Luftfeuchtigkeit, dass es im Heavy Metal-Club qua Naturgesetz eigentlich regnen müsste. Das Gewitter findet tatsächlich statt: auf der Bühne. Oldschool Death Metal sorgt für ein volles Haus und wie sich zeigen wird für exzessive Begeisterung.
Zum fordernden Klima passt der Bandname des Hauptacts wie die Faust aufs Auge: Jungle Rot haben sich nach einer Krankheit benannt, die vor allem bei US-Soldaten im Vietnamkrieg auftrat, deren Füße durch tagelang feuchte Stiefel schwere Infektionen entwickelten. Dem beuge ich mit Birkenstocks vor und will nicht wissen, wie es in all den durchschwitzten Chucks und Doc Martens nach dem Konzert riecht und aussieht.
Death Metal – ein Genre, mit dem ich eher fremdle: Soviel Krieg & Gewalt, Tod & Verderben, Nihilismus & Resignation. Wobei ich die Texte wegen des gutturalen Gegrowles ja ohnehin nicht verstehe. Wie sich zeigen wird: bei beiden heute aufspielenden Bands. Motto des Abends: „Back To Old School Tour 2026“ – da gehe ich dann aber doch mit!

Es eröffnen KHNVM (sprich „Kha-noom“), eine Blackened Death Metal-Band aus Magdeburg mit dem grimmigem Sänger Obliterator aus Bangladesch. Auf ihren bislang vier Alben tun sich apokalyptische Abgründe auf, die sich auch beim Liveauftritt offenbaren. Ich lese, dass sie zu Vertretern der modernen Old-School-Death-Metal-Bewegung gehören (was es nicht alles gibt), und höre eher klassischen Death Metal im auch mal angeprogten, manchmal für meine Ohren etwas umständlichen Format. Was dazu führt, dass die komplexeren Songs auch mal den Faden verlieren, um aber schnell wieder vom Drummer mit bollerndem Doublebass-Einsatz eingefangen zu werden. Der bedient seine Trommeln in Socken, die selten den Kontakt zu den beiden Fußmaschinen der Bassdrum aufgeben. Habe ich noch nie drüber nachgedacht, aber im Death Metal scheint es daher wenig Raum für das im Rock an sich taktgebende Hi-Hat zu geben. Die anwesenden Genre-Aficionados wissen den Sound von KHNVM erkennbar zu schätzen, womit sich die gloriose Reihe der keilertypischen Supportband-Qualität auch heute fortsetzt.

Jungle Rot aus Kenosha, Wisconsin sind seit über 30 Jahren im Geschäft und waren schon vor zwei Jahren im Keiler zu erleben. Personelle Konstante ist Sänger/Gitarrist Dave Matrise, der den Laden von Anfang an fest im Griff hat. Mit seinen kompetenten Mitstreitern legt er einen extrem donnernden Sound vor, meistens getragen von der irren Highspeed-Präzisions-Doublebass von Drummer Spenser Syphers – was ist der Typ für eine Maschine! Weil ich im Keiler ja gerne eher seitlich stehe, ist der Drumbeat für mich oft das bestimmende Element bei Konzerten. Diesem Trommler könnte ich stundenlang bei der Schwerstarbeit zusehen, die ihm aber scheinbar locker von Hand und Fuß geht.

Da die Beats oft extrem schnell sind, was auch durch die maschinenhafte Riffarbeit der beiden Gitarren betont wird, ist die Grenze zum Thrash nicht fern. Dass sich die Songs groß voneinander unterscheiden, würde ich jetzt nicht behaupten – wohl aber, dass man von der explosiven Wucht richtig eingesogen wird. Gitarrensoli bleiben genretypisch kurz, wobei Saitenwizard Geoff Bub auch seine gefühlt zwei Meter langen Dreadlocks gekonnt in Szene setzt. Das sieht gut aus und klingt noch besser. Rasantesten US-Death Metal ohne Schnörkel darf man wohl guten Gewissens attestieren.

Bei diesen irren klimatischen Verhältnissen mehr als 80 Minuten durchzuhalten, ist eine echte Leistung von Band und schwer begeistertem Publikum. Und man merkt auch wieder wie so oft im Keiler, wie begeistert auftretende Bands von dieser intensiven Club-Situation sind. Vor gut gelauntem Fachpublikum, ganz nah dran an den begeisterten Fans, macht das Spielen offensichtlich besonders viel Spaß. Die Musiker geben sich ohnehin volksnah und stehen nach dem Konzert gemeinsam mit ihren Fans im lustigen Raucherkäfig unter dem gestutzten Bäumchen vor dem Keiler.

Mein Fazit in schweißnassen Klamotten: Selten eine so lebensbejahende Musik gehört! Death Metal lebt und wird mich als Genre in Zukunft weiter begleiten – zumindest bei derart fulminanten Konzert-Highlights im fiebrigen Schwarzen Keiler.
