URIAH HEEP, MOTHER’S FINEST, WISHBONE ASH, 31.07.2026, Zeltspektakel, Winterbach

Fast 170 Jahre Rock-Geschichte stehen beim „Classic Rock“-Abend des Winterbacher Zeltspektakel auf der Bühne: Uriah Heep, Mother’s Finest und Wishbone Ash zeigen, dass man auch im Rentenalter immer noch Power haben kann. Unser Autor ist bei einer Band davon so überrascht, dass er staunend mit offenem Mund da steht.
Es ist Sommer, später Nachmittag: Gegen 17:30 Uhr begeben Fotograf Oliver und meine Wenigkeit sich auf das Gelände. Immerhin beginnt der Abend mit drei Bands heute bereits gegen 18 Uhr. Im Gegensatz zum Konzert der Dropkick Murphys zwei Tage zuvor geht es heute aber ruhiger und gemächlicher zu: Der Einlass geht schnell vonstatten und auch im Vorraum des Zeltes sind die Schlangen an den Getränkekassen deutlich kürzer.
Obwohl ich auch schon die vierzig Lenze überschritten habe, senke ich an diesem Abend wohl den Altersdurchschnitt ab: Viele der Besucher und Besucherinnen sind deutlich über 60. Da sich die drei auftretenden Acts alle rund um 1970 und somit ihr 56- oder 57-jähriges Bestehen feiern können, ist das auch kein Wunder. Ich möchte an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass ich natürlich von allen Bands schon einmal Songs gehört habe, aber sicher nicht der Weisheit letzter Schluss bin. Sorry daher, falls ich manches wichtige Detail nicht auf dem Schirm habe. ;-)
Nun aber weiter im Programm. Auch heute wird das Publikum von den Veranstaltern der Rockinitiative begrüßt, die darauf hinweisen, dass man dieses Jahr eine autarke Stromversorgung installiert hat und somit auch für einen möglichen Stromausfall gerüstet sei. Rund 100.000 Euro habe man dafür selbst in die Hand genommen.
Wishbone Ash

Dann geht es auch schon bald los: Die Briten von Wishbone Ash kommen zu viert auf die Bühne. Frontmann Andy Powell ruft: „Are you ready to rock?“. Unter Jubel legt das Quartett mit dem 2002er-Titel“ Bonafide“ los, einer Rocknummer mit Blues-Anleihen. Auf jeden Fall ein cooler Opener. Und natürlich legen die beiden Gitarristen gleich mit Soli los.
Angeblich soll Wishbone Ash die erste Band gewesen sein, die ihre Soli als Duett aus zwei Gitarren gespielt hat und damit wegweisend für Bands wie Thin Lizzy und Iron Maiden war. Powell ist als einziger noch aus der Originalbesetzung von 1969 dabei. Im Laufe der Jahrzehnte gab es viele Wechsel samt einer Reunion der Originalmitglieder Ende der Achtziger Jahre. Bassist Bob Skeat ist immerhin schon seit 1997 dabei, der Gitarrist Mark Abrahams seit 2017. Ganz neu auf dieser Tour sitzt mit Windsor McGilvray ein begnadeter junger Schlagzeuger auf der Bühne, der sich gut einfügt.

Das Quartett spielt sich durch Klassiker wie „The King Will Come“, „Throw Down The Sword“ oder „Blowin Free“. Oft folgen minutenlange Instrumentalteile, die Melodien sind mal verträumt, mal schnell. Die Anwesenden sind in jedem Fall angetan und die Band beendet mit „Jailbait“ und „Phoenix“ ihr Set. Der Auftakt ist auf jeden Fall gelungen, befinden Oliver und ich, als wir uns draußen im Biergarten stärken.
Mother’s Finest

Nach einer dreiviertel Stunde Umbauzeit läuft das wabernde Intro für Mother’s Finest und die US-Amerikaner betreten die Stage. Bald beginnen sie die ersten Takte zu spielen, Frontfrau Joyce „Baby Jean“ stürmt kurz darauf auf die Bühne wie eine Naturgewalt. Wow! Ein Auftritt wie ein Popstar! Und dann diese Stimmgewalt! Ich bin hin und weg und stehe mit offenem Mund da. Noch während des ersten Songs ist ihr zu heiß und sie zieht ihre Jacke herunter. Es ist klar: Hier steht wirklich die „Mutter“ der Band, alles ist auf sie ausgerichtet.

Der Mix aus Soul, Funk und Rock packt auf jeden Fall und auch das Publikum geht gut mit. Das Line-Up der Band ist seit der Bandgründung 1970 halbwegs konsistent geblieben: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Glenn Murdock gründete Joyce Kennedy die Band aus farbigen und weißen Musikern. Ebenfalls seit damals dabei sind Bassist Jerry „Wizard“ Seay und Gitarrist Gary „Moses Mo“ Moore (nein, nicht DER Gary Moore!). Seit 1992 ist Gitarrist John Heyes an Bord und eigentlich ist der Sohn des Gründerpaares fester Schlagzeuger. Heute aber sitzt eine junge Frau hinter den Drums, hinzu kommen zwei Backgroundsängerinnen.

Es groovt ordentlich an allen Ecken und Enden, der Beat geht in die Beine. Joyce ist mit ihren 78 Jahren quicklebendig: „Die 70er Jahre haben gerockt! Und das bringen wir heute zurück!“, ruft sie. Aber auch ihr mutmaßlich noch ältererer Partner (sein genaues Alter ist nicht bekannt) begeistert ebenfalls: Ob bei Klassikern wie „Mickys Monkey“ oder auch bei der neuen Single „Don’t Stop“ beweist auch er nach wie vor Stimmvermögen. Hinzu kommen die Soli der Gitarristen, auch der Bassist und die Drummerin dürfen ihr Können zeigen. Die Band ist einfach bestens drauf und spielt sich durch verschiedene Genres mit Anleihen aus Rock’n’Roll, Metal und Sprechgesang. Ich stehe ob dieser Abwechslung dann doch noch ein paar Mal mit offenem Mund da. Wirklich einzigartig!
Uriah Heep

Nach diesem grandiosen Auftritt frage ich mich ernsthaft, wie der Headliner Uriah Heep das noch toppen soll. Die Frage beantworten die Briten eindrucksvoll: Mit „Crazed By Heaven“ und „Save Me Tonight“ liefern sie einen Auftakt nach Maß. Sänger Bernie Shaw begrüßt das Publikum auf Deutsch: „Dankeschön! Guten Abend!“ Mit einem Grinsen fragt er, ob die Anwesenden nach dem Auftritt von Mother’s Finest noch Energie übrig hätten. „Goodness me“, kommentiert er die Show der Amerikaner.

Uriah Heep, die auch 1969 gegründet wurden, sind auf „Farewell”-Tour, planen also den Abschied von der Bühne. Von der ursprünglichen Besetzung ist lediglich noch Gitarrist Mick Box an Bord, neben Shaw ist auch Keyboarder Phil Lanzon seit 1986 und damit seit 40 Jahren in der Band. Drummer Russel Jilbrook ist seit 2007 dabei und Bassist Davey Rimmer seit 2013.

Die Fans feiern das Spektakel, Songs wie „Hurricane“ oder „The Magicians Birthday“ bieten die bekannte Mischung aus Hard- und Prog-Rock. Gitarrist Mick, den Sänger Bernie als „meinen besten Freund“ vorstellt, verewigt sich mit einem minutenlangen Gitarrensolo, lediglich begleitet von Schlagzeuger Russel. Nach etwas mehr einer Stunde kommt dann der größte Hit: „Lady In Black“. Die Aufforderung an das Publikum mitzusingen, ist eigentlich unnötig. Der Song ist allen Anwesenden bekannt, viele können ihn Wort für Wort auswendig. Mit einer extralangen Version verabschieden sich die Briten in die Zugabe. Mit „Sunrise“ und „Easy Livin“ schließen sie den Abend ab. Ich hätte ja noch gerne „Free Me“ gehört, aber das ist Geschmacksache.

Im Nachhinein erweist sich das Line-Up als hervorragend kuratiert von den Veranstaltern: Der Start mit den verspielten Wishbone Ash, der Mittelteil mit der absoluten Power von Mother’s Finest und der ultimative Schlusspunkt mit der Rock-Show von Uriah Heep – besser kann man einen fünfstündigen Rock-Marathon gar nicht aufbauen. Und wer sich jetzt ärgert, das verpasst zu haben, hat noch eine kurzfristige Chance: Diesen Freitag spielen Uriah Heep ein Open Air in Schwetzingen mit Mother’s Finest als Special Guest. Also: Hin da!
