KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival, echaz.Hafen, Reutlingen

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Fulminanter Festival-Auftakt beim HafenSounds. Elder und Kadavar rocken Reutlingen als Heavy-, Psychedelic-Doom-Rock-Paket der Extraklasse.

„Ahoi, ihr Landratten! Heute melden wir uns aus der Hafenstadt Reutlingen!“ erlaube ich mir Gig-Blog-Kollegen Holger zu zitieren, der bereits 2023 auf dieses tolle Festival aufmerksam machte. Im Jahr 2021 startete das franz.K mit dem HafenSounds-Festival auf dem echaz.Hafen Areal. Ein direkt an das franz.K angrenzende Seecontainer-Areal, unter alten Platanen, das von dem sympathischen Club und Kulturzentrum so beschrieben wird:

Der echaz.Hafen ist ein kreatives Ensemble aus 26 alten Seecontainern, die gekonnt in eine beeindruckende Show-Bühne mit einem stilvollen Zimmermannsdach, eine atmosphärische Schallwand und vielfältige Gastroeinrichtungen verwandelt wurden. Jedes Element des echaz.Hafens ist aus Blech, Holz oder Upcycling-Material gestaltet, was unserem Gelände einen einzigartigen Charme verleiht und Nachhaltigkeit fördert.

Und HafenSounds hat sich zudem zu einem festen Bestandteil des Open-Air-Kalenders gemausert und an zwei langen Wochenenden so einiges an tollen Acts verschiedener Genres zu bieten. Ganz nach dem Motto des franz.K: Für alle Altersgruppen, für viele Geschmäcker. Den Auftakt im Jahr 2026 geben die Proto-, Psych-, Stoner- und überhaupt Rocker von Kadavar aus Berlin, die ihre befreundeten Kollegen von Elder, gegründet 2005 in Massachusetts USA, im Gepäck haben.

Elder

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Exakt mit der Akkreditierung am Einlass hören wir Elder mit ihrem ersten Song den Abend einläuten. Es ist ein lauer, wunderschöner Sommerabend mit einer angenehmen Temperatur nach den quälenden Hitze-Ausschlägen und das Gefühl hier ist eher etwas gemütlich und biergartenmäßig. Doch das ist im echaz.Hafen auch gar kein Widerspruch. Das Areal ist gut, aber noch lose gefüllt, vor der Bühne sammeln sich nach und nach einige Interessierte, einige bevorzugen auch die seitlichen Sitzgelegenheiten und die Stimmung ist herrlich tiefenentspannt. Und doch wird den anspruchsvollen Sound-Konstrukten von Elder, die sich mittlerweile etwas stärker in den Prog-Bereich bewegt haben, konzentrierte Aufmerksamkeit geschenkt. Das Elder-Set macht schnell klar, dass die Band sich entwickelt hat, aber ihren Wurzeln durchaus treu geblieben ist und so wippen und nicken sich die meist männlichen Zuhörer durch eine Melange aus Stoner, Doom, Psych, Post und Psychedelic. Die Container-Landschaft und auch das Bühnen-Konstrukt in Kombination mit den Temperaturen und einer leichten Brise lassen auch in Reutlingen einen Hauch von Desert-Feeling entstehen.

Elder frönen bei Gründung ihren damaligen Musikvorlieben, darunter auch Kraut-Rock, aber vor allem Sludge und Doom. Mittlerweile leben Gitarist und Sänger Nick DiSalvo als auch der zweite Gitarrist Mike Risberg in Berlin. Georg Edert, seit 2020 Schlagzeuger der Band ist Deutscher, sodass nur noch Bassist Jack Donovan in den USA ansässig ist. So verwundet es nicht, dass sich die Wege von Elder und Kadavar in Berlin kreuzten und nach dem bezaubernden Kadavar-Album „The Isolation Tapes“ ein zweites (Pandemie-) Album geschrieben wurde. Diesmal aber eben gemeinsam mit Elder. Mit dem faszinierenden Ergebnis „A Story of Darkness & Light“, ein Wunderwerk musikalischer Freiheit, das zwischen Rock, Prog und Alternative mäandert und durch Bandkontraste zusammengehalten wird. Konsequenterweise ist dieses Kleinod unter dem „Bandnamen“ Eldovar erschienen.

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Der Elder-Sound ist heute Abend klar und laut, die Besetzung klassisch mit zwei Gitarren, Schlagzeug, Bass plus einem Keyboard- und Soundtüftler. Letzterer, der neu im Team zu sein scheint, sowie Bassist Donovan singen phasenweise gemeinsam mit Nick di Salvo, der die Hauptgesangsarbeit mit einer sehr guten klaren Stimme leistet. Insgesamt überwiegen aber ausufernde, instrumentale Parts, die von ausgeklügelt bis heavy-treibend so ziemlich alle Emotionslagen umfassen können und die auf verschiedenen Ebenen einen Sog entstehen lassen, dem man sich schwer entziehen kann. Auch regelrechte Gitarren-Gewitter türmen sich auf und lösen sich in stimmigen Harmonien wieder auf. Das alles passt sehr gut zu dieser Reutlinger Hafen- und Wüsten-Atmosphäre an diesem Abend.

Entsprechend locker und entspannt ist das Publikum, das scheinbar vorwiegend aus bärtigen, meist tätowierten Ü40-Männern zu bestehen scheint. Doch hier sollte ich später noch eines Besseren belehrt werden. Die Elder-Stunde scheint wie im Flug vergangen und die Band erntet vollkommen zu Recht langen, begeisterten Applaus sowie eine lange Schlange Kaufwilliger am Merch-Stand.

Kadavar

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Es vergehen nur circa 20 Minuten bis Christoph „Lupus“ Lindemann, Simon „Dragon“ Bouteloup, Christoph „Tiger“ Bartelt und Jascha Keft (der seit 2023 festes Bandmitglied geworden ist) auf die Bühne kommen. Ebenfalls sehr entspannt und gut gelaunt positionieren sich die Mannen von Kadavar auf der Bühne. Kadavar werden auch vom Gig-Blog schon lange begleitet und man kann die Entwicklung auch anhand der Konzertberichte etwas nachverfolgen. Der Raum vor der Bühne hat sich nun etwas stärker gefüllt, aber es ist nach wie vor kein Gedränge oder Geschubse, sodass alle Platz haben, Getränke nachgeholt werden können und auch ein Positionswechsel vollkommen stressfrei möglich ist. Eine sehr angenehme Open-Air-Erfahrung.

Das vertraute Kadavar-Logo prangt an der Bühnenrückwand, ein kurzes, basslastiges Intro begleitet von Nebel startet den Gig. Und „All Our Thoughts“ (vom Debüt-Album 2012) catcht umgehend: In der Tat mit der ersten Riff-Folge und der ersten Strophe ist das Publikum on fire und dabei.

On the same old road, the others used to go / And chivel I’d smoke, happy never found…

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
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Der „Drache“ beginnt seine vertraute, raumgreifend Bass-Performance. Mal storchenhaft tänzelnd, mal kniend, mal mit scheinbar schmerzverzerrtem Gesicht in Heavy-Pose und in eigener Begeisterung für das Gespielte mitschreiend. Das ist immer wieder aufs Neue faszinierend und vor allem ansteckend, was offensichtlich nicht nur ich so empfinde. Denn es wird allenthalben getanzt oder sich zumindest bewegt – und diesmal blicke in viele sowohl männliche als auch weibliche Gesichter (und wahrscheinlich auch einige dazwischen und außerhalb), denen allen eines gemeinsam ist: Sie lächeln! Sie sind beseelt von dieser intensiven Live-Erfahrung eines eigentlich als etwas nischig geltenden Genres.

Mich fasziniert wieder der Look der Band. Der nach wie vor sehr authentisch wirkt und dennoch so etwas wie fashionable ist. Bassist Bouteloup, wie meist, mit chicer Newsboy-Cap, schwarzem spitzenbestickten Oberteil, das natürlich weit aufgeknöpft getragen wird, schwarzer Hose und schwarzen Schuhen. In ähnlichem Oberteil, nur noch etwas weiter aufgeknöpft, präsentiert sich auch Schlagzeuger Bartelt. Und Sänger Lupus ebenfalls ganz im chicen Stoner Understatement-Schwarz gehalten mit Nietengürtel und seiner Hippie-Gedenkt-Frisur. Zweitgitarrist und Soundfrickler Keft lässt sein blondes Haupthaar besonders zur Geltung kommen durch die dunkle Garderobe aus schwarzer feiner Hose und weit aufgeknöpftem, dunklen Blusenhemd.

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Bereits nach dem ersten Song eine der raren Ansagen: „Habt’er Bock, oder was?! Wir auch!“ bestätigt den ersten Eindruck von guter Laune. Es folgen „Black Sun“ und „Living in your head“ (beide ebenfalls vom Debüt „Kadavar“) und befeuern die ohnehin sehr gute Stimmung noch weiter und man spürt, dass Kadavar heute richtig Lust haben und in bester Spiellaune sind. Dies bestätigt auch die bereits zweite Ansage zum nächsten Song: „Seid’er ready für ‚Doomsday Machine?’“ Und wir sind! Der bereits 13 Jahre alte Kultsong der Band lässt das Publikum weiter high werden vom Abra-Kadavar-Sound. Und so spielen sich die Musiker immer weiter in ihren eigenen Musik-Rausch und schaffen es, durchgehend hohes Stimmungsniveau zu halten und zu begeistern.

Und so geht es weiter und weiter mit diversen handverlesenen Song-Perlen aus dem Œuvre der Band, wie das beliebte und großartige „Die Baby Die“. Das Lichtspiel auf der Bühne kommt mit zunehmender Dunkelheit immer besser zu Geltung, Nebel wird vermehrt eingesetzt und die Zutaten für einen Kadavar-Rausch sind bereitet. Dieser erreicht schließlich seinen ekstatischen Höhepunkt mit dem ohnehin langen, psychedelisch-intensiven „Purple Sage“, das noch weiter ausgedehnt und ausreizend zelebriert wird. Und das, ohne das Publikum dabei zu verlieren. Alle scheinen ein ähnliches Level erreicht zu haben und lassen sich treiben und vom Sound tragen.

KADAVAR, ELDER, 23.07.2026, HafenSounds-Festival des franz.K, echaz.Hafen Reutlingen | Foto: Claus Kullak
Foto: Claus Kullak

Und so geht dieser erste, durchweg gelungene HafenSounds-Abend in Reutlingen zu Ende. Beseelte Zufriedenheit wohin man den Blick auch schweifen lässt. Auch am Kadavar-Merchandise-Stand bildet sich noch eine lange Schlange begeisterter, berauschter Konzertbesucherinnen und -besucher, die etwas von diesem Abend mitnehmen möchten und vielleicht auch ein ähnliches Gefühl in sich tragen, das ich schon im letzten Jahr nach dem Besuch der Kadavar-Show hatte: Ich möchte nur Sound sein!

Kadavar

Elder

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