SELIN SÜMBÜLTEPE, DA CRUZ, 17.07.2026, Sommerfestival der Kulturen, Marktplatz, Stuttgart

Zwei starke Frontfrauen und wilde Stilmixes aus dem Orient und Lateinamerika. Selin Sümbültepe und Mariana da Cruz machen den Festivalfreitag zu einem farbenfrohen Fest mit klaren Statements.
Keine Frage, die Zeiten werden schwieriger für öffentliche Kulturevents. Die Fördergelder sind knapp und auch das Sommerfestival der Kulturen bleibt von Kürzungen nicht verschont. Dass dann aber auch noch das Wetter seine Kapriolen macht und den Publikumszuspruch reduziert, macht die Sache nicht besser. Zweimal sind wir schon pitschnass geworden, und auch heute sieht der Himmel nicht gut aus. Dabei stehen zwei echte Hochkaräter:innen auf dem Programm. Wir beschließen, uns die Laune nicht verderben zu lassen und unseren Beitrag zur Festivalfinanzierung mittels großzügiger Tombolabeteiligung und ordentlichem Umsatz am Getränkestand zu leisten.

Da Cruz heißt das Projekt der in der Schweiz lebenden Brasilianerin Mariana Da Cruz. Sie präsentiert eine vielfältige Mischung aus südafrikanischem Amapiano, brasilianischem Baile Funk und verschiedensten afrikanischen, karibischen und brasilianischen Stilelementen. Das ist stellenweise rhythmisch recht komplex, dabei aber immer treibend und auf die Tanzbeine zielend. Mariana hat eine enorme Bühnenpräsenz, ihr signalgelbes Outfit unterstreicht dies und passt wunderbar zum Backdrop im Festival Design. Ihre Ansprachen ans Publikum sind eine Mischung aus politischen Statements und Aufforderungen zum Tanz.

Dass dies so gut funktioniert, liegt zum guten Teil an der Band, die einen tighten Groove hat, überaus präzis agiert und trotzdem nicht der Versuchung erliegt, durch muckerhaftes Overacting mit ihrer Qualität zu prahlen. Auf dem Marktplatz bildet sich jedenfalls eine lebhafte Brasil-Tanzparty, die, wie immer auf dem Sommerfestival, durch Landsleute der jeweiligen Künstler:innen befeuert wird. Eine kurze Abfrage auf Portugiesisch beweist jedenfalls, dass eine ganze Menge tanzfreudige Brasilianer:innen anwesend sind.

Der Headliner des Freitags wird traditionell vom Deutsch-Türkischen Forum präsentiert. Und so kündigt deren Vorsitzender höchstpersönlich die Sängerin Selin Sümbültepe an. Natürlich haben türkische Bands in Stuttgart immer ein Heimspiel und so ist es auch beim Auftritt der Künstlerin aus der Provinz Hatay. Während sie in Deutschland wahrscheinlich nur wenigen Auskennern bekannt sein dürfte, hat sie in der Türkei beachtlichen Erfolg. Dabei überzeugt die klassisch ausgebildete Musikerin nicht nur mit einer wunderschönen Stimme, sie spielt auch eine tolle Querflöte.

Der Kontrast zur gerade abgeklungenen Brasil-Party könnte kaum härter sein. Vor allem, als die Sängerin schon recht früh im Set ihren Song „Akantüs / Hatay’a Ağıt“ angestimmt, der ein Klagelied für die Opfer des großen Erdbebens von 2023 in Atakya ist. Sümbültepe hat dabei ihre Familie verloren und widmet diesen Song trotzdem ganz allgemein allen Menschen ohne Obdach, auch den Palästinenser im Gaza. Das ist eine derart großherzige Geste angesichts der aufgeheizten Nahost-Situation, dass es kurz still wird auf dem Marktplatz. Ihm wieder einsetzenden Regen singt sie dann dieses ergreifende Lied in ihrer zweiten Muttersprache Arabisch.

Doch Sümbültepe, die in vielen Genres und Sprachen zu Hause ist, kann natürlich auch ganz anders. „Ma Ureede“ beginnt mit Rahmentrommel und orientalischen Flötentönen und gleitet dann in einen sanft federnden Reggaebeat, bevor es in komplexere Middleeast-Rhythmen überleitet. Anspruchsvoll arrangierte Musik, die immer ergreift und niemals kopflastig wirkt. Die Band agiert sehr sparsam und zurückhaltend und setzt die Sängerin dabei äußerst wirkungsvoll in Szene.

Im weiteren Verlauf nimmt der Regen immer mehr zu, aber Selin Sümbültepe schafft es, den größten Teil des Publikums zu halten und mit zunehmender Dynamik, Bauchtanzeinlagen und tanzbaren Titeln im Oriental Groove dem feuchten Abend eine fröhliche Seite abzugewinnen. Und wir haben mal wieder eine Band entdeckt, die wir ohne das Sommerfestival vielleicht niemals kennengelernt hätten.

Ist das ein 6-Seiter Bass
Ja, tatsächlich, bei Da Cruz wurde ein 6-Saiter gespielt.