LENNY KRAVITZ, 10.07.2026, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart

Mit Coolness und großem musikalischem Können begeben wir uns mit Lenny Kravitz auf eine lässige Zeitreise.
Was kann man über einen der bekanntesten Rockmusiker noch schreiben, dessen Karriere nun schon über 37 Jahre andauert? 1989 veröffentlichte er sein Debütalbum „Let Love Rule“ und spätestens 1993 wurde er mit seinem dritten Longplayer „Are You Gonna Go My Way“, der in mehreren Ländern in die Top 10 der Charts gelangte, zum internationalen Star. Kravitz war nie Teil einer zeitgenössischen Musikströmung, wie dem, die Neunzigerjahre dominierenden Grunge, oder etwas später Nu-Metal. Lenny Kravitz verortete sich von Anfang an mehr im klassischen Rock und seinen Wurzeln, dem Blues. Auch Jazz spielte in seiner musikalischen Sozialisation eine nicht unerhebliche Rolle, war sein Vater doch Promoter für Jazzkonzerte. Somit passt er mit seinem eklektischen Sound bestens ins Line-up des Jazz-Open, das in seinem Programm weit über den klassischen Jazz hinausgeht und Genregrenzen immer wieder einreißt und erweitert. Ich habe das Vergnügen, Kravitz heute Abend das erste Mal live zu sehen, und bin gespannt, ob es mir gelingen wird noch etwas Neues über ihn zu schreiben.

Kurz vor 19 Uhr bin ich am Schlossplatz, um über den Support De’Wayne zu schreiben. Zum ersten Support, der Stuttgarter Band Phi, bestehend aus Felix Fischer (Lead Vocal und E-Gitarre), Julia Kalb (Vocals und E-Bass), Rapha (Keys, Saxophon und Vocals) und Michael Biggel an den Drums, habe ich es zeitlich leider nicht geschafft. Da aber unser Fotograf Ralph glücklicherweise schon um 18 Uhr vor Ort war und von den vier Musiker*innen Fotos machen konnte. Da er den Auftritt der Band, deren Stil im Spannungsfeld zwischen Soul, Funk und Indie zu verorten ist, wirklich überzeugend fand, möchte ich Phi einfach mal erwähnt haben und hoffe, sie bald an anderer Stelle live genießen zu können.

Doch nun zu De’Wayne, der für sein im letzten Jahr erschienenes Album „June“ überwiegend positive Kritiken bekam und heute Abend mit dreiköpfiger Band am Start ist. Der in Los Angeles lebende Musiker entpuppt sich schnell als kongenialer Support für Herrn Kravitz, besticht seine Musik doch durch eine vielseitige Mischung aus Funk, Soul und R&B-Elementen, garniert mit energetischem 80er-Jahre-Rock. Das Ganze ist handwerklich von Terry Craft an den Drums, dem Gitarristen Dominic Stepanian und Jonathan Behar am Bass, stark umgesetzt. Dass De’Wayne Genregrenzen nicht interessieren, zeigt sich am Iggy And The Stooges-Klassiker „I Wanna Be Your Dog“, den er mit einer dezenten Punk-Attitüde covert, allerdings nicht mit ganz so viel punkig-dreckiger Direktheit, die dem Original innewohnt; gelungen ist seine Interpretation aber allemal. Überzeugend sind auch seine Bühnenpräsenz und Performance. Stylish im glamourösen, schwarzen Outfit, das zwischen rockiger Eleganz und New-Wave-Edgyness changiert. Dazu lasziv rhythmische Bewegungen mit einer selbstverständlichen Coolness dargeboten. Ein Auftritt, der Spaß macht, und ob seiner musikalischen wie auch performativen Nähe zum Hauptact, sehr gut auf den Auftritt von Lenny Kravitz einstimmt.

Nach 45 Minuten Pause ist es soweit. Punkt 21 Uhr betritt Lenny Kravitz mit seiner Band unter lautem Jubel von 7.300 Besuchern (das Konzert ist ausverkauft) die Bühne und legt unvermittelt los. Der energetische Opener „Bring It On“ brandet ins Publikum, schnörkellos und direkt. Das ist Rock der alten Schule. Ebenso der Stil von Mister Cool himself. Dreadlocks, Skinny-Jeans und tief ausgeschnittenes Hemd, und obwohl Kravitz die 60 schon überschritten hat, wirkt das in keinster Weise aufgesetzt.
Bereits beim dritten Song „TK 421“ sieht man, was für ein begnadeter Entertainer Lenny Kravitz ist, sein Auftritt ist funky Sexyness. Eine Performance, die bei vielen anderen aufgesetzt und vielleicht auch klischeehaft wirken würde, kommt bei ihm absolut selbstverständlich daher. Bei „Always On The Run“ wird dem Publikum dann so richtig eingeheizt, der Schweiß fließt nicht nur wegen der hochsommerlichen Temperaturen in Strömen. Was für eine Dynamik aus treibenden Rockgitarren, und dem massiven Druck der Drumpatterns von Schlagzeugerin Cindy Blackman Santana, die den Livesound von Kravitz mit extrem kraftvoller Präzision schon seit Jahren prägt, und mit den beiden hervorragenden Saxophonisten schließt sich dann der Kreis zum Jazz. Das Set wird immer aufgeheizter, sodass sich Kravitz veranlasst sieht, ein Handtuch ins Publikum zu werfen und der Gebärdendolmetscherin, die ihren Job hingebungsvoll ausübt, es ist geradezu eine Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie in der Musik aufgeht, fürsorglich das Gesicht zu trocknen.

Natürlich gibt es bei einem solchen Profi Erwartbares, wie ein „Stuttgart, I love you“ und einige Rockismen, die sympathisch aus der Zeit gefallen sind, aber hey, das gehört dazu und macht sowohl den Musiker*innen als auch dem Publikum immensen Spaß. Klassisch ausufernde Gitarrensoli lassen die gute alte Zeit des Rock wieder aufleben.
Songs wie „Honey“ und „Low“ sind voll souligem Schmelz und Swing, da swingt lasziv die Hüfte und die Hormonspiegel gehen high. Mit „It Ain’t Over Til It’s Over“ geht es direkt zurück ins Jahr 1991, einen Song, der damals schon zeitlos war; in einer Zeit, in der Grunge mit seiner düsteren Wut den Rock bestimmte, war Lenny Kravitz’ Musik eine Flucht in eine positiv gelesene Vergangenheit, und genau so funktioniert seine Musik auch noch heute.
Seine größten Songs wie „American Woman“ und „Fly Away“ folgen, Tracks, die zu den Besten seines großen Œuvre gehören. Songs, die einfach funktionieren, die mitreißend sind und das Publikum zum Mitsingen und zum Hüpfen bringen. Als Zugabe gibt es „Let Love Rule“, sein Debüt von 1989. Ein starker Abschluss eines Konzerts, das perfekte Liveunterhaltung war und das Publikum glücklich zurücklässt.
