BIOHAZARD, SWORN ENEMY, STRIKING 13, 09.07.2026, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Michael Weiß

Schon vor 33 Jahren in Stuttgart gespielt – hat es die Crossover-Band Biohazard aus Brooklyn noch drauf?

Biohazard aus Brooklyn, New York, waren vor satten 33 Jahren die erste Hardcore/Metal Band die ich auf einer größeren Bühne, wenige Kilometer entfernt im LKA habe spielen sehen. Aus heutiger Sicht schleierhaft, wie ich es mit meinem Kumpel (wir waren damals 14/15-jährig) vom Dorf/Kleinstadt mit den Öffis ins LKA und wieder zurück geschafft habe. Wahrscheinlich sind wir im DB-Reisezentrum gesessen und haben uns die Fahrt nach Wangen erklären lassen. Biohazard waren nicht der primäre Grund der Reise, sondern Kreator, die sie als Support dabei hatten. An die Auftritte habe ich noch ziemlich lebhafte Erinnerungen und an die Rookie-Mistakes, die wir nacheinander begangen haben. Komplett unerfahren haben wir uns in die erste Reihe zwischen Typen, die aussahen wie die Mitglieder von Biohazard (freie Oberkörper, Tattoos, Muskeln), gestellt. Die Band kannte ich aus „Headbanger’s Ball“(MTV), im Jahr zuvor war das aus heutiger Sicht wohl wichtigste Album „Urban Discipline“ erschienen.

Als die New-Yorker loslegten, sind wir sofort überrannt und praktisch zerquetscht worden, die unglaubliche Lautstärke und der Druck in der Luft kamen noch on top. Lange haben wir das nicht ausgehalten und den Rückzug in die sichereren Gebiete zwischen die langhaarigen Kreator-Fans gesucht. Ich weiß noch genau, wie ich ungläubig das Moshpit beobachtet habe. Die erste Hardcore-Show. The first cut is the deepest. Ich bin mit einem Biohazard-Shirt und der Angst, nie wieder normal hören zu können, zu Hause angekommen. Von Gehörschutz hatten wir noch keine Ahnung. „Urban Discipline“ habe ich mir damals direkt gezogen und scheinbar sehr, sehr oft gehört und die Texte gelesen, denn ich bin zu meiner Überraschung heute sehr textsicher, obwohl ich das Album die letzten 20 Jahre sicher nicht mehr gehört habe.

Von der Reunion habe ich erfahren, wobei mir nicht bewusst war, dass die Band heute in der gleichen Besetzung wie damals spielen wird. Das macht die Show schon in der Ankündigung für mich besonders. Mir fällt spontan keine Band im Metal-Bereich ein, in der das möglich wäre, dass tatsächlich noch alle leben oder nicht total zerstritten sind. Beispiele: die damaligen Labelmates von Roadrunner Records und Weggefährten wie Type 0 Negative oder Sepultura.

Im Gepäck ist ein neues Album „Divided we fall“ – man muss nicht total im Hardcore drin sein, um den „nod“ Richtung Agnostic Front zu verstehen „United we stand – divided we fall“ – ein später großer Hit der Band, ohne die es Biohazard in dieser Form wohl nicht geben würde.

Foto: Michael Weiß

Bevor ich den Vergleich ziehen kann, gibt es noch den Auftritt von Sworn Enemy aus dem benachbarten „Queens“. Die Band hatte anfangs mit deutlichen Sound-Problemen zu kämpfen, was sich aber geregelt hat. Der Auftritt gibt die Marschrichtung vor, aber mehr Metal, mehr Thrash als Biohazard, zwei Gitarristen, was die Bühne füllt. Der Auftritt kommt ganz gut an. Aber alles wartet natürlich auf den Auftritt der deutlich größeren Headliner. Und es ist ganz schön was los im Club. Zunächst dachte ich noch, dass die Show in der kleinen Halle stattfindet, in der z.B. auch Mayhem gespielt haben, und war überrascht, dass es die große Halle geworden ist. Die musste es aber sein, volle Hütte. Nachdem ich vor 33 Jahren mit einiger Sicherheit zu den Jüngsten gezählt habe, dürfte ich heute nicht der Älteste sein, und das bestätigt sich auch, wobei es eine gesunde Mischung ist, auch Kinder sind zu sehen, und wenige Frauen.

Zum Rocky-Intro „Gonna Fly Now“ kommen die rund 60-Jährigen auf die Bühne. Äußerlich hat sich nicht alles verändert – Evan Seinfeld, der mit Jerry Seinfeld verwandt ist, scheint viel Zeit im „Gym“ zu verbringen, Gitarrist Billy Graziadei ist weißhaarig und etwas rundlicher geworden, Drummer Danny Schuler auch etwas aufgegangen, der zweite Gitarrist Bobby Hambel, abgesehen von leichtem grau, sieht kaum verändert aus, gleicher Style und Kappe wie damals.

Das Set beginnt wenig überraschend direkt mit einem Stück von „Urban Discipline“ mit dem gleichen Titel, und der erste Eindruck ist ein Guter, klingt gut, und sieht alles ganz cool aus auf der Bühne, von dem, was ich sehe, denn die Bandmitglieder sind überwiegend etwas kurz geraten, was ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Next: „Shades of Grey“ – „There is no black, there is no white, there are only shades of grey“, ist zum Slogan geworden, es gibt ein offizielles Video, einer der zahlreichen Hits von „Urban Discipline“ – das trägt einen zurück. Dem Publikum gefallen die vertrauten Lieder, aber es geht sehr entspannt zu, kein Vergleich zu der Härte der früheren Moshpits, die man heute auch noch finden kann, aber nicht hier und heute, und das wird den meisten anwesenden ganz recht sein. Zwar gibt es, wie auch schon bei der Vorband, Aufforderungen von der Bühne zu „Circle Pits“, der auch brav nachgekommen wird, aber alles sehr gemäßigt. An diese Zwangs-Circle-Pits kann ich mich aus den 90ern wirklich nicht erinnern, ich glaube, das ist ein neuzeitliches Phänomen, höchstens mal eine „Wall of Death“ bei Shows von „Sick of it All“, aber ansonsten hat sich ein Circle-Pit entweder natürlich gebildet, oder einfach gar nicht.

Mit erhobenem Mittelfinger geht’s weiter „Fuck the system“ vom neuen Album. Biohazard „By the books“, überraschend gut, die typischen geshouteten/gerappten Vocals von Seinfeld. Ich werde das neue Album jetzt sicher mal checken. Gleiches gilt für „Forsaken“, auch neu und kein bisschen schwach, im Gegenteil, hartes Material. Das Set wird aus weiteren Stücken dieser beiden Alben bestehen, „Black and white and red all over“ spielen sie auch richtig super.

Höhepunkt der Show, keine Überraschung ist der Crossover-Hit „Punishment“ mit dem saucoolen Riff, war damals ein Lied, das in Alternativen Clubs gespielt wurde. Die Kameras werden gezückt und es wird gefilmt, als gäbe es kein Morgen. Es kommt Verstärkung auf die Bühne, Mitglieder der Vorbands shouten mit, gelungener Abschluss. Outro der Show sind die Beastie Boys mit „No sleep til Brooklyn“, die Message dahinter wahrscheinlich: Noch ist die Tour nicht beendet. War eine solide Show, wenn auch nur eine Stunde, aber die war nicht mit angezogener Handbremse, respektabel. Der größte Unterschied von vor 33 Jahren war klar das zahmere Publikum, was mich nicht stört, im Gegenteil. Die Band kam authentisch rüber, die hatten wirklich Bock und machen überhaupt nicht den Eindruck, dass das die letzte Tour war, weil es körperlich nicht mehr ginge. Ich nehme an, das würden die meisten Anwesenden unterschreiben.

Biohazard

Sworn enemy

Striking 13

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