NICK CAVE & THE BAD SEEDS, 06.07.2026, JazzOpen, Schlossplatz, Stuttgart

Nick Cave betreibt seit 2018 ein Projekt mit dem Titel „The Red Hand Files“. Eine Onlineplattform, über die er mit seinen Fans in Dialog tritt. Sie stellen ihm Fragen, die er nach dem Muster souveräner Willkür beantwortet. Sein Auftritt in Stuttgart war eine Messe für die, die noch glauben wollen und hat mich so berührt, dass ich mit diesem Menschen ins Gespräch kommen möchte. Ein Konzertbericht in fünf Fragen. Vielleicht antwortet er ja.
Der Schlossplatz versinkt in der Julidämmerung wie ein Schiff in stiller See. Ich betrete die Takelage der Pressetribüne. Aus Respekt ein wenig früher als nötig. Schon jetzt liegt etwas Heiliges in der Luft. Ich erwarte Weihrauch, rieche aber nur den Double-Peach-Tabak einer E-Zigarette. Support gibt es keinen. Die Bühne ruht still, vorbereitet wie ein Altar, der seine Gemeinde erwartet.
Ich sehe Menschen, die sich in der sicheren Erwartung eines bevorstehenden Wunders in die Arme fallen. Zudem handeln sie in der Gewissheit, zu einer auserwählten Gruppe zu gehören; das Konzert ist längst ausverkauft. Die Tribünengäste lassen sich noch etwas Zeit. Vor der Bühne aber harren die eifrigsten Gläubigen bereits seit Stunden aus.
Wer annimmt, das Publikum habe versucht, der schwindelerregenden Stilsicherheit des Meisters nahezukommen, wird eines Besseren belehrt. Das Gros der Anwesenden hüllt sich in schlichte Pilgerkleidung: kurze Sporthemden, offene Schuhe, werbegeschenkte Sommerhüte. Fast wirkt es, als fürchteten sie die Exkommunikation, sollten sie Nick Cave allzu gotteslästerlich nacheifern. Optisch ist der Schlossplatz kaum vom Feuerwehrfest in Bad Dürkheim zu unterscheiden. Und doch verdichtet sich die Atmosphäre mit jeder Minute. Sie türmt sich über dem Platz auf wie ein zweiter Himmel. Als das Licht milchig wird, senkt sich eine Stille herab, die man sonst aus Kirchen kennt, kurz bevor die Orgel einsetzt.

Nick, when people gather around something they cannot yet see, what is it they are really hoping to witness? And how do we know whether we are waiting for a miracle or for ourselves to become capable of seeing one?
Die einfachste Definition eines Rituals lautet: Es hat einen Anfang und ein Ende. Den Beginn markiert das Überschreiten einer Schwelle. Als die Band die Bühne betritt, beginnt ein solches Ritual. Warren Ellis an der Geige ist der engste Vertraute von Nick Cave, eine Mischung aus genialem Multiinstrumentalist und exzentrischem Regenbogenmacher. Ihm folgen Colin Greenwood am Bass, Wendy Rose, Janet Ramus, Mica Townsend und Travis Cole an den Vocals, Carly Paradis an den Keys, Larry Mullins an den Drums, George Vjestica an der Gitarre. Diese Bad Seeds bereiten einen guten Boden.
Kaum haben sich die Augen an diesem Ensemble ein wenig sattgesehen, betritt ein hagerer Mann im maßgeschneiderten schwarzen Dreiteiler die Bühne, als trüge er das schwindende Licht der Abenddämmerung auf den Schultern. Er hat noch keinen Ton gesungen, und doch verändert sich der Raum um ihn. Er begrüßt seine Band mit einer beiläufigen, aber respektvollen Geste, diskret wie ein Bieter auf einer Sotheby’s Auktion. Dann wendet er sich der Menge zu und strahlt dabei die Präsenz eines buddhistischen Zen-Priesters aus.
Dass dieses Publikum ihm längst verfallen ist, weiß er, seine Augen verraten es. Die Menschen empfangen ihn wie einen Messias. Er wird im Laufe dieses Abends zu dieser Menge herabsteigen, ja. Aber vor allem wächst sie zu ihm empor. Zentimeter für Zentimeter, solange er singt, solange er da ist.

Nick, I have watched a room become different simply because one person entered it. Is presence something a soul can cultivate, or is it something other people quietly create when they decide to believe in you?
„Get Ready for Love“ ist die erste Offenbarung dieses Abends. Die Band ist vom ersten Moment an vollkommen da. Ein präzise orchestrierter Soundteppich legt sich über die Menge, auf Haut und Herzen.
Und Nick? Während sich um ihn herum die Bühne in schweißtreibender Hitze aufzulösen scheint, bleibt er makellos: gestärktes Hemd bis oben geknöpft, die Krawatte festgezogen. Kein Tribut an das Wetter. Keinen an die gelernte Lässigkeit eines Open-Air-Konzerts. Diese Strenge ist Teil seiner Botschaft. Wer über Tod, Schuld und Gnade singt, so scheint sein Äußeres zu sagen, sollte es nicht im T-Shirt tun. Und so bricht das erste „Calling ‚round the world — Get Ready for Love!“ aus ihm hervor, als wäre der Tag der sieben Posaunen.
Als der frenetische Jubel etwas nachlässt, beweist Nick Cave den trockenen Humor seiner Wahlheimat England. Die ersten Worte lauten: „This is terrifying.“ Nach einer kurzen Pause präzisiert er, worin das Martyrium besteht: „Daylight.“
Ob diese Begrüßung eine Reminiszenz an die Abendgarderobe des Publikums ist, bleibt Spekulation. Fest steht: Er biedert sich nicht an. Er spricht Stuttgart aus wie ein Thailandurlauber den Namen seiner Heimatstadt, nennt die Jazz Open beharrlich Jazz Festival und distanziert sich mit höflicher Bestimmtheit davon, Jazz zu spielen.
Man könnte meinen, all das mache ihn unsympathisch. Tatsächlich geschieht das Gegenteil. Es ist diese elegante Selbstverständlichkeit, die ihm erlaubt, albern zu sein, ohne je lächerlich zu wirken.

Nick, why does truth so often arrive wearing the clothes of humour? And why do the people who carry the deepest grief so rarely need to prove their seriousness?
Das Set bewegt sich kreisförmig durch das opulente Werk. Härte trifft auf Zerbrechlichkeit, Zorn kippt in Zärtlichkeit und wieder zurück. Eine sorgfältig komponierte Dramaturgie. Alte Stücke wie „From Her to Eternity“, „Tupelo“, „The Mercy Seat“ oder „Papa Won’t Leave You, Henry“ stehen gleichberechtigt neben Stücken des aktuellen Albums „Wild God“. Dabei verzichtet er weitgehend auf das bloße Abfeuern seiner größten Hits. Stattdessen wirkt der Abend wie eine liturgische Erzählung: Auf die ekstatische Eröffnung folgen die dunklen Mythen und Balladen der Mitte bis hin zu Momenten von Trost und Erlösung. Die Songs erzählen weniger die Geschichte einer Karriere als die eines Menschen, der gelernt hat, Schmerz und Hoffnung gleichzeitig auszuhalten.
Herauszuheben sind drei Songs, die unterschiedlich klingen, aber denselben Kern berühren. „Henry Lee“ lässt ein altes englisch-schottisches Mordlied wiederauferstehen und erinnert daran, dass Nick Cave seine schönsten Melodien oft den dunkelsten Geschichten anvertraut. „The Mercy Seat“ verliert auch fast vierzig Jahre nach seiner Veröffentlichung nichts von seiner Wucht: Die fiebrige Erzählung eines Mannes auf dem elektrischen Stuhl ist mehr als eine Geschichte über Schuld und Strafe – sie ist ein Monolog über Selbsttäuschung, Angst und den verzweifelten Wunsch nach Erlösung. Den stillsten und vielleicht bewegendsten Moment aber schenkt „Hollywood“. Der Song entstand nach dem Tod von Nick Caves Sohn Arthur und verbindet eine zutiefst persönliche Trauer mit buddhistischen Bildern aus der Kisa-Gotami-Erzählung, in der eine Mutter lernt, dass kein Haus in ihrem Dorf vom Tod unberührt ist. Hier zeigt sich die große Gabe, privaten Verlust in eine universelle Erfahrung zu überführen. Kaum ein anderer Künstler vermag Schmerz in solcher Schönheit auszuhalten, ohne ihn zu verklären.

Nick, if a life cannot be understood until it has been arranged into a story, who decides which memories become songs? And which ones must remain silence?
Am Ende, ganz am Ende, gibt es dann doch noch den großen Hit. „Into My Arms“. Nick Cave alleine am Flügel und tausende Stimmen, die sich behutsam in dieses Lied legten, als gehörte es schon immer ihnen. Kaum ein Song beschreibt diese kleine große Welt in Nick so vollkommen: Er ist Liebeslied, Gebet, Bekenntnis und Zweifel. Und als der letzte Ton verklungen ist, bleibt für einen kurzen Augenblick jene Stille zurück, mit der dieser Abend begonnen hat.
Nick, du Hüter der stillen Wunder, du Chronist der verlorenen Seelen, du Poet der Auferstehung, wenn ich dir eine letzte Frage stellen darf:
When are you coming back to Stuttgart Jazz Festival?


Chapeau, lieber Sebastian! Dieser Konzertbericht spricht mir aus der Seele.
Mit einer leicht ironischen Note stellst du exakt die Ambivalenz dar, in der ich mich nach dem Gig befand. Zum einen habe ich als alter Nick-Cave-Fan einen unfassbar intensiven, musikalisch perfekten Gig unter nahezu idealen Umständen gehört, zum anderen hat mich die geradezu gottgleiche Verehrung vor allem im Golden Circle zunehmend irritiert. War dies alles nur gespielt – vom Künstler und Publikum – oder war ich Zeuge einer quasi-religiösen Extase? Was mich als Agnostiker ziemlich verstört hat. Cave selbst lässt dies ja nicht genau erkennen.
Nicht nur, was die Emotionen betrifft, auch musikalisch war mir alles deutlich zu dick aufgetragen. Gospel-Chor, Geigen, Big Band – nichts, was die Qualität seiner Klassiker unbedingt steigert. Und bei „Into My Arms“ wurde mir klar: Wenn ich mir Nick Cave nochmal anschaue, dann in einer Solo-Show.
Nur eines hat mich überrascht: Gibt es auf dem Feuerwehrfest in Bad Dürkheim tatsächlich soviele Altpunks und Schwarzkittel?
Danke für den tollen Bericht!
Lasst uns noch eine „Randfigur“ erwähnen, da es doch tatsächlich ein Bild der fantastischen Gebärdendolmetscherin in die Galerie geschafft hat. Für mich das erste Konzert, bei dem auch für Gehörlose übersetzt wurde. Diese Frau hat so viel Emotionen in jede Geste gesteckt, dass es auch für mich als Hörenden eine echte Bereicherung war, ihrer Interpretation von Text und Musik zuzusehen.
Stimmt, Meini! Sie war für ich auch der heimliche Star. Ich habe sie schon auf der About Pop ein paarmal gesehen. Hier gibt es ein kurzes Portrait über sie im SWR: https://www.youtube.com/watch?v=C-FBbklbZ38
WOW – toller Bericht, der genau das Konzerterlebnis wiedergibt!! What a blast – echt eine heilige Messe! Und ich weiss, wovon ich schreibe. Hammergänsehaut noch immer. Das war eines meiner TOP10 Konzerte in a lifetime, und ich habe schon viele gesehen und werde noch viele sehen. So Gott bzw. die Künstler es wollen. >;-)
Wie schön und treffend geschrieben! Was für ein Abend!
Danke! Ich bin auf einem Bild zu sehen. Nick hält meine Hand.
Wie kann ich das Bild erwerben? Möchte es gerne für mich ausdrucken.
@Christian: Schicke mir eine Mail , ow@oliverwendel.photography
Holger, du warst Zeuge einer absolut euphorischen religiösen Extase, nur Fans die im Herzen und der Seele mit Nick und seiner Musik absolut in extremer Trauer, unvorstellbaren Leid, kaum auszuhaltenden Schmerz und tiefer Hoffnung verbunden sind können fühlen, welche überirdische Verbundenheit in absoluter Liebe stattfindet. Das Konzert war nicht nur ein Konzert und das Konzert war mehr, viel mehr als ein Gottesdienst, das Konzert war sensationell, hoch emotional und voller Ekstase, so wie der wundervolle treffende Bericht es beschreibt…und es war nichts übertrieben, aufgesetzt oder gespielt…, das war eine wahrhaftige, überirdische, extasische Verbundenheit mit Nick, seinen Fans, mit Gott und allem in absoluter Liebe vereint.