CURTIS HARDING, 20.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart

Bei Hitze sollen die Leute allgemein aggressiver, heißt es. Könne man auf den Straßen beobachten. Was hilft? Lässigster Retro-Soul mit so unaufdringlichen wie betörenden Melodien, zum Beispiel.
Soul, nicht unbedingt ein Genre, in dem ich mich auskenne. Neuerer Soul schon mal so gut wie gar nicht. Die Klassiker von Curtis Mayfield, Marvin Gaye und Stevie Wonder stehen natürlich im Schrank, und läuft mir ein Northern Soul Song über den Weg, höre ich ihm sehr gerne zu. Dass ich den Weg zu Curtis Harding finde, ist somit nicht ganz überraschend, bespielt der Mann doch das Genre eher analog und retrolastig klingend. Alter Mann hört alt klingende Musik. Klingt ein wenig abgehängt, aber wie ich auf einem Trap-Konzert abzappele, will die Welt halt auch nicht sehen.

Erstaunlich leer ist es in der Halle als wir so viertel nach sieben reingehen, aber auch (noch) angenehm temperiert, während draußen diese neue Art von infernalem Sommer wütet. Punkt halb acht geht das Licht aus und der stadtbekannte Stephane von Ratzer Records legt mit seinem DJ-Set los. Das ist nicht nur sehr gut und groovy, sondern tatsächlich auch gut anzuschauen, da der gute Mann sich elegant dazu bewegt. Fast eine ganze Stunde wird er den immer voller werdenden Saal bespielen und alle musikalisch auf das noch Kommende einstimmen. Erstaunlich viel Applaus für ein „nur“ DJ-Set am Ende, aber das hat großen Spaß gemacht. Moment, die Redaktion meldet sich gerade noch auf meinen Knopf im Ohr. Stephane hat auch einen vokalreichen Künstlernamen. Der soll nicht verschwiegen werden: DJ Sylvialeo.

Curtis Harding kommt dann viertel vor Neun auf die Bühne. Und zwar nicht mit großem Getöse, Bombast oder viel Krawall, sondern mit einem entspannt, lockeren, groovigen Song. Der Sound ist ausgesprochen gut, atmet, was bei der zunehmenden Wärme mental doch entlastet. Ähnlich entspannt geht es weiter. Etwas schwer tu ich mich die Ansagen richtig zu verstehen, wegen starkem US-Slang. Es könnte sich um den Song „Banh Me“ handeln. Der Drummer spielt luftige Beats, der Bass sticht mit eigenen Läufen schön heraus, der Tastenmann händelt auch ein Saxophon, wenn es sein muss, darüber die zwei Gitarren und die classy Stimme von Curtis Harding.

Gut gefällt mir, wie entspannt die Band Dynamik auf- und abschwellen lassen kann. Das wirkt extrem organisch, wie nebenbei fallen gelassen. Ganz großartig sticht für mich „There She Goes“ heraus. Diese Art von Hit, die klingt, als sei der Song schon immer da gewesen. Unmöglich, dass der erst vor paar Jahren komponiert wurde.
Curtis Harding selbst ist nicht nur ein fabelhafter Sänger, sondern auch ein sehr charismatischer Frontmann (wie martialisch dieses Wort schon wieder klingt). Mühelos dirigiert er einen Mitsingteil bei dem tollen „I Won’t Let You Down“ für das Publikum. Sehr schwer dem zu widerstehen. Unwiderstehlich ist auch das upbeatige „On And On„, das in einer gutsortierten Northern Soul Single-Sammlung nicht negativ auffallen würde.

Die anfänglichen Befürchtungen, das könnte ein müder Abend werden, als wir in einer fast leeren Halle standen, sind schon lange vergessen. Müsste man sich eine Musik und ein Konzerterlebnis zusammenbasteln, das wie gemacht für die tropischen Tage zurzeit ist, es würde Curtis Harding dabei rauskommen. Nach ca. 90 wundervollen Minuten ist Schluss. Und ich werde wiederkommen.
