SEPULTURA, CRO-MAGS, TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg

SEPULTURA, CRO-MAGS, TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Einen gemeinsamen Nenner hat das Konzert von Sepultura, Torture Squad und Cro-Mags in Heidelberg nicht. Eine Band war großartig, eine überraschend gut und eine … na ja.

Sie nannten ihn »Sep«, meine Klassenkameraden: »Sepultura-Sep« nach den T-Shirts, die er immer trug. Er war es natürlich auch, der mir meine erste Sepultura-Kassette gab: mit »Beneath The Remains« auf der einen und »Arise« auf der anderen Seite. Es war überhaupt erst meine zweite echte Metal-Kassette. Davor hatte er mir die »Human« von Death und »Clandestine« von Entombed gegeben.

Der Weg war vorgezeichnet.

Warum erzähle ich das? Will ich sagen, dass sich mit der Abschiedstour deswegen irgendwie der Kreis schließt? Nein, es geht um etwas anderes: Ich hatte auf dem Konzert in der Halle02 das irgendwie absurde Erlebnis, nostalgisch nach einer Zeit zu sein, in der ich höchst unglücklich war.

Vielleicht liegt es daran, dass Musik mir half, wenigstens irgendwie klarzukommen.

SEPULTURA, CRO-MAGS, TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Ich bin gar kein Veteran der Sepultura-Konzerte. Wenn ich mich richtig erinnere, war dieses hier mein erstes. Besser geeignet für einen Bericht wäre vielleicht Tox gewesen, der sich schon das eine oder andere Mal mit der Band und ihrer Folgegeschichte beschäftigt hat.

Ist jetzt so.

Ich hatte mich für Sepultura ganz kurzfristig eingetragen, weil es frei war und weil ich mir dachte: »Sepultura geht immer«. Stellt sich heraus: »Sepultura geht nimmer«. Die brasilianischen Monolithe steigen aus mit einer Abschiedstour, die nun schon das dritte Jahr läuft. Ein letztes Mal kommen sie nach Deutschland in ihr »second home«, wie sie erklären, und spielen abseits der großen Metropolen in Würzburg, Heidelberg, Saarbrücken, Oberhausen und Potsdam.

Gut so.

Die Halle02 ist knallvoll. Es sind auch einige Autos von außerhalb da: Stuttgart, Baden-Baden und was noch alles. Sepultura zieht halt.

Torture Squad

TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Als ich eintreffe, spielen Torture Squad schon, aber wohl nicht so lange. Nach der Sonne draußen tappe ich in der Halle02 ziemlich im Dunkeln, bis ich es ganz nach vorne geschafft habe, um mir die brasilianischen Thrash Metaller anzusehen. Sie fallen gleich dadurch auf, dass sie uns scharf abgezirkelte Riffs um die Ohren ballern. Ich kenne sie bislang nicht, aber ich merke gleich, dass sie Spaß machen.

Auch als ich sie jetzt beim Schreiben höre.

TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Mayara Puertas hat ein herrlich heiseres Bellen, das ausgezeichnet zu den knackigen Riffs von Rene Simionato passt. Die beiden sind seit 2015 dabei und verschaffen der Band damit erstmals nach zwei Jahrzehnten ein stabiles Lineup. Ich weiß nicht, inwiefern das eine Rolle bei der Songauswahl gespielt hat. Leider konnte ich keine Setliste aufzeichnen. Gestützt auf das, was bei setlist.fm verfügbar ist, sieht es so aus, dass die Band bei wechselnder Setlist nur Stücke der vier Alben »Hellbound« (2008), »Æquilibrium« (2010), »Esquadrão de Tortura« (2013) und »Devilish« (2023) spielen. Sie ignorieren also ihre ersten vier Alben und das vorletzte.

Sie haben also eine Neigung zum neuen Material.

Dabei gäbe es ja wirklich Grund, auf altes Material zurückzugreifen, denn Amílcar Christófaro (Bass) und Castor (Schlagzeug) sind seit 1993 kontinuierlich dabei. Nun gut, sei dem, wie dem will. Mein Gesamteindruck ist, dass die Band zwar gut ist, aber wenig Neues mitbringt.

Cro-Mags

SEPULTURA, CRO-MAGS, TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Auch nichts Neues bringt Cro-Mags.

Von denen bin ich von Anfang an genervt: Harley Flanagan – Sänger, Bassist und einziges Mitglied der Band, das auf allen Platten zu hören ist – kommt auf die Bühne und zieht als aller Erstes das Oberteil aus. Was macht ihr? Hardcore? Da sollte Mann eigentlich schon mal was davon gehört haben, dass Mann mit Rücksicht auf FLINTA*, die das nicht können, nicht mehr oben ohne herumläuft. Auch außerhalb von linken Clubs heißt es jetzt häufig: »No Shirt, No Service«.

Stattdessen bekommen wir einen prahlerisch gestählten Oberkörper.

Später irgendwann wird er sagen, dass er nächstes Jahr 60 werde, aber noch nicht das Gefühl habe, sein Alter zu spüren. Man müsse nur richtig altern. So ein Quatsch. Bevor die Band aber überhaupt zu spielen beginnt, beschimpft er als Erstes den Soundmenschen, weil beim Linecheck nichts von ihm zu hören ist, regt sich dann darüber auf, dass sein Bassverstärker nicht funktioniere, als könnte der Soundmensch dafür etwas. Und schließlich sagt er noch, dass die Niederländer Sound besser hinbekämen als die Deutschen.

Sag mal, hast du zu viel Testosteron gefrühstückt?

SEPULTURA, CRO-MAGS, TORTURE SQUAD, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Ich weiß nicht, ob es eine Folge von dieser Auseinandersetzung ist, ein Versehen oder ein fortbestehender technischer Defekt, aber es wird den ganzen Auftritt über absolut nichts von Flanagans E-Bass zu hören sein. Auch sein Gesang ist wechselnd schlecht zu hören, weil er zu weit vom Mikro entfernt steht und während des Singens dauernd den Kopf wegdreht.

Yeah. Whatever.

Während des Konzertes verliert später jemand im Moshpit einen Schuh. »Barfuß im Pit ist nicht so geil«, sagt er zu mir. Es ist ein blutjunger Bursche. Weil derjenige, der den Schuh findet, nicht weiß, wohin damit, wirft er ihn auf die Bühne. Daraufhin kommt es zu Sprechchören, Flanagan möge doch den Schuh wieder runterwerfen. Das verweigert dieser und fordert den jungen Mann dazu auf, doch halt barfuß nach Hause zu gehen. Was soll das?

Andere Frage: Muss ich noch was zur Musik sagen?

Na, gut. Die Stücke der Band machen klar, worin die Querbezüge zum Thrash Metal bestehen, die Cro-Mags dazu führt auf zwei Gigs der Sepultura-Tour aufzutreten: Sie sind kurz und knackig. Teilweise gibt es keine Gitarren-Leads oder Soli, sondern nur scharfe Riffs. Unabhängig davon sagt mir das Ganze musikalisch weniger zu, als einem Teil des Publikums das Cro-Mags durchaus abfeiert.

Das ist übrigens nicht ihre erste schlechte Rezension auf dem gig-blog.

Sepultura

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Was hilft am besten, wenn man sich ärgert? Richtig: »genial strukturierter Lärm«. So beschreibe ich meinen Musikgeschmack schon seit 30 Jahren. Tatsächlich ist es aber ein Zitat von »Sepultura-Sep«. Der wusste halt, was gut ist, und hat mich auf den Trichter gebracht. Stimmt übrigens nicht ganz: Ich habe Ende der 80er schon Helloween, Manowar und Black Sabbath gehört. Das konnte sich damals aber noch keinen ernsthaften Raum in meinen Pink-Floyd-dominierten Hörgewohnheiten erkämpfen. Das schafften erst die zwei besagten Metal-Tapes – Death, Entombed und Sepultura.

Lass uns also über genial strukturierten Lärm reden.

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Als der Headliner endlich auf die Bühne kommt, zeigt er uns gleich die Denkrichtung an, welcher dieser Abend folgen wird: Das erste Stück »Inner Self« stammt von »Beneath the Remains« (1989) und das zweite »All Souls Rising« von der neuen EP »The Cloud of Unknowing«, die gerade erst erschienen ist. Das Set geht also, anders als dasjenige von Torture Squad, bis zurück in die Frühzeit und deckt, genauso wie dasjenige der Opener, auch neues Material ab. Ich komme gleich darauf zurück. Das Wichtigste zuerst:

Die Leute gehen ab wie Schnitzel.

Ich stehe vielleicht einen Meter vor der Absperrung ganz rechts. Zwei, drei Personen links von mir zur Mitte hin steht ein Rollstuhl. Es sind einige Personen mit Rollstühlen da, aber dieser ist ein besonderer, denn er ist höhenverstellbar, sodass sein Benutzer Auge in Auge mit dem Publikum sitzt. Der erste Song hat die Begleitperson schon massiv gestresst in ihrem Versuch, den Rollstuhlfahrer gegenüber dem Moshpit abzuschirmen. Beim zweiten Song gibt es eine Wall of Death, bei welcher die zurücktretenden Besucher mit dem Rollstuhl kollidieren. Danach gibt es vorne in der Mitte ohnehin kein Halten mehr. Beim dritten Song hat sich der Rollstuhl nach hinten zurückgezogen.

Schade eigentlich.

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Alle anderen haben aber anscheinend ihre Schnürsenkel nachgezogen und toben sich die Seele aus dem Leib. Beinahe am laufenden Band kommen Crowdsurfer*innen aus dem Graben. Oben darüber ragt Derick Green auf – ohnehin eine imposante Gestalt – und hat die Meute im Griff, heizt sie immer weiter an. Unterstützt wird er von perfektem Sound und ebensolchem Licht. Seine Stimme ist so tief, dass selbst die Schreie noch wie rausgegurgelt klingen. Auf den Alben ist sie etwas höher. Aber was wir wollen, ist ja Live-Musik.

Zum letzten Mal.

Wir singen hier den Abgesang auf eine Band, die immer noch vollkommen frisch klingt. Das gilt selbst bei so alten Nummern wie »Escape To The Void« von »Schiziphrenia« (1987). Klar, man hat da die klassischeren Thrash-Metal-Stücke bis »Arise« und so weiter, aber selbst das älteste Material klingt nicht nach einem historischen Zugeständnis.

Obwohl das ganze Set schon ein bisschen historisches Zugeständnis ist.

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Es gibt so viele Knallersongs von Sepultura. Die wirklichen Hits liegen aber im letzten Jahrtausend. Es muss als Musiker schon bitter sein, diese Anerkennung ab einem gewissen Moment nicht mehr zu bekommen. In diesem Fall ist dieser Zeitpunkt der Weggang von Max Cavalera (Gitarre, Gesang) 1996. Die geringere Fan-Nachfrage für Neueres zeigt sich in der Auswertung aus welchen Jahrzehnten die 19 gespielten Stücke kommen:

1980er: 2 Stücke
1990er: 12 Stücke
2000er: 0 Stücke
2010er: 1 Stück
2020er: 4 Stücke (davon 3 von der aktuellen EP)

Die Stücke von »Against« (1998), »Kairos« (2011) und »Quadra« (2020) kommen ziemlich am Anfang. Ein Zäsurpunkt scheint mir »Kaiowas« zu sein. Wie auch auf vielen anderen Shows holt sich Sepultura dazu eine Reihe von Gäst*innen auf die Bühne, um bei dem Klassiker die Trommeln zu schlagen. Ich kann nicht alle erkennen, die da mitmachen. Es sind nicht nur die Vorbands. Dieses Zusammenspiel ist ein schöner Moment, welchen das Publikum gehörig feiert. Es zeigt ein bisschen, worum es bei einer solchen Veranstaltung gehen sollte.

Na ja, und ab da folgt eigentlich nur noch ein Kracher auf den anderen.

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
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Dramaturgisch ist das natürlich die heiße Phase des Konzertes. Mich versetzt gleich der erste Song dieses Teils, »Dead Embryonic Cells«, in Schwingungen. Das war halt, womit ich sie kennengelernt habe.

I didn‘t ask to be born
Sadnes, sorrow
Everything so alone
(»Dead Embryonic Cells«)

Ich sage ja, ich war nicht so glücklich damals. Es ist aber keine Zeit, darüber nachzusinnen, denn etwas anderes fordert Sentimentalität ein: ein Stück von der neuen EP »The Cloud of Unknowing«.

Leave it all behind to begin again
There’s no limitations
(»Beyond the Dream«)

Das scheint so ein bisschen das Programm zu sein, das sich die Band für dieses Jahr vorgenommen hat. Einen selbstbestimmten Ausstieg zu wählen, ohne damit irgendwas für die Zukunft auszuschließen – zumindest gibt das ja eine gewisse Hoffnung.

Gut. Keine Zeit für Trauer oder Hoffnung jetzt.

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Bei »Territory« brennt die Hütte. Alle grölen mit. Die hochgereckten Hände gehen bis hinter das Mischpult. »Refuse/Resist« schließt nahtlos an, bevor wir dazu aufgefordert werden to »Arise«. Ich fließe direkt in die Musik ein und lösen mich darin auf. Dann kommt das durch ein Schlagzeugsolo eingeleitete »Ratamahatta«, eines von Sepulturas perkussionslastigsten Stücke. Das Publikum tobt. Und noch mehr ausrasten wird es bei:

»Roots Bloody Roots«.

Da springt die halbe Halle. Crowdsurfer gibt es keine mehr. Stattdessen fliegen die Haare und Arme. Der Groove geht direkt in die Beine. Derick Greens brüllt das tiefe, stimmbandzerreißende »Roots Bloody Roots« und die Leute brüllen mit. Dann gibt es einen Break, an dem alles vorbei zu sein scheint, bevor die Band noch einmal einsetzt und das bebende Riff und den Beat des Songs rauszimmert.

Und dann ist es wirklich vorbei.

Ich bin klitschnass und glücklich. Der Gig hat mich zurück an die Wurzeln geführt. Wenn ich Geld hätte, würde ich gleich nachsehen, wo man die Band als Nächstes sehen kann. Ein besserer Abschluss als dieser kann aber noch ein Konzert auch nicht sein. Ich bin gelöst. Trotzdem habe ich auf dem Heimweg nach Stuttgart Zeit, mir noch mal Gedanken darüber zu machen, was für eine Art von Nostalgie das war, die ich da empfunden habe.

Nostalgisch hat mich der Auftritt von Sepultura weniger gemacht nach der schlimmen Zeit, in welcher ich sie entdeckt habe, sondern nach der Katharsis, mit welcher mich die Band seither und auch heute Abend beschenkt.

Und das ist unendlich wertvoll.

SEPULTURA, 15.06.2026, Halle02, Heidelberg | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Setlist Sepultura

»Inner Self« (»Beneath the Remains«, 1989)
»All Souls Rising« (»The Cloud of Unknowing«, 2026)
»Desperate Cry« (»Arise«, 1991)
»Kairos« (»Kairos«, 2011)
»Means to an End« (»Quadra«, 2020)
»Attitude« (»Roots«, 1996)
»Against« (»Against«, 1998)
»Choke« (»Against«, 1998)
»The Place« (»The Cloud of Unknowing«, 2026)
»Escape to the Void« (»Schizophrenia«, 1987)
»Kaiowas« (»Chaos A.D.«, 1993)
»Dead Embryonic Cells« (»Arise«, 1991)
»Slave New World« (»Chaos A.D.«, 1993)
»Beyond the Dream« (»The Cloud of Unknowing«, 2026)
»Territory« (»Chaos A.D.«, 1993)
»Refuse/Resist« (»Chaos A.D.«, 1993)
»Arise« (»Arise«, 1991)
»Ratamahatta« (»Roots«, 1996)
»Roots Bloody Roots« (»Roots«, 1996)

Sepultura

Cro-Mags

Torture Squad

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