RAZMOTCHIKI KATUSHEK, 16.06.2026, Galao, Stuttgart

Was passiert wohl, wenn eine leicht durchgeknallte Russin mit Front 242 über den Altmetallhof zieht und sich von einem sibirischen Schamanen mit archaischer Musik inspirieren lässt? Genau, es entsteht die vermutlich einzige One-Woman-Ethno-Industrial-Band der östlichen (und westlichen) Hemisphäre.
So oder ähnlich könnte der Gründungsmythos der Band Razmotchiki Katushek lauten, ist aber frei erfunden. Gestern war sie jedenfalls zum wiederholten Male im Galao, wo es gerne auch mal Musik zu hören gibt, die sonst keiner auf die Bühne zu bringen wagt. Für uns Anlass genug, für einen Bericht vorbeizuschauen.

Die St. Petersburgerin Ekaterina „Katja“ Fedorova ist die Frau hinter dem skurrilen Projekt. Und falls sie jemandem irgendwie bekannt vorkommen sollte, ja, sie ist die Gründerin und Drummerin der Petersburger Frauenband Iva Nova, die ja auch recht regelmäßig in Stuttgart und Umgebung vorbeischaut. Wobei „Vorbeischauen“ ein zu kleines Wort ist, für die komplexen Prozesse, um aus Russland zu Konzerten nach Europa zu reisen. Und der Anlass für die Reise ist ein großer. Beide Bands sind nämlich für das berühmte Fusion-Festival gebucht, da bietet sich natürlich an, dies mit einer kleinen Tour zu verbinden. Razmotchiki Katushek war bis vor zwei Jahren noch ein Duo mit Katjas Mann Remko Muermans. Der verstarb tragischerweise nach einem Konzert. Bewundernswert, wie die Musikerin die Energie aufbringt, das Projekt nun alleine im Gedenken an ihren Mann fortzusetzen.

Dass es bei dieser recht sperrigen Musik und bestem Beim-Aperol-draußen-Sitzen-Wetter nicht allzu voll werden würde im Galao, war sicher allen klar. Dennoch finden sich gut zwei Dutzend Neugierige ein. Sie werden Zeugen eines unvergesslichen Spektakels. Schon der Bühnenaufbau ist interessant. Wo sich sonst gerne auch mal fünf bis sechs Musiker:innen drängen, steht zentral und raumgreifend ein Schlagzeug, das mit eigentümlichen Anbauten, einem Rollkoffer voller Haushaltsgegenstände, einer alten Zinkwanne voller Stahlfedern und viel Elektronik zu einer wilden Installation erweitert wurde. Industrial vom Altmetallhof eben.

Mit einer elektronisch verzerrten Fanfare aus einem Benzineinfülltrichter ruft die Musikerin zur Ordnung und legt mit ihrer Show los. Anfangs noch zurückhaltend rumklöppelnd, hier und da einen elektronischen Akzent einstreuend (Ich glaube, einen Eierschneider zu erkennen), steigert sich das Drumming langsam aber stetig, bis es in einen treibenden Techno-Groove mündet. Diesen konstant zu halten und nebenbei noch mit einem Geigenbogen zu hantieren, in einen Duschschlauch zu singen, dazu bräuchte es mindestens vier Arme, aber irgendwie bewerkstelligt die zierliche, drahtige Schlagzeugerin das alles gleichzeitig.

Samples mit parolenartigen Sätzen werden eingestreut, eine lange Stahlfeder dient als Elektrobass und das Drumming wird zu einem harten EBM-Beat verdichtet. Drinnen wird inzwischen das Tanzbein geschwungen und auch die Draußensitzenden lassen kurz von ihren Drinks ab. Der Beat, durchaus abwechslungsreich aber immer treibend, entfaltet eine hypnotische Wirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Und als dann noch aus einem der Geräte knarzige, archaische Geräusche dazu kommen, glaubt man, Teil eines geheimnisvollen, schamanischen Rituals zu werden. Nicht auszumalen, wie das Trance-gestählte Publikum der Fusion auf eine derartige Rhythmus-Therapie abfahren wird.

Nach gut 75 Minuten endet das Spektakel mit ein paar Dankesworten durch den Duschschlauch und einem kleinen Andrang am Merch-Stand. Erstaunlich, dass die Musikerin nach dieser Hochleistung nicht den kleinsten Schweißtropfen oder sonstige Erschöpfung erkennen lässt. Und so lassen wir es uns nicht nehmen, draußen noch ein paar Fragen zu stellen. Und die wichtigste natürlich: Was bedeutet eigentlich „Razmotchiki Katushek“. Die etwas komplizierte Erklärung dahinter. Nach der Schule wurde der jungen Katja geraten, den ehrenwerten Beruf des Spulenwicklers (Намотчик катушек / Namotchik Katushek) zu ergreifen. Das war die Inspiration, sich – nicht ohne ironische Intention – nach dem fiktiven und vor allem komplett unproduktiven Beruf des Spulenabwicklers (Размотчик катушек / Razmotchik Katushek) zu benennen.
Wir wünschen gute Reise nach Lärz und sehen uns bald wieder im Galao am 07. Juli mit Iva Nova.


Es war ein Eierschneider. Besser gesagt, der obere Teil, mit dem wir als Gören Jimi Hendrix gespielt haben (oder so).
Danke für diesen Einblick in das Projekt, das echt interessant klingt.
Hach, das hätte gerne miterlebt.