PEACHES, NATION OF LANGUAGE, MAYA SHENFELD, THIERMANN/EDTE, 12.06.2026, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart

THIERMANN/EDTE, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Ralph Pache

Endlich wieder About Pop! Mehr kann ein Festival nicht bieten: kritische und unterhaltsame Talks, spannende musikalische Acts zwischen tanzbarem Electrosound, Pop und kritischem Aktivismus. Und das alles perfekt organisiert in einem absolut entspannten Rahmen.

Los geht’s für mich mit zwei wirklich starken Panel-Talks. Zuerst der „Inspirational Talk“, moderiert von Anja Wasserbäch. Mit ihren Gesprächsteilnehmer*innen Mausi G, zwei Mitgliedern der Band Merlin Storm und Flo von den Stuttgarter Newcomern Zweifel, werden Fragen zu künstlerischen Schaffensprozessen und Selbstvermarktung auf Social-Media-Plattformen thematisiert. Ein gutes, nachdenklich machendes Gespräch mit vielen Selbst- und Gesellschaftsreflexiven Momenten.

Inspirational Talk, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Im Anschluss bei „50 Jahre Punk In Deutschland“, moderiert von der Autorin, Radiomoderatorin und Sängerin der Stuttgarter Band Mondo Sangue, Yvy Pop. Die Talkgäste Alexandra Ibadly (Musikerin der Bands Flüssige Jugend 2017-2020, Valtava 2020 – jetzt, 7Flöten 2022 – jetzt), Arne Braun (war unter anderem von 2022 bis 2026 Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg), den beiden Autoren Roland van Oystern & Ferdinand Führer (Titanic Magazin und dem Buchverlag Ventil), wird aus dem Buch „Angriff aufs Schlaraffenland“ sehr unterhaltsam gelesen und die Textauszüge mit witzigen und ironischen Anekdoten der Teilnehmer*innen verknüpft.

50 Jahre Punk, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Ein perfekter Start ins diesjährige About-Pop-Festival. Mein erstes Konzert führt mich ins Atelier zu

Thiermann/Edte

THIERMANN/EDTE, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Die beiden Künstler*innen durfte ich ja schon vor einigen Wochen bei ihrem tollen Gig im Sunny High sehen. Entsprechend groß ist meine Erwartung an ihren heutigen Auftritt.

Elektronisches Grundrauschen, durchbrochen von zart angeschlagenen Meditationsglöckchen. Willkommen im Raum ephemerer Cyberrealität mit zunehmender Intensität. Thiermann/Edte schaffen es mit ihrem hochartifiziellen Sound, Assoziationen von Natur aufkommen zu lassen. Schwer greifbare Bilder von Wald und Wasserflächen entstehen, hypnotisierend durch markig tiefes Wummern, moduliert in langsam mäandernden und treibenden Rhythmen, die im saunaähnlichen Raumklima einen geradezu tranceähnlichen Zustand hervorrufen.

THIERMANN/EDTE, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Störgeräusche brechen das Set etwas auf, ohne das sorgsam aufgebaute Rhythmusgerüst zum Einsturz zu bringen, was zu einer ambivalenten Dynamik aus ambigen Klangschichtungen kumuliert.

Echolotartige Soundpatterns, gepaart mit voluminösem Hall, vermitteln die Illusion des Unterwasserseins, sich in einem u-bootartigen Klangkörper zu befinden, um in einen musikalischen Marianengraben zu ergründen. Nach einer Stunde tauchen wir dann wieder aus den submarinen Klanggefilden auf an den Strand der Realität.

Maya Shenfeld

MAYA SHENFELD, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Die in Jerusalem geborene Musikerin und Komponistin Maya Shenfeld studierte an der Jerusalem Academy of Music and Dance klassische Gitarre, und an der UdK Berlin Komposition. Zwei, von der Kritik sehr gut besprochene Alben hat Shenfeld bereits veröffentlicht, Alben, in denen sie experimentelle elektronische Musik mit klassischen orchestralen Klängen kombiniert, um ihren ganz eigenen musikalischen Kosmos zu erzeugen.

Ihr, ebenfalls rein elektronisch generierter Sound, erinnert an einen, Weite evozierenden, Filmscore. Ein unendlich erscheinender Horizont, in dem man sich verliert, ein Wandern durch menschenleere Landschaft. In weiten Flächen lässt die hoch konzentriert hinter ihren Geräten stehende Musikerin ihre Klangbilder in das Dunkel des Ateliers strömen, um sie dann in ein bedrohliches Soundgewitter zu modulieren, stroboskopisch visualisiert. Ein fast schon verstörend dystopisches Setting. Das gleicht mehr einer immersiven Sound-/Kunstperformance, als einem Konzert. Maya Shenfeld türmt ihre Klanggebilde in orchestrale Höhen auf, eingehegt durch meditative Repetition.

Jetzt schnell die Location gewechselt. Ohne Pause geht es in der Halle mit

Nation of Language

NATION OF LANGUAGE, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

weiter. Die New Yorker Indie-Pop-Band gründete sich 2016 in Brooklyn. 2020 veröffentlichten sie dann ihr Debütalbum „Introduction, Presence“. Im letzten Jahr erschien dann ihr bereits vierter Longplayer „Dance Called Memory“.

Ihre musikalischen Wurzeln liegen ganz eindeutig in den 1980er Jahren. Die von Keyboarderin Aidan Noell fein austarierten Synth-Pop-Soundpatterns erinnern stark an OMD und die frühen New Order, ohne jedoch deren Stilistik plump zu kopieren. Den drei Musiker*innen gelingt es, den Sound mit einer eigenen, eleganten Stilistik zu modernisieren, ihn ins Jetzt zu überführen. Sehr dynamisch ist der Auftritt der New Yorker*innen. Sänger und Gitarrist Ian Richard Devaney, verausgabt sich mit exaltiertem Tanz und vollem Körpereinsatz auf der Bühne, und auch Noell geht in der Musik auf. Im Vergleich dazu ist Bassist Alex MacKay der stoisch wirkende Ruhepol auf der Bühne, der mit seinen präzisen Bassläufen den Gig strukturell einhegt.

NATION OF LANGUAGE, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Die Band hat, ebenso wie das begeisterte Publikum, sichtbar Spaß. Unbeschwert klingt das trotz des melancholischen Unterbaus und der textlichen Tiefe, verhandelt Devaney in seinen introspektiven Songs doch Themen wie Verzweiflung und Verlust.

Vielleicht mag es ja dieser Introspektion geschuldet sein, dass Nation Of Language auch dem Genre des Shoegaze zugeordnet wird, was aus musikalischer Perspektive für mich überhaupt nicht zutreffend ist. Viel zu klar und strukturiert ist der Sound der Brooklyner. Und auch viel zu tanzbar ist ihre Musik, diese eigene Mischung aus New Wave, gepaart mit Popelementen, die einfach Laune macht. Im weiteren Konzertverlauf wird der Sound, erzeugt von vibrierenden Keyboardflächen, noch atmosphärischer, ja, fast schon düster, um danach in Euphorie überzugehen. Fröhliche Melancholie, zu der man tanzen muss.

Zum Abschluss gibts noch

Peaches

PEACHES, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Peaches, 1966 als Merrill Beth Nisker in Toronto geboren, als Musikerin zu bezeichnen, wird ihrem künstlerischen Schaffen nicht wirklich gerecht. Zu sehr arbeitet die Kanadierin, die seit vielen Jahren in Berlin ansässig ist, multidisziplinär. Nisker ist Performance-Künstlerin, Theater-Regisseurin und Musikproduzentin und natürlich Electroclash-Musikerin, ein Musikgenre, das von ihr stark geprägt wurde. In ihrem künstlerischen Œuvre setzt sie sich immer wieder mit Themen zu Gender und Feminismus auseinander und hinterfragt tradierte Gesellschaftsmodelle. Themen, die in einer Zeit des neokonservativen Backlashes wieder vermehrt Relevanz haben.

In ihrem neuen, im Februar erschienenen „No Lube So Rude“ erweitert Peaches ihr inhaltliches Spektrum um Sexpositivismus in der Menopause und das Älterwerden im Allgemeinen. Das Älterwerden: Gerade für Künstlerinnen eine nicht nur körperliche Herausforderung; werden Musikerinnen und Schauspielerinnen doch erschreckenderweise noch immer durch einen männlich sexualisierten Blick vermarktet. Ein Blick, der Verführung durch jugendliche Körper einfordert. Gut, dass es Künstlerinnen wie Peaches gibt, die sich dagegenstellen!

PEACHES, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Die Bühne, nach dem Auftritt von Nation Of Language, absolut leergeräumt, keine Instrumente, kein Laptop, nichts. Die Stage wird also zum rein performativen Raum.

Auftritt Peaches, flankiert von zwei Performer*innen, von Plüschobjekten eingehüllt, die an Geschlechtsorgane erinnern. Direkte, fast schon schmerzhaft brutale Beats und gleißendes Licht knallen dem Publikum entgegen. Peaches rappt, nein, sie shoutet ihre parolenhaften Texte und haut sie uns gnadenlos um die Ohren. Die dicht an dicht stehenden Zuschauer*innen werden unvermittelt gepackt, hüpfen, tanzen und werden johlend von der immensen Energie mitgerissen. Hier ist alles auf Anschlag: Lautstärke und die direkte künstlerische Aussage. Und das ist für mich dann auch das Problem: Subtil ist hier definitiv nichts, weder musikalisch noch in ebendieser künstlerischen Aussage. Raum für interpretatorische Uneindeutigkeit, das, was Kunst eigentlich ausmacht, fehlt. Peaches’ Auftritt ist orgiastischer Aktivismus mit barockem, endzeitlichem Überschwang. Man bekommt das, was man sieht.

PEACHES, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Performer*innen als Vaginen verkleidet, unrealistische Körperideale werden dekonstruiert, aber halt leider ohne Subtext und Metaebenen.

Peaches konfrontiert das Publikum, auch mit ihrem eigenen Körper, geht über die Menge, crowdsurft. Das erinnert an den Wiener Aktionismus, oder an die frühen, radikalen Performances von Künstlerinnen wie Marina Abramovic.

Im Verlauf des Auftritts stellt sich für mich aber Ermüdung ein, sowohl was die ästhetische, als auch was die musikalische Umsetzung anbelangt. Zu gleichförmig sind für mich die technoiden Beats und Peaches’ exzessives Shouting.

Aber egal, Euphorie stellt sich in der Halle ein, die Energie hat sich auf das wild feiernde und sich verausgabende Publikum übertragen.

Zu „Teaches Of Peaches“ ejakuliert Peaches mit Schaumwein ins Publikum. „Fuck The Pain Away“ heißt es zum Schluss.

PEACHES, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Peaches

Nation of Language

Maya Shenfeld

Thiermann/Edte

50 Jahre Punk

Inspirational Talk

2 Gedanken zu „PEACHES, NATION OF LANGUAGE, MAYA SHENFELD, THIERMANN/EDTE, 12.06.2026, About Pop Festival, Im Wizemann, Stuttgart

  • 21. Juni 2026 um 14:36 Uhr
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    Hab es 2026 das 1.Mal geschafft, rechtzeitig meine Arbeitsmittel fallen zu lassen und bei einem Teil der überaus interessanten Panels dabei zu sein…Los ging es mit einem ernsten Thema „Antisemitismus als popkulturelles Ereignis“, welches meinen Horizont wieder etwas erweiterte, um mich dann zwischen „The Sound of the Crowd“ und „50 Jahre Punk in Deutschland“ entscheiden zu müssen: „Punk“ hat mein Hirn-Battle gewonnen und im Anschluss wurde sogleich das Buch „Angriff aufs Schlaraffenland“ geordert beim auf der About Pop anwesenden Esslinger Buchladen „Die Zeitgenossen“, die prompt nach Hause lieferten…denn nichts ist lästiger auf einem Festival als Vinyl und Bücher mit rum zu schleppen. Super amüsanter Talk zwischen den Beteiligten und mit Hör-und Leseproben gespicktes Panel, wobei mir Alexandra IBadly von 7Flöten am längsten im Gedächtnis bleiben wird, stellte sie doch eine ihrer Lieblingsbands Schleim Keim aus Gotha vor, eine DER Punk-Bands aus der eh. DDR…Nach dem Panel kam allerdings (nicht nur) bei mir eine Frage auf: Liebe ABOUT POP- Booker:innen, warum waren „7Flöten“ nicht als Act gebucht, immerhin sind sie aus der Region und von diversen Gig-Bloggern hochgelobt…ich hätte sie total gern mal live gesehn…vlt. dann 2027? Ach übrigens, Ganz toll fand ich auch die SCREENS während der Panels, die das gesprochene Wort in Schrift umwandelten (Barrierefrei, so gut es geht…), die vor allem bei der Wiedergabe von Namen oft für Erheiterung bei allen Beteiligten sorgten…

  • 23. Juni 2026 um 18:43 Uhr
    Permalink

    Der Forderung nach mehr 7Flöten auf der About Pop (und sonstwo) schließe ich mich an, liebe Doreen!

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