BABY B3NS, NATION OF LANGUAGE, VIOLET, LIGHT ASYLUM, THIERMANN/EDTE, MERLIN STORM, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart

VIOLET, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Auf der Flucht vor Indie-Dreampop mit Betroffenheitslyrik und auf der Suche nach versteckten Metaebenen lässt sich der ergraute Gigblog-Berichterstatter im kommunikativen Festivaltrubel treiben.

Das popkulturelle Ereignis in Stuttgart hält auch 2026, was es verspricht. So viel kann ich nach dem ersten Festival-/Convention-Tag schon mal sagen. Das überbordende Angebot an Panels, Lesungen und sonstigen Talks lässt in seiner Themenvielfalt, Diversität und Openmindedness wieder staunen – man weiß erneut gar nicht, wo man hin soll. Und diese Vielfalt spiegelt sich auch im musikalischen Content der Konzerte wider. Dickes Lob und größten Respekt gleich am Anfang auch für die geschmeidige Organisation des doch recht komplexen Events. Das läuft wie geschmiert, alles findet pünktlich statt, nirgends muss man warten und ein rundum positiver Vibe trägt einen durch das (Social) Event.

Meine Perspektive ist vorab die des sich Überraschenlassens. Ich kenne die wenigsten Bands und Künstler*innen und lasse mich einfach mal treiben. Da die Wege kurz sind, sehe ich von fast allen Bands wenigstens ein bisschen, von einigen will ich etwas ausführlicher berichten. Eigentlich will ich auch checken, was mir als spätem Generation X-Vertreter die Gen Z so bieten kann, bei der ich musikalisch keinesfalls uptodate bin, stelle aber fest, dass das Programm (und erst recht das Publikum) nicht ausschließlich blutjung ist.

Bei den ersten Bands hält es mich nicht allzu lange (die Kolleg*innen werden ausführlich berichten), attestiere aber, dass es mir bei den anfangs durchweg jungen Bands vielleicht doch ein wenig an Ecken, Kanten, Eigensinn und stilistischer Kreativität mangelt. Ob das wirklich so weichgespült, betroffenheitslyrisch und SWR1-kompatibel ist, lasse ich lieber mal offen und vertraue dem Urteil jüngerer Gigblog-Kolleg*innen.

Merlin Storm

MERLIN STORM, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Michael Weiß
Foto: Michael Weiß

Bei der ersten Band, der ich mich konzentrierter widme, erkenne ich Licht und Schatten. Merlin Storm aus Karlsruhe und Berlin wissen genau, was sie auf der Bühne tun. Mit auffallender Gesichtsbemalung (früher eher Death Metal, heute Darkwave) verbinden die drei jungen Männer die Ästhetik von Siouxsie & The Banshees und Cure mit dem Gothic-Style von Tim Burton. Ein Gigblog-Fotograf fühlt sich beim Sänger nicht zu Unrecht an die immer coole Helena Bonham-Carter erinnert. Auf der dunkel gehaltenen Bühne stehen nur zwei Rednerpulte, die Beats kommen aus dem Off, Bass und Gitarre werden aber handgespielt. Die Inszenierung ist betont theaterhaft und exaltiert, jeder Schritt scheint choreografiert und jeder Lichteffekt kalkuliert.

MERLIN STORM, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Michael Weiß
Foto: Michael Weiß

Das wirkt atmosphärisch beeindruckend – leider trägt die etwas dünne Musik diese avancierte Inszenierung nicht so richtig. Denn die Songs kommen eher wenig expressiv daher, stattdessen höre ich leicht düsteren Dreampop, wahlweise mit deutschen, englischen (Billy Idols „Rebel Yell“) und griechischen Vocals. Das sieht leider besser aus als es klingt – bis zum vorletzten Song, der mich dann doch mit einer betont vulgären, extrastumpfen Bassdrum in mittlerem Tempo packt. Dieser vage EBM-Touch funktioniert hervorragend, bleibt aber leider die Ausnahme eines für meine Ohren etwas flachen Auftritts, wo die Form eindeutig den Inhalt dominiert. Könnte mir dennoch vorstellen, dass diese Band bei einem jüngeren Publikum noch größeren Erfolg hat, denn sie scheinen einen Plan für die Zukunft zu haben.

Siri Thiermann / Nils Edte

THIERMANN/EDTE, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Weiter geht es mit Siri Thiermann und Nils Edte im etwas problematischen Atelier – ein fenster- und lüftungsloser Raum, der sich schnell gut füllt. Vermutlich, weil sich die Qualität der beiden rein elektronischen Künstler*innen zurecht herumgesprochen hat – auch der Gigblog berichtete ja schon nachhaltig beeindruckt.

Das Sauna-Feeling verträgt sich mit dem kühlen Ambient-Techno nicht allzu gut, sprich: Mir ist’s zu heiß und überlasse dem cool bleibenden Kollegen Thomas die Berichterstattung.

Light Asylum

LIGHT ASYLUM, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Und jetzt wird es richtig spannend, denn von Light Asylum hatte ich mir vorab Einiges versprochen und werde prompt mit einem noch furioseren Auftritt belohnt. Dass ausgerechnet Solokünstlerin Shannon Funchess ganz allein die riesige Bühne in der großen Halle bespielt, wirkt zunächst etwas befremdlich. Verortet man die New Yorker Künstlerin doch eher in undergroundigen Lofts und Kellern in Brooklyn. Jetzt steht sie allein mit ihrem Rechner und einem kleinen Effektgerät da und schert sich nicht ums ungewöhnliche Ambiente und das beachtlich große, erkennbar neugierige Publikum. Angekündigt als „Techno-Punk“ mit EBM-, Darkwave- und New Wave-Einflüssen, höre ich dann doch viel eher eine upgedatete, stählerne und explosivere Version von Yazoo (die ich bis heute sehr liebe).

LIGHT ASYLUM, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Das Prinzip Elektrobeat plus Soul-Vocals wird bei Light Asylum auf die blanke Essenz reduziert. Die Beats sind hart und tanzbar, funky und hypnotisch. Dazu ihr Gesang – was für eine sagenhafte Stimme: tief, dunkel, extrem kraftvoll – mutmaßlich gospelgeschult und dennoch ausgesprochen harsch, rau und aggressiv. Fast kommt mir Divine in den Sinn, dessen einst von Bobby Orlando produzierte Hits („Shoot Your Shot,, „Native Love“) hier ebenfalls durchklingen. Beeindruckend auch die lässige Performance der rohe Kraft ausstrahlenden Künstlerin. Anfangs noch etwas vorsichtig, kommt sie schnell in Fahrt, tanzt elastisch über die große Bühne und freut sich erkennbar, dass ihr Auftritt begeistert aufgenommen wird. Bin mir mit den Anwesenden einig: So sieht eine echte Festival-Entdeckung aus.

Violet

VIOLET, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Zeit zum Atemholen bleibt wenig, denn im kleinen, aber als Konzertraum sehr angenehmen Studio treten Violet auf – eine Band, die in meinem Umfeld schon vorab für Diskussionen sorgte. Die Musiker*innen stammen aus dem Stuttgarter Umland und haben mit (erschreckend?) authentischem AOR-Mainstream-Hardrock aus den 80ern erstaunlichen Erfolg. Was mir als Zeitgenossen dieser Epoche doch zu denken gibt. Sind genau dieses Sounds (Keyboardrock) und Stylings (toupierte Matten) nicht seit Dekaden zu Recht verboten? Da ist die Gen Z jedoch vollkommen schmerzfrei, was man auch in Läden wie dem Goldmarks seit Jahren beobachten kann, wenn einstige Putzlichtperlen von Toto, Foreigner und Journey vorwiegend junge Leute zur trunkenen Ekstase treiben.

VIOLET, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Diesen Sound, Vibe und Zeitgeist leben Violet in beeindruckender Konsequenz: Ihre Videos und auch das Konzert beweisen mit Macht die Hingabe der Band zu „größten Hits aller Zeiten“ wie „We Build This City“ (Starship), „Jump“ (Van Halen) und „The Final Countdown“ (Europe) und ikonischen Bands wie Heart, Survivor, Asia, REO Speedwagon Erschreckenderweise der Sound meiner fernen Jugend, dem ich heute tatsächlich auch wieder einiges abgewinnen kann, allerdings in der nostalgisch verbrämten Version. Wie ernst nehmen sich Violet, frage ich mich (und andere) vorab. Ist das eine Persiflage? Gibt es eine versteckte Metaebene zu entdecken? Derartige Fragen zum Konzept lösen sich mit Konzertbeginn in vibrierender Luft auf. Ja, Violet nehmen ihre Musik ernst und lieben sie von Herzen. Ein bisschen wohldosierte Selbstironie ist zweifellos im Spiel, wird aber von blanker Spielfreude und Partylust im Zaum gehalten.

VIOLET, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Ralph Pache
Foto: Ralph Pache

Allzu hardrockig fällt das Konzert auch nicht aus, statt Spandexhosen und Muskelshirt dominieren Bundfaltenhose und bunte Hemden das Geschehen. Die Frisuren sind aufwändig, man erahnt selbst in hinteren Reihen das Odeur von süßlichem Haarspray. Vor allem dank Frontfrau Jamie Beckham bringen Violet ihren zweifellos angestaubten Sound mit ansteckender Dynamik und ganz viel Leidenschaft rüber. Keyboard- und Gitarrensoli (immer kurz), Power-Balladen und sogar ein Saxsolo laden zur Zeitreise ein. Und dass wir uns nicht missverstehen: Hier werden keine Coverversionen gespielt, sondern ausschließlich eigene Songs. Das eher wenig zielgruppenkongruente Publikum ist begeistert, ob Gen Z oder reifere Semester.

Für diese Band ist ein Laden wie der Schwarze Keiler in Stuttgart geradezu erfunden worden, ich hoffe der zuständige Booker liest hier mit. Und wer jetzt von diesem vielleicht doch zeitlosen Sound angefixt ist: Am 23. Juni spielen Foreigner und Europe in der Freilichtbühne Killesberg. Wir sehen uns.

Nation of Language

NATION OF LANGUAGE, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Nach diesen zwei Festival-Highlights ist bei mir die Luft ein wenig raus. Nation Of Language aus New York kommen in der großen Halle erkennbar gut an. Für mich sind sie allerdings so eine Gen-Z-Band, die sich etwas halbherzig bei Bands wie Human League und New Order bedienen, zu dritt auf der großen Bühne ohne Drummer aber eher anämisch wirken – trotz wild herumspringendem Sänger. Diese in meinen Ohren konturlose Musik will niemandem weh tun, ist harmlos, gefällig und radio-, halt, streamingtauglich. Popmusik eben und darum geht es beim Festival ja, also eigentlich kein Grund zum Meckern.

Baby B3ns

BABY B3NS, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Der nächsten Künstlerin kann man Konturlosigkeit sicher nicht vorwerfen. An Baby B3ns scheitere ich allerdings auf mehreren Ebenen. Den Namen kann ich nicht aussprechen, das Genre („Hyperpop“) ist mir zu doof und die Musik ist mir definitiv zu prollig. Die Performance der jungen Frau ist aber zweifellos mutig: Ein Hybrid aus DJ-Set mit Sing- und Tanzeinlagen zu Stumpftechno mit Après Ski-Vibe. Dem Trash-Aspekt bin ich an sich sehr zugetan, aber hier bin ich schnell am Resignieren. Ich finds aber immerhin lustiger als Dreampop mit Betroffenheits-Lyrics.

Fazit von Tag 1 (denn Top-Act Peaches schaffe ich konditionell nicht mehr): Hits & Misses, beides überzeugend präsentiert. Die Gen Z muss mich aber musikalisch noch mit etwas Eigenem abholen – was sie ansonsten oft genug auch schafft, gerade mit jungen Stuttgarter Bands wie Siffon oder 7Flöten, die vielleicht ja die nächste About Pop mal so richtig aufmischen dürfen?

Baby B3ns

Nation of Language

Violet

Light Asylum

Siri Thiermann / Nils Edte

Merlin Storm

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