ZWEIFEL, UCHE YARA, About Pop Festival, 12.06.2026, Im Wizemann, Stuttgart

Emotionaler Start ins Festival mit Zweifel, Global-Beats-Spektakel mit Uche Yara und prekäre Zustände im “Insolvenz & Pop”-Panel
Nach neun Monaten bin ich endlich mal wieder in Stuttgart. Das About-Pop-Ticket war ein Geschenk von Arbeitskolleg*innen zum Abschied. Nun ist das obsolet, weil ich mit Gig-Blog-Akkreditierung über’s Festival laufe. Nicht ganz, über das Ticket freut sich meine Begleitung und ich freue mich auf das Wochenende voller schöner Wiedersehens. Ehrensache, mal wieder ein paar Zeilen im Gig-Blog zu hinterlassen. Die große immerwährende Baustelle der Stadt begrüßt mich, auf dem Weg zum Wizemann navigiere ich vorbei an neuen Baustellen und herzlich grüßendem Festival-Personal rein in das erste Konzert.
Zweifel

Während die Convention in vollem Gange ist und vor allem die kleineren Panel-Räume aus allen Nähten platzen, findet sich im Wizemann Studio eine Handvoll neugieriger Gestalten ein. Dichter Nebel, schummriges Licht, Fans und Friends der Stuttgarter Band. Der Einstieg kommt mit rockiger Wucht: erst Schlagzeug, Gitarre, Bass, dann gibt der Sänger mit souveräner Bühnenpräsenz alles dafür, der Verantwortung des Festival-Openers gerecht zu werden: „Stuttgart, seid ihr da?” – die Frage fällt mehrmals und wird von immer mehr Stimmen erwidert. Auf dem großen, aufwändig gestalteten Banner prangt das Logo der Band: Zweifel.
Getragene Stimmung und große Gesten, ich muss denken an Bühnenshows von Kraftklub und Casper: fette Drums, schneidende Gitarrensoli und groovige Bassläufe tragen durch das Set. Der alles verbindende Gesang mit markigen Textzeilen führt mich zum Markenzeichnen der Band:
wenn du schon gehst, nimm’ wenigstens die Treppe mit
Die Songs legen Schmerzen offen und verarbeiten sie sowohl mit zärtlichem Augenzwinkern als auch rockender Wucht. Damit berührt die Band ihre Fans. Zum getragenen Piano-Intro des Songs „Schieß mich weg“ dankt die Band für die persönlichen Geschichten, welche Fans ihnen per Nachricht anvertrauen. Zweifel nahmen dies zum Anlass, auf ihrer Website einen „Safer Space“ mit Tipps zur Therapieplatzsuche zusammenzustellen. Das gefundene Gemeinschaftsgefühl erwidert die Crowd im Studio mit einem Lichtermeer aus Handylichtern und Feuerzeugen. Beseelt nach diesem musikalischen Einstieg verabschiede mich rüber zur Convention.
Insolvenz & Pop
Dort balanciere ich eine enge Treppe aufwärts und zwänge mich in einen Raum, der sich ab 15 Menschen (inklusive Speaker) voll anfühlt und mit über 30 Anwesenden dann irgendwo zwischen Sauna und Slapstick changiert. Dabei ist das Panel prominent besetzt: die Berliner Musikerin und bis heute mit Haltung umtriebige Gudrun Gut, Local Hero Levin Stadler und Initiative Musik-Geschäftsführerin Katja Lucker sprechen mit dem Kaput Magazin Co-Gründer Thomas Venker. Rentenbescheide werden offengelegt, Notwendigkeiten und (Un-)Möglichkeiten der Altersvorsorge von Künstler*innen, prekäre Lebenssituationen und Krisenmomente geschildert, die Popförderung gelobt aber auch kritisch reflektiert. Ich habe großen Respekt vor den Panelists, diesen Talk im Rahmen der Umstände durchzuziehen und durchaus pointiert zu diskutieren. Dem Inhalt konnte ich im “Meisterraum” eingezwängt nur schwer folgen. Liebes About-Pop-Team, hier wäre vielleicht weniger mehr – oder ein anderes und barrierefreieres Raumkonzept dringend geboten. Also für den Rest des Abends zurück zu den Konzerten.
Uche Yara

Nachdem ich mich schweren Herzens von der beeindruckenden ersten Hälfte Thiermann/Edte löse, finde ich mich im gutgefüllten Studio wieder. Uche Yara musste ihren Auftritt bei einer früheren About Pop krankheitsbedingt absagen und steht nun ohne Band auf der Bühne – dafür, nach einem Aufenthalt in Ägypten, mit neuen Sounds. Eine „New Era“, wie die 22-Jährige verkündet.
Die ausdrucksstarke Sängerin zieht im Lauf des Konzerts alle Register: Sprechgesang, Kopfstimme, sonor-soulige Parts. Man fühlt sich im Flow wie in einer 45-minütigen Global-Beats-Radioshow – durchweg groovy und tanzbar, dabei aber in keinem Moment langweilig oder gar gefällig. Das Spektrum der Referenzen reicht von Tierra Whack und Janelle Monáe über Electric Light Orchestra und Hot Chip bis zu Wegbereitern des Rhythm and Blues, The Ink Spots. Die Flying-V-Gitarre und so manches Zwischenspiel schaffen unerwartete Glam-Rock-Momente, im nächsten Augenblick flirren Sitar-artige Gitarrensounds durch den Raum – was hier passiert, sprengt jeden Schubladenschrank.

Dabei hat Uche Yara durchgehend das Publikum im Blick und nimmt es absolut authentisch und voller Energie an die Hand, führt es durch ihre Soundwelten und Lyrics. Neben bereits erschienenen Songs wie ZUU (Zoo) präsentiert sie neues Material. Bei der bald erscheinenden Single „Diva Team“ ist das ganze Studio mitsingend „ready to hit“. Während vorn immer mehr Bewegung in die Menge kommt, vibet in den letzten Reihen auch ein älteres Ehepaar. So muss das! Fast vorsichtig kündigt Uche Yara einen Demotrack mit dem Arbeitstitel „Hit the Trap“ an – der sich als absoluter Banger entpuppt.
Für mich die Show des Abends, das macht alles Lust auf mehr. Ich lese im Nachhinein, dass sie schon im Vorprogramm von Bilderbuch und den Rolling Stones spielte – diese Bühnenerfahrung merkt man ihr durchaus an. Dem Prädikat „aufregendste Newcomerin Europas“ aus der Ankündigung wird Uche Yara in diesen knapp 45 Minuten mehr als gerecht. What do we do? Write history!
Nachtrag: Das Set schloss industriell-brachial mit dem Song „Bodyscanner“, der kurz nach der About Pop YouTube-Premiere feiert und im BBC6 New Music Fix präsentiert wird. Alte Instagram-Posts werden gelöscht, Uche Yaras angekündigte „New Era“ hat nun wohl offiziell begonnen.
Überwältigung zwischen Studio, Club und Halle
Zu den von mir erlebten Acts danach schreiben die Gig-Blog-Kollegen: die warm umhüllenden Soundscapes von Maya Shenfeld, das Synthpop-Feuerwerk von Nation of Language, der Abriss bei Ellis-D und zum Finale Peaches, die zumindest mich etwas irritiert den Heimweg antreten ließ. Zwischendrin gleichzeitig endende Konzerte in Studio und Halle sorgten für bisweilen beklemmende Enge im Hof – manch organisatorische Entscheidungen kann ich mit dem prominent formulierten Streben nach Barrierefreiheit nicht ganz einhergehen. Abgesehen davon machte das Programm dieses musikalisch vielfältigen Abends im Wizemann sehr viel Lust auf den nächsten Tag quer durch Stuttgart.
