ANTHONY HÜSEYIN, JONAS BOLLE, 13.06.2026, About Pop Club Festival, Ratzer Records & Beer, Stuttgart

Noch beglückt vom gestrigen About Pop Festivaltag, gehts bei bestem Wetter zu den nächsten beiden Konzerten im Plattenladen unseres Vertrauens. Vor Ratzer Records steht man entspannt beieinander und lässt den Abend im Wizemann noch mal Revue passieren.
Voll ist es zwischenzeitlich im Recordstore als sich der Stuttgarter Musiker
Jonas Bolle

zwischen Plattenregalen und seinen Instrumenten positioniert.
Der 1990 in Filderstadt geborene Jonas Bolle ist, ähnlich wie Peaches, interdisziplinär unterwegs. Auf seiner Webseite schreibt er, dass er an den Schnittstellen von Musik, Performance und Diskurs arbeitet und in Solo-Arbeiten Found-Footage-Material, Spoken Word und Songs zu Konzert-Performances verwebt. Performances, die er unter anderem schon im Württembergischen Kunstverein, im Club White Noise und im Kunstverein Wagenhallen realisiert hatte.
Aber der erste Eindruck könnte nicht unterschiedlicher zum Peaches-Konzert sein. Feine Gitarrensounds und ein sensibler, zurückhaltender Gesang erklingen. Musik von zarter Melancholie und tiefer Emotionalität.

Etwas nervös sei er, merkt Jonas Bolle an, und er habe nicht nur Lieder für die Gitarre dabei, sondern auch welche ohne, bei denen man ihm dann seine Nervosität nicht so anmerken würde. Sehr sympathisch diese Offenheit. Rhythmischer sind seine elektronischen Tracks mit den dubbigen Tiefen. Eine langsame, treibende Sogwirkung entsteht, die die schwüle sommerliche Hitze musikalisch untermalt und das Ratzer-Publikum entspannt zum Tanzen bringt.
Und so nachdenklich und sensibel wie die Musik ist, so sind auch Jonas Bolles Texte.
„Pflanz ein Baum, bau kein Haus“
oder
„Nimm mich bitte in die Arme
Erzähle mir eine Geschichte“
singt er. Scheinbare Kleinigkeiten des Alltags, denen man oft zu wenig Beachtung schenkt, werden auf ihre wahre Bedeutung vergrößert. Im besten Sinne unspektakulär ist das Konzert, reduziert auf das Wesentliche, und gerade diese Reduktion ist die Kunst, die wirklich berührt.

Dazwischen gibt Jonas Bolle noch ein Plädoyer für Orte wie diesen ab, Orte, die so wichtig für eine Musikszene sind, Räume der Begegnung. Kauft Platten, und wenn ihr sie nur zu Hause hinstellt, sagt Bolle mit einem Augenzwinkern. Und recht hat er, lasst uns dadurch Musiker und Läden wie diese unterstützen. Von Streamingplattformen können nur die großen Mainstream-Acts leben.
Nach einer kurzen Pause tritt die nicht-binäre queere Künstler*in
Anthony Hüseyin

auf. Hüseyin stammt aus Sanliurfa in der Türkei und lebt in Berlin.
Die Bühnenpräsenz von Anthony Hüseyin ist von einer großen unaufgeregten Intensität geprägt; artifiziell und natürlich zugleich, auch wenn sich das jetzt sehr widersprüchlich anhören mag.
Bestechend ist Hüseyins Gesangsstimme, die eine bestechend große Ausdrucksbreite hat, von Jazz- bis Operngesang. Ich bin wahrlich beeindruckt. Musikalisch erleben wir gerade eine Bandbreite, wie man sie nur selten hat. Electroclash, Pop, Jazz und nahöstliche Musik werden von Anthony Hüseyin zu einem in sich stimmigen Musikgesamtkunstwerk amalgamiert.

Hüseyin weiß aber nicht nur als Musiker*in zu überzeugen, Anthony Hüseyin ist auch geborene Entertainer*in. Großartig, mit was für einem Witz über die Architektur von Wolkenkratzern und deren phallische Symbolik referiert wird und wie nebenbei angemerkt wird, wie toll Skyscraper gefunden werden. Trotz aller Leichtigkeit und des großen Unterhaltungswerts des Gigs werden auch ernste Themen angesprochen: Themen zu patriarchalen Strukturen, der politischen Unterdrückung queerer Menschen, die es natürlich nicht nur im Geburtsland Türkei gibt, und der weltweiten Zunahme postdemokratischer und faschistischer Strömungen. Anthony Hüseyin bringt es auf den Punkt: Wir brauchen keine Zuschreibungen, ob wir nun hetero- oder homosexuell sind, ob queer, trans oder non-binär. Solche Kategorisierungen werden von Autoritären vorgenommen, um Weltbilder zu kontrollieren und um dadurch unterdrücken zu können. Lasst diese Einordnungen obsolet sein, denn alles, was zählt, ist, dass wir Menschen sind!

Musikalisch setzt Anthony Hüseyin dies mit poppigen Melodien und melancholischen Zwischentönen um, ohne die Beats außer Acht zu lassen, zu denen man so wunderbar tanzen kann. Denn ist unsere Zeit auch schwierig und von politischen Backlashes geprägt, vergessen wir das Tanzen nicht, vergessen wir nicht die Vision von Menschlichkeit.
Vielen Dank an das Ratzer – Records & Beer, dass sie das großartige About Pop Festival mit zwei wunderbaren Acts bereichert haben.


„Wir brauchen keine Zuschreibungen, ob wir nun hetero- oder homosexuell sind, ob queer, trans oder non-binär. Solche Kategorisierungen werden von Autoritären vorgenommen, um Weltbilder zu kontrollieren und um dadurch unterdrücken zu können. Lasst diese Einordnungen obsolet sein, denn alles, was zählt, ist, dass wir Menschen sind!“ Auf den Punk(t). I love it!