AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Die Auftritte von Agriculture und Nessel auf dem About-Pop-Festival sind sowohl akustisch als auch sprachlich schwer zu fassen. Zu disparat ist das Dargebotene, zu mickrig die Sprache unseres Autors.

Aua.

Das wird nicht leicht.

Was habe ich da gerade gehört? War das wirklich Black Metal oder doch etwas ganz anderes?

Ich bin zwei
Und eins zugleich
Ich bin zwei

Da sind zwei Bands: eine aus Kalifornien, eine von hier. Beide haben gemeinsam, dass sie sagen, dass sie Black Metal machen. Beide haben gemeinsam, dass ihre Musik nur in kleinen Teilen etwas mit dem zu tun hat, was aus Norwegen kommt, – eher noch mit dem Walden Doom von Bands wie Wolves In The Throne Room. Beide haben gemeinsam, dass sie der Bezeichnung »Black Metal« noch ein Adjektiv voranstellen.

Eklektizismus [grch.] der, 1) Kunst: Ausdrucksweise, die sich in einem selektiven, historisch rückbezogenen Verfahren bereits entwickelter und abgeschlossener Kunstleistungen bedient. 2) […]
(Die Zeit: Das Lexikon)

Nein, das kann auch nicht sein. Das klingt nach simplem Kopieren.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Nessel benutzen das als Eigenbeschreibung: »eclectic outburst«.

Als Kunstverfahren ist Eklektizismus in der Postmoderne für die kritische Reflexion über vorhandenes Material von Bedeutung. Die Bezeichnung eklektisch oder eklektizistisch bezieht sich auf ein einzelnes Kunstwerk, in dem verschiedene vergangene Stile verarbeitet sind.
(Wikipedia)

Das passt besser: »kritische Reflexion«.

Also.

Postmoderne ist es. Somit wohl auch ein Post-Musikstil. Post Black Metal. Mit den Worten von Nessel: »post-gaze-everything«.

Das Adjektiv bei Agriculture ist übrigens »ecstatic«: »ecstatic Black Metal«.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Agriculture und Nessel

Zur Sicherheit noch mal »Grand Declaration of War« von Mayhem gehört. Nein, das ist zwar irgendwie progressiv, aber trotzdem schlicht Black Metal. Lieber wieder »The Spiritual Sound« von Agriculture einlegen.

Jetzt, wo war ich?

Es ist wie ein Ausbruch: Sehr schnell gespielte Akkordwiederholungen beider Gitarristen von Agriculture keifen. Die Stimme keift auch. Das Schlagzeug spielt Blastbeats: Bassdrum, Snare, Becken in blitzschneller Folge. Der Bass akzentuiert den Doublebass. Es ist wie, wenn der Blitz einschlägt und der Donner in derselben Sekunde grollt.

Füge hier einen kleinen Singer/Songwriter-Part ein.

Das Erstere davon klingt definitiv wie roher Black Metal, könnte aber auch Hardcore sein, wenn man die Kürze dieser Passagen bedenkt. Das Zweitere passt da nicht ins Bild. Und doch müssen wir das Bild dahin anpassen.

Passagen passen, wenn man das Bild anpasst. Sprache: heute nicht so meines.

Ich denke Noise. Vielleicht ein bisschen heftig für Noise, aber so diese Richtung. Und in der Tat sind Agriculture der Noise-Szene entwachsen. Das könnte der Schlüssel sein.

Und Nessel? Shoegaze + Black Metal = Nessel? Spielen die Stuttgarter folglich Blackgaze? Nein, das ist was anderes – gerade sowas wie Wolves In The Throne Room.

Eigentlich müsste man sagen: Shoegaze + Blackgaze = Nessel (stark vereinfacht).

Hör’s dir mal an: »Gestalt«.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Nessel und Agriculture

Du bekommst also Blackgaze mit keifendem Gesang und dazwischen entspannten Shoegaze mit ebenso keifendem Gesang. Das ist sperrig.

Muss es auch sein.

Nebenbei: Anna ist stimmlich einwandfrei und lacht dazu sympathisch. Sie klingt heftiger als auf dem Album. Die zur Kralle geformt erhobene Hand, um bestimmte Stellen theatralisch zu unterstreichen – es ist schließlich Black Metal –, beherrscht sie ebenso wie die emporgereckte rechte Faust.

Ich weiß nicht, sind das neue Stücke? Das Album ist von 2022. Das Set wirkt irgendwie kompakter, lauter. Auch hört man den Sänger seltener(er).

Jetzt sollte ich mal wieder was über Agriculture sagen, oder?

Noise ist der Schlüssel.

Ja, Noise ist der Schlüssel.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Die Platten von Agriculture hören sich wild an, weil hier Elemente unterschiedlicher Musikstile gesammelt werden. Da gibt es nicht nur die aus dem Black Metal bekannten schreddernden Wiederholungen einzelner Akkorde, nicht nur das Auslegen von Klangteppichen wie im Blackgaze, nicht nur flirrende Gitarren wie im Post-Metal, nicht nur rockige, teilweise groovige Riffs, nicht nur Passagen, die melodiöser Rock sein könnten, wären da nicht die Blastbeats, nicht nur wild eingestreute Gitarrenleads, nicht nur vollkommen stille Momente, nicht nur mit der Kopfstimme gesungene Verse, nicht nur klassischen Black-Metal-Gesang, nicht nur …

Füge hier noch einen kleinen Singer/Songwriter-Part ein.

Auf dem Album hört man sogar ein Saxophon.

Ich muss an John Zorn denken. Oder an Mike Patton.

Es gibt auch Noise. Viel Noise. Das ganze Feedback. Die unmelodisch gezupfte Gitarre. Der an den Saiten entlangschrabbende Fingernagel. Die unsauber in die Stille platzenden einzelnen Akkorde. Die brechende Stimme. Und das ganze Feedback.

Habe ich das Feedback erwähnt?

Noise ist der Kitt, welcher die Musik zusammenhält, das Element, das uns den Auftritt erst aufschlüsselt. Wenn man gegen das Konzert die Platten hört, wirken diese präziser, aufgeräumter. Die Live-Version ist extremer, schmutziger, lebendiger und ekstatischer.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Hör’s dir mal an: »Agriculture«.

Agriculture und Nessel und Politik

Vor dem Konzert gab es übrigens ein Panel zum Thema »Diversität, queeres Leben und Gender-Denken in der Extremen Musik«, zu dem ich an dieser Stelle etwas Schlaues sagen könnte, wenn meine Depression es mir ermöglicht hätte, tatsächlich um 17:00 Uhr aus dem Haus zu gehen.

So müssen wir uns in Verzicht üben.

Na ja.

Eigentlich war Politik die ganze Zeit präsent. Da sind einige wichtige Punkte, die erwähnt werden müssen. Zunächst mal die Feststellung, dass alles politisch ist. Und wenn irgendwer daherkommt und sagt, etwas sei unpolitisch, dann ist diese Sache in verdächtiger Weise politisch.

Zu Gerechtigkeit kann man keine neutrale Haltung haben.

So.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Marc XembraceX
Foto: Marc XembraceX

Sängerin Leah betont beim Auftritt von Agriculture noch mal, wie wichtig Diversität und Gender-Gerechtigkeit sind, und, dass Raum für Queerness geschaffen werden muss. Das Publikum zeigt durch seinen Applaus, dass es ganz derselben Meinung ist.

In einer Sache ist es das allerdings nicht: Dan erzählt, dass man ihnen davon abgeraten habe, eine Palästina-Fahne auf der Bühne zu zeigen, weil das in Deutschland – wegen des aufkommenden Antisemitismusverdachtes – kritisch gesehen werde. Hier murrt es im Publikum. Wie sich zeigt, weil es viel mehr dieselbe Ansicht vertritt, wie die Band: Man sagt nichts gegen Juden, indem man die Apartheitspolitik und den Genozid des Staates Israel kritisiert. Und diese Kritik ist dringend notwendig.

Und Anna von Nessel hebt die rechte Faust und lässt uns alle damit die rechte Faust heben für die Frauen im Iran. Auch da geht es um Gerechtigkeit.

Fazit

Hm.

Also aufs Konzert gegangen. Politisch daheim gewesen. Und musikalisch? Ja, musikalisch aufs Angenehmste verstört worden.

Besser kann ich es nicht ausdrücken.

AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Foto: Steffen Schmid

Agriculture

Nessel

Panel „Diversität, queeres Leben und Gender-Denken in der extremen Musik“

2 Gedanken zu „AGRICULTURE, NESSEL, 13.06.2026, About Pop Club Festival, JuHa West, Stuttgart

  • 15. Juni 2026 um 14:59 Uhr
    Permalink

    Nessel fand ich sensationell. Live wie auf Platte ganz toll. Beim Gesang würde ich glaube ich keifend nicht als Adjektiv nehmen. Das war schon ganz große Stimmbeherrschung. Agriculture aus meiner Sicht underwhelming. Dazu bissel gratis Applaus abholen für unterkomplexe politische Aussagen, na ja.

  • 15. Juni 2026 um 15:11 Uhr
    Permalink

    Und danke, für den Versuch der Einordnung, lieber Claus! Habe ich sehr gerne gelesen.

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