ROLLER DERBY, DIPLOMATIC FUN, 10.06.2026, Merlin, Stuttgart

Roller Derby aus Hamburg füllen mit ihrem perfekten Dreampop mal locker das Merlin und unser Autor fragt sich, wo eigentlich die übliche Konzert-Bubble ist.
Es gibt so Clubs, die sind für uns wie ein zweites Wohnzimmer. Ob nun das Goldmarks, der Schwarze Keiler, die Manufaktur oder eben das Merlin – Du kannst sicher sein, immer vertraute Gesichter zu treffen. Und jetzt betrittst du das Merlin, der Laden ist rappelvoll und du kennst (fast) niemanden. Die übliche „Konzert-Bubble“ scheint nicht da zu sein. Was hat das zu bedeuten?
Roller Derby aus Hamburg sind im Haus, und sie ziehen ein sehr diverses Publikum an. Das Duo Philine Meyer und Manuel Romero Soria hat sich, wie der Bühnenaufbau verrät, live zu einer vierköpfigen Band vergrößert. Ich bin gespannt.

Doch vorab steht tatsächlich erstmal ein Duo auf der Bühne. Diplomatic Fun aus dem Stuttgarter Nordbahnhof-Umfeld. Lilian Gonzalez und Jonathan Ohr haben wir auch schon in anderen Bands gesehen. Lilian zum Beispiel bei Horizontaler Gentransfer oder solo als Rap-Projekt Blue Milk. Die beiden produzieren, meist mit zwei Gitarren, hin und wieder mit ein wenig Elektronik-Beats unterlegt, luftigen Jangle Pop. Anfangs ist das noch etwas spröde, aber dann entwickeln die Songs, vielleicht gerade wegen ihrer Unperfektheit und dem schlanken DIY-Sound, einen ganz eigenen Charme. Das ist manchmal ein wenig schief und genre-typisch gesanglich recht zurückhaltend, kommt aber bei mir und offensichtlich auch beim Publikum recht gut an. Ein sehr schöner Start in den Abend.
Der Umbau für den Main Act gestaltet sich flott. Es wird ein wenig Blattwerk an den Instrumenten und Mikros drapiert, die Bühne stimmungsvoll ausgeleuchtet, und schon kann es losgehen.

Frontfrau und Sängerin Philine Meyer hat sich mit ihrem Keyboard direkt an der Bühnenkante postiert, Manuel Romero Soria an der Gitarre, eine Bassistin und ein Schlagzeuger komplettieren die Band. Sie würden heute alle Songs von ihrem Album „When the Night Comes“ spielen, verkündet die Sängerin. Und aus dem Stand produziert die Band ihren federleichten, verträumten Indiepop, mit dem sie ja inzwischen beachtlichen Erfolg haben. Bei „Starry-Eyed“, einem früheren Songs wird das Tempo etwas angezogen, die flirrende Gitarre lässt Cure-Assoziationen aufkommen und das perfekte Zusammenspiel der Band ist wirklich überzeugend.

Die Zwischenansagen sind recht sparsam. Nur einmal kommt Philine etwas länger ins Plaudern. Sie berichtet, dass sie bereits vor dreieinhalb Jahren in Stuttgart gespielt hätten, damals im Werkstatthaus. (Wenn ich bedenke, dass dies vermutlich der gleiche Booker gemacht hat, der auch Nina Chuba im clubCANN veranstaltet hat, die jetzt die Schleyerhalle füllt, frage ich mich kurz, ob wir hier auch die Zukunft von Roller Derby sehen.)

Das Konzert nimmt routiniert seinen Lauf. Eine wohltemperierte Mischung aus ruhigeren und lebendigen Songs in meist träumerischer Stimmung wird geboten. Insgesamt kommt dies beim Publikum sehr gut an, ich sehe sogar textsichere Mitsinger. Und dennoch erreicht mich das Dargebotene nicht. Es ist einfach zu perfekt und gefällig. Nichts, was den Wohlklang bricht oder stört. Da kann ich mich noch so über die Klasse der einzelnen Musiker:innen freuen und die brillante Rhythmussektion staunen, letztlich berührt es mich weniger als die im direkten Vergleich sympathisch laienhaft wirkende Vorband.

Nach einer guten Stunde und drei Stücken in der Zugabe beenden Roller Derby unter großem Applaus ihr Set und am Merch sammelt sich eine beeindruckende Schlange Kaufwilliger. Ich nutze die Gelegenheit, einige Zuschauer:innen zu fragen, woher sie die Band kennen und was sie hierhergelockt hat. (Es muss ja eine Quelle sein, die meine Konzert-Blase nicht zu kennen scheint). Die häufigste Antwort: „Habe ich als Werbung auf Instagram gesehen.“

