ZIG ZAGS, ROWDY, 03.06.2026, Juha West, Stuttgart

Rasanz als Selbstzweck? Die hochenergetische, betont maskuline Grenzerfahrung zwischen Punk und Metal erweist sich im schwitzenden Jugendhaus als ästhetische Herausforderung für züchtig bekleidete Gigblogger.
No Shirt, no Party? Nicht bei den kalifornischen Zig Zags, die von diesem Club Care-Konzept wohl noch nie gehört haben und während des Konzerts allesamt (obenrum) blank ziehen. Okay, es ist heiß im Konzertsaal des Stuttgarter Juha West und es ist der letzte Auftritt der aktuellen Deutschland-Tour, da will man sich schon mal gehen lassen. Und zugegeben, die schweißtreibende Musik tut auch ihren Teil. Das sittlich eher reife Publikum erträgt’s gelassen, nur der Gigblog-Fotograf will berechtigterweise keine halbnackten Männer ablichten und fragt vorsichtig nach dem Juha-Awareness-Team. [Anm. d. Fotografen: tut es dann letztlich doch.]

Ist in diesem Kontext wahrscheinlich halb so wild und passt letztlich auch in den musikalisch eher hemdsärmligen (sic) Stil des Abends. Trotz beachtlicher Konkurrenz zeitgleich im Keiler (Metal) und Goldmarks (Punk) füllt sich das Juha erfreulich gut, der soziale Aspekt der Veranstaltung entwickelt vorab eine beachtliche Dynamik. Denn im Pausenhof finden sich doch erstaunlich viele Menschen aus dem weiteren Punkrock-Kontext ein, die sich erstaunlicherweise kennen – oder noch erstaunlicher, bislang nicht.

Das wortreiche Socializing wird erstmals durch den Auftritt der Supportband Rowdy aus der heimischen Region unterbrochen. Das Trio überzeugt nicht nur mit sehr coolem Bandnamen, sondern auch mit Flying V-Gitarre und betont gradlinigen Songs. Die bewegen sich (wie später auch bei den Zig Zags) in der Grauzone zwischen Punk und Metal. Rowdy vertreten dabei einen eher rocknrolligen Ansatz, den man aber auch wohlwollend Streetpunk nennen kann. So rumpelt der Beat betont schnörkellos nach vorne und die Gitarre schreddert ebenso gradlinig – kleine Flinkfinger-Hardrock-Soli stören den dynamischen Flow ebenso wenig wie markante Ausflüge in Richtung rasanten Hardcore. Den Anwesenden gefällt’s zurecht, Temperatur und Stimmung steigen.

Die Zig Zags wurden mir vorab von Auskennern (ja, alles Männer) sowohl aus dem Metal- wie auch dem Punk-Kontext nahegelegt, bei Wiki wird ihr Sound als „fusion of punk, metal, stoner rock and trailer trash culture“ beschrieben. Klingt für mich vielversprechend – zumal mir letztens im Goldmarks ein sehr junger Mensch mit einem Vardis-Shirt auffiel. Diese Brit-Band aus den ganz frühen 80ern ist für mich ein Blueprint für diesen Sound: Powertrio mir Schreddergitarre, ohne jedes peinliche Metal-Pathos, eher wie leichtfüßigere Motörhead. Alter-Sack-Empfehlung: Das 1980er Livealbum „100 M.P.H.“.

Zig Zags beginnen halbwegs züchtig bekleidet und betont explosiv. Drummer Jeff Murray arbeitet vielarmig flächendeckend, Bassist Sean Hoffman sorgt eher für riffartigen Rhythmus. Die grasgrüne Gitarre von Jed Maheu ist auf Dauer-Overdrive: Songs beginnen mit Thrash Metal-Riffs in entsprechender Geschwindigkeit. Der Bass sorgt dann für ein Basisriff und die Gitarre streut darüber flächige, pfeilschnelle Riff-Splitter, die für enormes Sound-Volumen sorgen. Will sagen: Was für ein Lärm von nur drei Leuten! So richtig strukturiert (wie beim Metal) ist das nicht, aber auch nicht so räudig hingerotzt wie beim Punk. Die Vocals sind ein heiseres Bellen und in diesem Geballer auch nicht so wichtig. Breaks und Tempowechsel brauchen die Kalifornier kaum – was die Songs für meinen Geschmack etwas einförmig macht. Aber ich stehe ja auch nicht vor der Bühne, wo fleißig Matten geschüttelt werden, sondern wegen des doch arg lauten Sounds weiter hinten.

Scheinbar überflüssige Textilien werden auf der Bühne schnell abgelegt, was zumindest insofern Sinn macht, dass sich die muskulösen Männerkörper durchaus in der kraftvoll-maskulinen Musik widerspiegelt. Die kommt immerhin ohne jedes Metal-Brimborium aus, wirkt dadurch aber auch ein wenig konturlos. Rasanz als Selbstweck? Die drei Typen geben bei ihrem letzten Gig in Deutschland jedenfalls alles, schwitzen erheblich und verausgaben sich. Das animiert zumindest die vorderen Publikumsreihen zum Mitmachen. Das Tempo halten sie eine knappe Stunde durch, dann werden wir in die laue Sommernacht entlassen – natürlich um noch schnell im Goldmarks-Biergarten vorbeizuschauen.

