MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg

MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg | Foto: Joshua Zeberer
Foto: Joshua Zeberer

Die Hitze hat Heidelberg fest im Griff. Bei hoher Luftfeuchtigkeit und Temperaturen über 30 Grad drängen sich die Touristenmassen über die Alte Brücke, durch die engen Gassen und hinauf zur ikonischen Schlossruine. In der Menge fallen die in schwarz gekleideten jungen Menschen auf, die sich einen Spaziergang durch die pittoreske Altstadt nicht entgehen lassen wollen, aber eigentlich aus einem ganz anderen Grund den Weg in die Kurpfalz auf sich genommen haben: Molchat Doma sind in der Stadt.

Die belarussische Band zieht ein überregionales Publikum an, was auch ein Blick auf die Kennzeichen auf dem Parkplatz vor dem Open Air Gelände des Metropolink’s Commissary am Patrick-Henry-Village im Niemandsland außerhalb der Stadt zwischen Autobahn und Bundesstraße zeigt. Mit düsteren aber ungemein eingängigen Melodien, tanzbaren Beats und intensiven Liveauftritten hat sich die 2017 in Minsk gegründete Dark-Wave-Band in den vergangenen Jahren eine stetig wachsende Anhängerschaft erspielt. Es ist das erste Konzert von Molchat Doma im Südwesten seit dem gefeierten Auftritt bei der reduzierten Pandemieauflage des Maifeld Derbys in Mannheim vor fünf Jahren. Dass es den Verantwortlichen des Maifeld Derbys gemeinsam mit dem Metropolink-Team gelungen ist, die Band für eines von nur zwei Deutschlandkonzerten in diesem Sommer nach Heidelberg zu locken, ist dabei ein großer Glücksfall.

Entsprechend groß ist der Andrang. Vor dem Einlass bildet sich eine lange Schlange. Während die wartenden Besucher:innen schwitzen, verspricht die Aussicht auf den unterkühlten Post Punk des belarussischen Trios zumindest musikalisch den größtmöglichen Kontrast zu den Außentemperaturen. Die Zuschauer:innen sind nicht nur zahlreich erschienen, sondern nicht zuletzt aufgrund des enormen Erfolgs der Band auf TikTok ausnehmend jung und erfreulich divers, was sich auch daran zeigt, dass Männer im Publikum eher die Minderheit stellen. Viele Besucher:innen haben sich extra für das Konzert herausgeputzt und so fallen vor allem bei den besonders jungen Fans opulente Goth-Outfits und ab und an sogar aufwändiges Corpsepaint ins Auge. Insgesamt ist schwarz die bevorzuge Farbe, was dem Metropolink Gelände einen Hauch des Leipziger Wave Gotik Treffen verleiht, wo Molchat Doma am Folgetag auftreten.

MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg | Foto: Joshua Zeberer
Foto: Joshua Zeberer

Während David Bowie vom Band läuft und aus Vapes penetranter Erdbeergeruch wabert, bleibt Zeit, die großformatigen Murals zu betrachten, die im Rahmen des seit über zehn Jahren jährlich im August stattfindenden Metropolink Festival entstanden sind. Das Metropolink wirkt in die ganze Stadt, transformiert aber besonders einen Teil des Patrick-Henry-Villages, einem ehemaligen Areal der US-Army, von seinen einstigen Zwecken zu einem spannenden internationalen Begegnungsort und Zentrum urbaner Kunst und Kultur. Zum Setting gehört auch ein ausrangierter bunt bemalter M26 Pershing Kampfpanzer gegenüber der Bühne, der schon früh von Zuschauer:innen besetzt wird, die sich von dieser erhöhten Tribüne eine besonders gute Sicht auf das Konzert erhoffen.

MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg | Foto: Joshua Zeberer
Foto: Joshua Zeberer

Vor Molchat Doma eröffnen die Gig-Blog-Lieblinge von Die Selektion den Abend. Das Booking von Haupt- und Vorband erscheint uns dabei als ebenso ideal passend wie die Zusammenarbeit von Maifeld Derby und Metropolink. Die Selektion überschüttet das Publikum mit ihrer selbstbezeichneten „Prosecco Wave“, einer ganz eigenen technoiden EBM-Spielart mit Trompete. Die Stuttgarter Luca Gillian und Hannes Rief erweisen sich mit zwingenden Songs wie dem als Opener gespielten gleichnamigen Titelsong des noch immer aktuellen, von Max Rieger produzierten Albums „Zeuge aus Licht“ (2023) als gelungener Start in den Abend. Die Menge tanzt, während Gillian in gewohnter Manier im schwarzen Sakko exaltiert über die Bühne schreitet, dabei an Dave Gahan in den 1980ern erinnert, und mantraartig düster nihilistische Texte zu harten EBM-Beats schreit:

„Doch all das brauch ich nicht mehr.
Ich bin mein eigener Herr.
Ich brauch den Vatikan nicht mehr!“

Hannes Riefs Trompetensalven sind dabei nicht nur der spannende Gegenpart zu den tiefen Electrobässen, sie sind auch bis heute das Alleinstellungsmerkmal der Stuttgarter Band, die seit Jahren als internationaler Undergroundgeheimtipp gilt, der sich durch exzessive Touren auch eine treue Fangemeinde unter anderem in Lateinamerika, Süd- und Osteuropa erspielt hat. Für viele Zuschauer:innen in Heidelberg wiederum scheint das heutige Konzert der Erstkontakt mit der Band zu sein. Die begeisterte Reaktion auf das halbstündige Set legt nahe, dass Gillian und Rief neue Fans gewonnen haben.

MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg | Foto: Joshua Zeberer
Foto: Joshua Zeberer

Nach kurzer Umbaupause und einem verheißungsvollen Intro betreten Sänger Egor Shkutko und seine Bandkollegen Roman Komogortsev (Keyboards, E-Gitarre) und Pavel Kozlov (Keyboards, Bass) die Bühne. Molchat Doma werden von ihrem ergebenen Publikum wie Popstars begrüßt. Ab dem ersten Song, „Kolesom“ vom 2024 erschienenen Album „Belaya Polosa“ gleicht das von diesigem Sonnenlicht beschienene Gelände einer düsteren Undergrounddisco. Das Publikum tanzt kollektiv, singt die belarussischen Lieder erstaunlich textsicher mit und gerät rasch in Ekstase. So vergehen die knapp 80 Minuten vor den Zugaben ohne jegliche Längen wie im Flug.

Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Aus dunkel unterlaufenen Augen blickt Egor Shkutko gegen Ende des Abends in sein Publikum. Die erschöpften, aber begeisterten Gesichter der jubelnden Menge könnten in kaum einem größeren Kontrast zur stoischen Miene des dünnen, blassen Mannes in der Bühnenmitte stehen. Denn auch wenn Shkutko gerade als Frontmann des belarussischen Trios eine unfassbar energetische Performance zeigt, ein Lächeln kommt ihm nicht über die Lippen. Stattdessen dürfen die Zuschauer:innen in Heidelberg den beeindruckenden Verrenkungen sämtlicher Gliedmaßen beiwohnen. Shkutkos schlangenartigen Bewegungen wecken dabei Assoziationen an den jungen David Byrne, während seine schütteren langen Haare und der fusselige Tolstoi-Bart ein wenig an Arthur Brown und dessen exzentrisches Bühnengebaren denken lassen.

MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg | Foto: Joshua Zeberer
Foto: Joshua Zeberer

Musikalisch hat die Band aus Minsk weder mit den Talking Heads noch mit Brown viel zu tun, lassen sich die Referenzen von Shkutko und seinen Bandkollegen doch eher bei englischen Wave-Bands der 1980er wie Joy Division, Bauhaus und The Cure („A Forest“ wird genau wie – eher überraschend – Pink Floyds „Shine On You Crazy Diamond“ kurz anzitiert), und vor allem den Heroen der sowjetischen und postsowjetischen Underground-Wave-Szene wie Kino (Кино) ausmachen. Dies gilt besonders für die neben aktuellen Stücken die Setlist dominierenden Songs des 2018 erschienenen besonders beliebten Albums „Etazhy“, darunter die gefeierten Hits „Toska“, das fast schon fröhliche „Tanzevat“ und „Volny“.

Das ehemalige Army-Gelände mit seinen umfunktionierten und umcodierten Reminiszenzen an die Zeit des Kalten Kriegs erscheint dabei als ein symbolträchtiger und passender Ort für das Konzert. Die belarussische Band Molchat Doma, die seit einigen Jahren nicht mehr in der Hauptstadt ihres autokratisch regierten Heimatlands, sondern im Exil in Los Angeles lebt, und die sich schon unmittelbar nach Beginn des russischen Angriffskriegs mit der ukrainischen Bevölkerung solidarisierte, rückt hier in die Rolle von Kulturvermittlern, die live wie auf Platte und TikTok ein junges westeuropäisches Publikum in berauschende subkulturelle und musikalisch im vor allem angloamerikanisch geprägten Indiekosmos viel zu lange unterrepräsentierte (post-)sowjetische Klangwelten führen.

Bei den Zugaben erreicht die allgemeine Ekstase ihren Höhepunkt, bevor das Konzert mit dem populärsten und vielleicht tanzbarsten Song der Band endet: „Sudno (Boris Ryzhyi)“. Das Lied basiert auf einem Gedicht des russischen Lyrikers Boris Ryzhyi, der sich 2001 im Alter von nur 26 Jahren das Leben nahm und heute teils kultisch verehrt wird:


„Das Leben ist schwierig und unangenehm, doch Sterben hingegen ist angenehm“
(„Жить тяжело и неуютно, / Зато уютно умирать“)


singt Shkutko und das Publikum mit ihm. Mit strahlenden Gesichtern und in kollektiver Begeisterung wird der bittere Refrain konterkariert, ja lebensbejahend umgedeutet. In Zeiten wie diesen ist das sicherlich nicht das schlechteste Zeichen.

MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg | Foto: Joshua Zeberer
Foto: Joshua Zeberer

Molchat Doma

Die Selektion

Ein Gedanke zu „MOLCHAT DOMA, DIE SELEKTION, 24.05.2026, Metropolink’s Commissary, Heidelberg

  • 31. Mai 2026 um 21:54 Uhr
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    War eine tolle location mit Sitzmöglichkeiten, Kunst, Gastro und super Wetter und natürlich top Hauptact…“Dumm“ nur, dass der einstündig fahrende Bus (ÖPNV) uns in Heidelberg (völlig überfüllt) hat stehn lassen…so dass wir zu spät kamen (um 20:10 uhr) und deshalb Die Selektion verpasst haben (heul). Das ist eine Kritik am Veranstalter, denn wenn man so was klimafreundlich organisieren möchte, sollte man auch beim örtl. Busbetreiber mind. einen Bus zusätzlich organisieren. Oder war das Geldnot (Ticket ca. 53 €) bzw. dachte man nicht so weit? Das Gelände liegt zw. HD und Schwetzingen und ich war froh, dass eine Freundin uns spontan (zurück) mitgenommen hat (5€ das Parkticket am Gelände)… Auf dem Konzertticket stand nur eine Zeit drauf: 19 Uhr (verschoben auf 19:30 Uhr)…da konnte man dann spekulieren, ob das die Einlasszeit oder der Konzertbeginn sein soll. Was soll’s…
    Wir freuen uns trotzdem bzw. erst recht auf’s nächste Selektion-Konzert, diesmal dann hoffentlich in Stuttgart (2027?).

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