CHRISTIANE RÖSINGER, 23.05.2026, Merlin, Stuttgart

CHRISTIANE RÖSINGER, 23.05.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Das Altern hat einen schlechten Ruf. Christiane Rösinger wirkt im ausverkauften Merlin mit neuem Buch entgegen: Ein leidenschaftlicher Rundumschlag in gewohnter Rösinger-Manier gegen den Anti-Ageing-Trend und ein Plädoyer für die Schönheit des Älterwerdens: The Joy of Ageing.

Erst neulich war Christiane Rösinger mit Helene Fischer zu Gast bei „Willkommen Österreich“, der besten österreichischen Late-Night-Show. Ein herrliches Aufeinandertreffen, bei der Fischer mit Rösingers „Pärchenlüge“-Songtext, „Deutschlands einziger Paar-Kritikerin“, von den Hosts Stermann und Grissemann konfrontiert wurde – mit der Frage, ob sie sich auch mal vorstellen könne so etwas zu singen, statt immer nur die Liebe zu glorifizieren. Ohnehin ist Rösinger Wien bzw. Österreich sehr verbunden, auch durch die Freundschaft und mehrmaliger Zusammenarbeit mit u.a. Stefanie Sargnagel und deren gemeinsamen Buch „Iowa“ sowie als Teil der „Legends of Entertainment“ oder den Kollaborationen mit ebenfalls Wahlberliner Andreas Spechtl. Für Sargnagel, die schon seit ihrer Teenagerzeit Fan von Rösingers Musik war, gilt sie zudem als „beste Songwriterin Deutschlands und feministische Legende“

Ohne Frage verdeutlichte ihre Band Die Lassie Singers, mit der Rösinger und die leider viel zu früh verstorbene Almut Klotz in den 90ern bekannt wurde, schon damals, wie viel Talent die beiden im Songwriting und vor allem im Schreiben von Texten in sich tragen. Als quasi „erste deutsche Girl-Band“ waren die Lassie Singers nicht nur eine Hitmaschine mit ihren vielen klugen, feministisch empowernden Songs mit Witz, sondern auch sowas die Berliner Antwort auf die zeitgleich stark florierende und eben auch männerlastige sogenannte Hamburger Schule. Eine notwendige und unverzichtbare Ergänzung allemal.

CHRISTIANE RÖSINGER, 23.05.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
Foto: X-tof Hoyer

Knapp 30 Jahre später hallen diese Songs weiterhin nach, Christiane Rösinger hat mittlerweile ihr sechstes Buch veröffentlicht und mit den Klängen dessen titelgebenden Songs „Joy of Ageing“ betritt sie gemeinsam mit Claudia Fierke die Bühne, die Rösinger an diesem Abend an der Gitarre musikalisch unterstützt und auch als Sidekick fungiert. Die Hamburgerin ist eine langjährige Wegbegleiterin Rösingers, ihr schickes HAU-Shirt zudem ein Verweis zur gemeinsamen Theaterarbeit, denn im Berliner HAU (Hebbel am Ufer) führte Rösinger bereits für einige Theaterstücke Regie und ist zugleich Darstellerin.

Die ausverkaufte Lesung von Christiane Rösinger findet am Abend des DFB-Pokalfinales zwischen dem VfB Stuttgart und Bayern München statt, zudem steigt einen Kilometer entfernt mit „30 Jahre 0711 Family Jam“ wohl das Hip-Hop-Ereignis des Jahres auf dem Schlossplatz. Ersteres blieb auch Nicht-Fußballfan Rösinger nicht unbemerkt, umso erfreuter ist sie um ein volles Haus. „Ihr Stuttgarter seid doch alle in Berlin jetzt?“, fragt sie das mehrheitlich weibliche Publikum. Für Christiane Rösinger ist es beinah ein Heimspiel, die langjährige Wahlberlinerin ist gebürtige Rastatterin, hier und da blitzt auch ihr badischer Dialekt durch.

CHRISTIANE RÖSINGER, 23.05.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
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Ungeplant ist der heutige Abend gleichzeitig die Premiere von „Joy of Ageing“ und wird am Publikum im Merlin gewissermaßen getestet, da Christiane Rösinger aufgrund Krankheit einige Termine absagen musste. Da ist sie zu Beginn der Lesung, einer körperlichen Bestandsaufnahme und Auflistung aller Leiden, Sorgen und Gebrechlichkeiten im Alter, bereits voll im Thema. Eine Morgenroutine, die direkt nach dem Erwachen im Bett ihren Lauf nimmt, Brittas „Depressiver Tag“ wird passenderweise angespielt, darüber hinaus ist die beschriebene Situation beinah ein Augenzwinkern zum Titel ihres aktuellen Theaterstücks „Leben im Liegen“, selbstverständlich aufgeführt an besagtem HAU Berlin. Die wundervoll-hoffnungslose Resignationshymne „Sinnlos“, zugleich die Zugabe heute Abend, schließt daran beinah wie ein Mantra an:

Es ist alles so sinnlos, das hält ja gar kein Mensch mehr aus.
Da muss man sich doch einfach hinlegen oder man steht erst gar nicht auf.

Leben im Liegen als Losung.

Ein bisschen werden hier auch Erinnerungen an einen weiteren Britta-Song, „Seltsam seltsam“, wach, in dem Rösinger von „Einsamkeiten, alten Frauenleiden, Knochenbrüchen, Intensivgerüchen, Fehlfunktionen und kleinen Depressionen“ singt – „das ist alles drin, ist alles normal“. Die Berliner Electropunkband um den früh verstorbenen Torsun Burkhardt widmete seinem körperlichen Leiden mit „Die Natur ist dein Feind“ gar ein ganzes Album. Rösingers „Joy of Ageing“ folgt einen anderen Ansatz, es soll ein optimisch-empowernder Altersratgeber sein, den es so noch nicht gäbe, da kaum über die Vorteile des Alterns berichtet würde. Niemand spräche über die Schönheit des Alterns, die Freiheit und Gelassenheit die es mit sich bringt, eben: the Joy of Ageing, ein Gegenentwurf zum Anti-Ageing-Trend. Vielleicht so etwas wie ein kritisch reflektierteres Pendant zu Udo Jürgens „Mit 66 Jahren“, das wie Rösingers Buch dem schlechten Ruf des Alter(n)s positiv entgegenwirkt.

CHRISTIANE RÖSINGER, 23.05.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
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Ohnehin sind Rösingers gesetzte Themen in ihrer gesamten künstlerischen Arbeit sehr präsent, es gibt immer wieder Referenzen und Querverweise aufs eigene Werk aus den letzten 30 Jahren. So werden ihre Songs von Britta, Lassie Singers oder aus ihrer Solo-Arbeit galant in die Theaterstücke eingewoben und wiederverwertet oder eben wie das fantastische „Joy of Ageing“, vormals „nur“ ein Song ihres nach wie vor aktuellen Albums „Lieder ohne Leiden“ (2017), zu einem ganzen Buch und Lese-Show ausgebaut. Es gibt halt doch noch mehr darüber zu sagen als in einem drei Minuten langen Song.

So nimmt sie das Publikum mit in den Alltag einer Bohemienne „oder eher Solo-Selbstständige“ und stellt im Verlauf der Lesung all die Tücken und Umstände vor, die im Frühherbst des Lebens oder eben mit Mitte 60 aufkommen. Ohne dabei die natürlich notwendige Kritik an den Zuständen zu vergessen, kriegen Verfechter vom kollektiven Wahn ewig jung bleiben zu wollen in einem leidenschaftlich und kämpferischen Rundumschlag in gewohnter Rösinger-Manier gleichermaßen ihr Fett weg. Dankbarkeits-Journaling, Zitronensaft trinken, drei Sonnengrüße am Morgen? Bloß nicht an Morgenroutinen rumpfuschen, sei die Devise.

CHRISTIANE RÖSINGER, 23.05.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: X-tof Hoyer
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Rösinger nimmt uns mit in ihren Garten und an den Kaffeetisch mit der Familie im badischen Hügelsheim, die Szene mit den streitlustigen Tanten und schweigsamen Männern wird komplett in Originalsprache auf badisch dargeboten, Claudia Fierke übersetzt simultan auf Hochdeutsch. Die von ihr an anderer Stelle lebhaft porträtierten Stadtflüchtigen wecken Erinnerungen an ihre Rolle im Stuttgarter Tatort vor einigen Jahren, in der Rösinger die schwäbische Ulrike in einem Wohnprojekt in Ostfildern fantastisch verkörpert. Auf der Suche nach positiven Rolemodels von älteren Frauen in der Literatur wird sie dann schließlich fündig: Die alte Grimm-Hexe, die gefürchtet und respektiert am Stadtrand ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Häuschen führt, in Einklang mit Tieren und Pflanzen.

Gegen Ende gleicht sie in besagtem titelgebenden Song „Joy of Ageing“ die Songtextzeile „fifty, clumsy and shy“ noch kurzerhand zu „sixty“ an. Das darauf folgende Dylan-Cover „My back pages“ könnte passender nicht sein: „I was so much older then / I’m younger than that now“ singen sie und schließen die Lesung wunderbar ab. Denn alt sein heißt frei sein.

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