ABYSSAL, CARCINOMA, YOUFF, 21.05.2026, P8, Karlsruhe

Zu gewollt fiesen Sounds nach Karlsruhe heißt es mal wieder. Und damit ist nicht der dortige Dialekt gemeint. Auf das P8-Booking ist Verlass. Dreimal hochwertiger Lärm aus dem Bereich Noise Rock und Death Metal.
Was hat mich denn jetzt schon wieder geritten, dass ich unter der Woche am Feierabend den A8 Wahnsinn Stuttgart-Karlsruhe auf mich nehme, um dann drei Bands zu hören, deren Musik maximal herausfordernd ist? Wahrscheinlich genau das. Erstarren viele Teile des Lebens in Routine, so kann man sich doch wenigstens musikalisch auf unsicheres Terrain wagen. Das P8 mit seinem hochklassigen Booking ist dafür der richtige Ort.

Erwartungsgemäß ist der hintere Teil der Halle abgehängt, sodass ca. ein Drittel der üblichen Größe übrig bleibt. Klar, extreme Musik heute Abend, aber wie das Beispiel Black Curse am selben Ort zeigt, gibt es auch im Bereich des teuflischen Lärms Player unterschiedlichen Zuspruchs. Das trübt aber die Laune aller Beteiligten nicht im Geringsten, und so geht es frohgelaunt zappelig mit den belgischen Quintett Youff kurz vor Acht los.
Noise Rock ist jetzt kein Genre, in dem ich mich irgendwie auskenne. Hilfreich ist da, dass die unbändige Energie der Band einen von der ersten Minute an direkt reinzieht. Aus Platzgründen – das Instrumentarium der beiden anderen Bands ist schon aufgebaut – wählt der Sänger den Raum vor der Bühne, um seine psychopathisch, trunken wirkenden, Vocals auszuspucken. Das ist der hardcore-punkige Teil der Musik der Band, mit dem ich wahrscheinlich am meisten fremdele. Aber gut, von der Attitude her natürlich schon ein Pfund. Der instrumentelle Aspekt von Youff hingegen liefert überraschend viele Anknüpfungspunkte, die mir taugen.

Die Präzision mit der v.a der Schlagzeuger einem rhythmische Knüppel zwischen die Beine wirft ist beeindruckend. Gibt es den Begriff des mathematischen Stolperns? Wahrscheinlich nicht, und das zurecht. Währenddessen verkanten die Saiteninstrumente nicht vorhandene Harmonien genauestens miteinander. Nächste dumme Assoziation: wie musikalisches Mikado, bei dem man aber schon vorher weiß, wie die Stäbchen liegen werden. Nach dem Auftritt werde ich Zuschauer belauschen, die versuchen das Gehörte mit Voivods „Killing Technology“ zu assoziieren. Etwas hilflos, aber einen Punkt haben sie schon. Ach so, Fazit: extrem unterhaltsame 35 Minuten. Tolle Band!

Kurz vor Neun geht es weiter mit drei Briten mit dem unschönem Namen Carcinoma. Wir verlassen nun die Gefilde des Noise Rocks und betreten Death Metal Terrain. Death Metal von der allerunverdaulichsten Sorte. Extrem derb und gleichzeitig hoch technisch. Da ist kein Ton dem Zufall überlassen, was ein ungeübter Hörer niemals glauben würde. Meist brüllt der Gitarrist, in manchen Passagen growlt aber der Bassist seinen Teil dazu, ein ganzes Stockwerk tiefer allerdings. Blast Beats Parts, die einem die Luft nehmen, wechseln sich mit doomigen Stellen ab, die einen wiederum erdrücken.
Im Vergleich zu den nicht ganz unähnlichen Ad Nauseam und Devoid Of Thought vor zwei Jahren, erscheinen mir Carcinoma noch eine Spur unzugänglicher. Songs, die sich beim ersten Hören erschließen? Diese Hoffnung muss ich dir nehmen, Bruder (und Schwester). Nach dem ebenfalls 35-minütigen Auftritt nimmt man eine Stimmung mit nach Hause. Eine Stimmung, in der man keine Liebesgedichte schreiben wird.

Leichter, aber wirklich nur im Vergleich zu Carcinoma – und der Fotograf sei von dieser Feststellung ausdrücklich ausgenommen – machen es einem Abyssal. Soweit ich das in der Dunkelheit unter den Kapuzen erkennen kann, sind der Gitarrist und Bassist von Carcinoma wieder am Start. Beim Schlagzeuger kann ich das nicht erkennen. Aber es gibt noch einen zweite Gitarristen, und einen proper stand alone Sänger Growler.
Kapuzen und kaum Licht erzeugen schon mal eine schön-düstere Stimmung. Die von Abyssal produzierte Musik passt bestens dazu. Es ist Death Metal mit einem sehr schwarzen Anstrich. Und das erste Mal diesen Abend gibt es, wenn auch nur in kurzen Momenten, im klassischen Sinne „Melodien“. Diese kommen von den tremolo-gepickten Gitarren, und bevor man „kommerzieller Ausverkauf“ nur denken kann, sind sie schon wieder weg.

Vom Sänger gibt es keine Melodien. Gegrowle mit Gesten unterstrichen, die vermuten lassen, dass da wohl Unschönes verkündet wird. Eingängiger als die anderen Bands, ist hier wirklich nur in Relation zu verstehen. Auch das ist Musik, die aufs Gemüt zielt. Abyssal warten ebenso mit irrsinnig schnellen Blast Beats auf, und haben gleichzeitig doomige Parts, die einen in den gottlosen Morast hineinziehen wollen. Als Stimmungs-Enhancer benutzt die Band zusätzlich aber auch Samples.
Diese bauen meist unheilvolle Soundkulissen zwischen den Songs auf. Interessanterweise werden sie manchmal aber in die Songs mitgenommen, und verstärken sogar noch die eh schon düstere Stimmung der Musik. In einem anderen Song hingegen läuft ein sich wiederholendes Klavier-Motiv das ganze Stück hindurch. Wirkung? Zu düster gesellt sich verstörend hinzu. Stimmungsmäßig changiert das Konzert zwischen „einem okkulten Ritual beiwohnen“ und „einer fremden Entität bei etwas Ungutem beobachten“. Zu Recht der Headliner des Abends. Eines wohltuend anstrengenden Abends.
