LAIBACH, 19.05.2026, Manufaktur, Schorndorf

Mehr als Musik: Laibach erschaffen ein ironisches, hochkomplexes Gesamtkunstwerk zur Zeit, das überwältigt. Eine theatralische Performance, die weit über das Prinzip des Rockkonzerts hinausreicht.
Laibach ist mehr als eine Band, Laibach ist ein Kunstprojekt, das weit über das rein Musikalische hinausreicht. Es ist ein Projekt, das sich zwischen den Spannungsfeldern Musik, freier Kunst und gesellschaftspolitischer Aktion bewegt. Entsprechend wichtig ist es meiner Meinung nach, Laibach über rein musikalische Aspekte hinaus zu betrachten und zu besprechen.

Laibach gründeten sich 1980 in Slowenien und wurden 1984 Teil des neu gegründeten Kunstkollektivs „Neue Slowenische Kunst“, zu dem auch bildende Künstler und Theaterprojekte gehören. Bewusst wählten sowohl das, alles umfassende Künstlerkollektiv, als auch die Band, ihre Namen in deutscher Sprache. Die Künstler*innen begründen diese Namensgebungen damit, dass Slowenien sehr lange unter deutschen Hegemonialmächten stand, seien es die K. u. K.-Monarchie, oder Nazideutschland gewesen, und die spätere Verdrängung eben dieser Vorherrschaften: „Wir wählten diese (deutschen) Namen, da niemand über unsere redete, eine Vergangenheit der deutschen Hegemonie und Okkupation.“
Das Auftreten der Band wurde immer wieder kontrovers diskutiert und sorgte für Proteste, was zu Auftrittsverboten im ehemaligen Jugoslawien bis 1987 führte. Für Irritationen sorgt bei oberflächlicher Betrachtung, das martialische Auftreten Laibachs, in Verbindung mit einer Ästhetik, die man durchaus als faschistoid bezeichnen kann. Diese totalitär anmutende Symbolik, gepaart mit subversiver Ironie, dient im künstlerischen Kontext der Band der Hinterfragung von Macht und Ideologie (und der Austauschbarkeit von Totalitarismen, seien diese faschistischer, oder kommunistischer Natur) und der Dekonstruktion eben dieser Mechanismen, ebenso wie der Hinterfragung politischer Systeme.

Dass der Kunst Laibachs die Ablehnung autoritärer Systeme immanent ist, zeigt sich an der Verwendung des suprematistischen Kreuzes von Kasimir Malewitsch, das die Musiker immer wieder als Armbinden getragen haben, da im Suprematismus eine Befreiung der Kunst von politischer Vereinnahmung gefordert wurde, einer Befreiung von politischer Unterdrückung. Musikalisch waren Laibach stark im Industrial, Dark-Wave und der Electronic Body Music zu verorten. Musikstile, die in ihrer kühlen Bombastik und den mechanischen Rhythmen ebendiese Topoi musikalisch kongenial zu transportieren vermögen.
Mit ihrem neuen Album „MUSICK“, das am ersten Mai dieses Jahres erschien, beschreiten Laibach neue Pfade, werden poppiger, und benutzen sogar Auto-Tune. Sie setzten sich mit der allgegenwärtigen Reizüberflutung auseinander, mit der grassierenden Belanglosigkeit der leicht zu konsumierenden Popkultur. Eine Popkultur in der Utopien keinen Platz mehr haben, die zur Sedierung des Konsumenten verkommen ist und überwiegend rein kommerzielle Interessen bedient.

20.45 Uhr: schrilles Geläut der Theaterglocke, Präludium. Projektionen erscheinen, schlagzeilengleich und zum Teil als Handlungsanweisungen zu verstehen:
„Thanx To The Algorithm“
„Participation Is Mandatory“
„If You Feel Uncomfortable, It’s Okay, We Are Laibach“
Clubbige Technobeats füllen die Manufaktur aus. Auftritt Band und Milan Fras, tosender Applaus.

Der erste Song „Musick“ ist ein abgründiges, ambiges Stück Pop, cheesy Vocoderstimmen und verstörender, kehliger Sprechgesang. „Music Is A Danger Zone“ wird intoniert, der Background-Gesang von der Videoprojektion kommend, inklusive Tänzerinnen im European-Song-Contest-Style und einem Leuchtstäbeballett, auf der Bühne. Was für eine ironisch überzeichnete Performance, willkommen in der Disco der Absurditäten.

Laibach dekonstruieren die durchkapitalisierte Popkultur unserer Gegenwart, eine Kultur der Oberflächen und der Oberflächlichkeiten, eine Kultur, die den Optimierungs- und Vermarktungswahn des Neoliberalismus bedient. Musikalisch wird uns ein Amalgam aus utopistischem Kraftwerk-Sound, dem Hyperpop einer Charlie XCX und dystopischem Industrial dargeboten. Die Bühnenperformance zum Track „Love On The Beat“ ist ein Spiel mit sexuellen Stereotypen und der Kommerzialisierung des weiblichen Körpers.

„Resistencia“ ist Paradestück des Eklektizismus: Akustische Gitarrenklänge und Balkanbeats treffen auf Gregor Strasbergars lateinamerikanischen Auto-Tune-Gesang, dem Milan Fras’ düster narrativer Gesang über Blitzkrieg gegenübersteht. Die Gesichter der Tänzerinnen von Helmen verdeckt, die an Squid Game erinnern, dem südkoreanischen Netflix-Megaerfolg, über Entmenschlichung im entfesselten Kapitalismus. Dazu fröhliche Handclaps und Copacabana-Rhythmen: Mit realitätsverdrängender Lebensfreude feiern wir am Abgrund.

Der Auftritt Laibachs ist ein multimediales und audiovisuelles Gesamtkunstwerk der sensorischen und intellektuellen Überforderung, frei nach dem Motto populistischer Akteure: Flood The Zone With Shit. Nur hier, im Laibach’schen Kunstkosmos, als grandiose Reflexion und Abrechnung. Dazu Projektionen:
„Slavic Band Replaces Bad Bunny From Charts“
„Meta Ironie Is When You Don’t Know“
„Bono On Laibach: I Don’t Get It“
„Keep It Real“ ist eine wahnwitzige Mischung aus K-Pop-Elementen und rotzigem Elektropunk und Billy Idol-Zitaten (Flesh For Fantasy) und Textzeilen wie

„Upgrade Your Face“
zum absurden Wahn der vermeintlichen Optimierung des Körpers mit solch irrwitzigen Auswüchsen wie den comichaft aufgespritzten Duck-Lips, die von den beiden Performerinnen mimisch persifliert werden.

Ich muss gestehen, es ist schwierig, das hier Erlebte in die richtigen Worte zu fassen, zu komplex ist das, was man sieht und hört, die unzähligen (pop)kulturellen Verweise, multiplen Kontextualisierungen die sich ergeben, die Betrachtungen zu den Absurditäten und Gefahren unserer Zeit. Und hier zeigt sich die Kunst von Laibach: Sie schaffen es, sich immer einer eindeutigen Aussage zu entziehen, sie bleiben schwer greifbar im Ambigen, sowohl im Performativen, als auch im Musikalischen. Sind die Performances und Sounds als Persiflage zu trashig oder nicht? Laibach lassen uns im Unklaren, und das ist gut so!

Und verwirrend geht es weiter: „Warm Up“, die Performerinnen mutieren zu Workout-Instructors, and we are ready to have some fun! Wir machen uns fit für das, was kommen mag, sind gewappnet und widerstandsfähig für die Anforderungen des Alltags und für den nächsten Song: „Allgorythm“, die Determination unseres Seins, und Milan Fras ist der stoische Zeremonienmeister.

Die enthemmte Freude des kollektiven Workouts wird verdrängt von einem harten, militärischen Technomarsch im „Laibach Medley“, zu dem auf der Leinwand ein dystopischer Aufmarsch von faschistischen und sozialistischen Sturmtruppen stattfindet. Die antagonistischen Systeme machen sich bereit zum bevorstehenden Konflikt.

Laibach geben die verstörend surreale Party zur Apokalypse, die treibenden Beats wummern hypnotisierend. Mir kommt Neil Postmans Essay „Wir amüsieren uns zu Tode“ in den Sinn, in dem er bereits 1985 beschrieben hat, wie Gesellschaften, bedingt dadurch, dass Leitmedien politische und öffentliche Dikurse immer mehr zur Unterhaltung degradieren, ihre Urteilskraft verlieren.
„No Justice
No Peace
CCTV
Big Brother Is Watching You“
(aus Laibach Medley)

Die Warnung Laibachs vor Orwells prophetischer Vision. Wir sind nah dran: Thiel, Karp, Palantir und Transhumanismus. „Das Göttliche Kind“ mit göttlicher Intelligenz zum Übermenschen, akustisch kongenial transportiert durch Dubstep und überhöhte Vocodertöne in fast schon quälender Langsamkeit. Wohin führt unser Weg? Laibach entlarven in dieser monumentalen und verstörenden Musik- und Kunstperformance den Weg zur Autokratie. Gesäumt von dekadenten und weltentrückten Après-Ski-Partys mit K-Pop-Sounds und Festzelttänzen in Lederhosen, wie im zuvor gespielten Song „Singularity“.

„Make Your Own Kind Of Music“ gibt Hoffnung mit organischen, geradezu klassisch anmutenden Klängen aus dem Analog Synthesizer. Machen wir also unsere eigene Musik, singen unsere eigenen Songs.
„We don’t mind, is this the future we want?“ fragen Laibach im Track „Faith No More“, eingebettet in einer Klangmixtur aus cheesy Soundpatterns und brachialem Industrial.

Postludium:
„Musick Remix“, Laibach entlassen uns tanzend in die Absurdität unserer Zeit.
Abspann.
„Music Is The Food Of Love“
(Shakespeare)
Ich verabschiede mich frei nach Brecht:
„Der Vorhang fällt und viele Fragen offen“
Ein Konzert das lange nachhallen wird, ich bin überwältigt.


Ganz tolle Konzertkritik eines Konzerts, das mich ziemlich verwirrt und reizüberflutet zurückgelassen hat. Danke für die Hilfe meine Gedanken zu entwirren.
Wunderbare Einordnung. „Wir amüsieren uns zu Tode“ ist eine sehr gute Referenz.
Mir fehlten dann doch die Klassiker, die lLaibach groß gemacht haben, aber es ist auch verständlich, diese in der Konzeptshow nicht unterbringen zu wollen.
Ich denke ich verstehe das Konzept, das wurde in dem Artikel auch gut herausgearbeitet. Leider opferten Laibach dieses Mal die Hörbarkeit gänzlich der Message. Auch bei Laibach möchte ich mit Spaß hören und nicht mit Schmerz bzw. noch schlimmer, mich langweilen. Da die Setlist im Wesentlichen aus der neuen Platte zusammengestellt war, empfand ich dieses Laibach-Konzert, bei aller visueller Überwältigung als enttäuschend und eher langweilig…Aber so sind Laibach…und sie werden sicher mit einem tollen neuen Programm wiederkommen (hoffe ich;-)