PRIMITIVE MAN, KOLLAPS, PTHUMULHU, 05.05.2026, P8, Karlsruhe

Das war sie. Ich habe es gefühlt. Kein Zweifel. Die Grenze dessen, was ich an musikalischer Extremität imstande bin mir anzuhören. Wagner-Opern und Schlager wären hinter dieser Grenze, zur Info. Drei Trios, nicht eine harmonische Klangfolge. Dass so eine musikalische Herausforderung nicht die Massen anziehen wird, war zu erwarten. Dementsprechend wird nur der vordere Teil des P8-Saals genutzt, der Rest ist abgehängt. Schwarze Vorhänge, Publikum fast konsequent in komplett schwarzer Kleidung. Nur das durch das Hallendach dringende Tageslicht stört die auf totale Hoffnungslosigkeit getrimmte Stimmung.

Den Anfang machen Punkt 20 Uhr die Isländer Pthumulhu. So vermummt, dass man auch Molotow-Cocktails-Würfe von ihnen erwarten könnte, entscheiden sie sich aber für die musikalische Entsprechung dessen. In Zeitlupe. Unheilvollster Death-Doom, oder von mir aus Funeral-Doom, streckt seine kalten Tentakel in die Ohren des an solche Klänge gewöhnten Publikums. Das Ganze klingt für mich in diesen langsamen Passagen wie eine noch trostlosere (in a good way) Version von Winter. Ungewöhnlich ist die Instrumentierung. Neben dem Gitarristen und dem Drummer bedient der Sänger keinen Bass, sondern unterfüttert den Bandsound mit elektronischen Klängen, die alles andere als frohlockend klingen.
Die Intensität der Darbietung, verbunden mit der Tatsache, dass es auch kurze Blast-Beat Passagen gibt, macht den Auftritt für mich gut hörbar. Man muss halt verknusen können, dass es nicht eine einzige Harmoniefolge gibt, die sich irgendwie „wohlklingend“ auflöst. Aber in Anbetracht dessen was noch kommt, lautet das Fazit: So fröhlich kommen wir nicht mehr zusammen.

Denn: Gegen zehn vor neun betreten Kollaps die Bühne. Unterstützt von grissligen Schwarz-Weiß-Visuals gibt es jeglicher Positivität beraubten, noisigen Industrial. Hätte man sein Leben lang nur Schlager und Kirchenlieder gehört, und wäre nun in dieses Konzert gebeamt worden, wäre die erste Reaktion vermutlich ein hastiges „Jesusmariaundjosef“ samt Bekreuzigung gewesen. Danach panische Flucht.
Offensichtliches Ziel, das mit Bravour auch erreicht wird: Wohlfühlen soll man sich nicht. Nicht nur wir Publikum, auch die Musiker sollen leiden. Zu diesem Behufe zerdeppert Sänger Wade Black eine Bierflasche, um mit den danach sich zugezogenen Schnittwunden Quellen für rote Farbe zu haben, die er sich ins Gesicht schmieren kann. Großer Charismatiker auf jeden Fall. Muss das Geschneide sein? Discuss! Ich hoffe auf genügend antiseptische Mittel im Backstage für den guten Mann. Da meint es jemand auf jeden Fall ernst mit der Musik, und der Stimmung, die diese vermitteln soll.

Selbige – die Musik – besteht aus wummernden Bässen, mechanischem, simplen Gedrumme des Perkussionisten und Auf-das-Publikum-Eingeteufele des Sängers. Letzteres meist verzerrt, mit Feedback und sonstigen unangenehmen Geräuschen. Eine von Band und Publikum gemeinsam durchlittene Grenzerfahrung, so kann man es evtl. zusammenfassen. Nix für schwache Nerven, aber eindrücklich wie wenig anderes.
Die Umbauzeiten gestalten sich erfreulich kurz, der Sound bei allen Auftritten ist top. Das P8 ist in dieser Hinsicht, ebenso wie beim Booking, wirklich eine Bank. Die letzten Jahre durfte ich hier schon einigen herausragenden Bands aus dem Extreme-Metal Spektrum beobachten: Imperial Triumphant, Ad Nausaem, Black Curse, Oranssu Pazuzu. Dass nun eine Band, die eher eine beats per minute arme Musik spielen, mit zum Extremsten und schwer Verdaulichsten sein wird, was ich jemals gehört habe, trifft mich etwas unvorbereitet.

Primitive Man könnte man im Doom-Spektrum verorten. Heavy, langsam. Der gutturale Gesang könnte dafür sorgen, dass man die Band sogar dem Sub-Genre Death-Doom zuschlägt. So weit, so für mich noch kein Grund damit Probleme beim Hörverständnis zu haben. Die Zutaten, welche die Band aus Colorado so extrem machen, sind die ausgeprägte Dissonanz der Töne und der Noise, der vor allem von den frei klingenden Saiten der Gitarre erzeugt wird. Vielleicht ist es die heaviest mögliche Art Psychedelic zu machen, denke ich bei dem Gehörten.
Die Visuals sind hier im Gegensatz zu Kollaps bunt gehalten, aber nicht gefällig bunt. Eher so ein die Synapsen überfordendes Geflicker. Der Lautstärkepegel ist so hoch, dass auch meine Ohrstöpsel nur noch hilflos mit den Achseln zucken können. Die dritte Band an diesem Abend, deren Musik jegliche Hoffnung auslöscht. „Die wollen mich doch fertigmachen“, denke ich.

Kurze Momente, in denen ein fast konventionelles Riff zu hören ist, sind nur von kurzer Dauer. Brachiale Dissonanz führt meist das Zepter. Ich bin beeindruckt, merke aber auch, dass ich nach zwei Bands schwerst zugänglicher Musik an meine Grenze komme. Und eventuell ist es ja auch genau das, was die Musik erreichen will. Wieviel erträgst Du? Wie weit bist Du bereit zu gehen? Unter diesem Gesichtspunkt ist der Übergang dieses Abends zu einer Kunstinstallation fließend. Ein markerschütterndes Ereignis. Musik im tonalen Grenzbereich, was man aushalten kann. Sollte man dabei gewesen sein.
