RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart

RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

„Leben den Lebenden, Liebe den Liebenden und ein ‚Yeah‘ für alle innerlich lebendig gebliebenen.“ Rainer von Vielen und Orange machen aus dem „Tanz in den Mai“ wieder eine mitreißende Party.

Ein kurzer Blick in meine ewige Konzertliste zeigt: Rainer von Vielen gehört zu meinen meistgesehenen Bands. Heute ist das dreizehnte Wiedersehen. 2006 war die Premiere in den Wagenhallen, damals in Kombination mit And.Ypsilon und seltsamerweise auch mit Good Men Gone Bad, den unverwüstlichen Bluesrockern, mit denen er musikalisch irgendwie verbunden war. Außer in den Wagenhallen habe ich ihn an vielen Orten gesehen: In der Rosenau, im Keller Klub, im LKA, beim Henkersfest und jetzt auch im Wizemann. Das Doppelpaket zum „Tanz in den Mai“ mit seiner anderen Band Orange gibt es auch schon viele Jahre. 2011 habe ich bereits einmal darüber berichtet.

Nicht alle Konzerte waren gleich gut, aber in einer so langjährigen Fan-Beziehung geht man auch mal durch ruhigere Zeiten. Und während früher die Zuschauerzahlen kontinuierlich gewachsen sind, müssen wir heute eher eine kleine Abnahme verzeichnen. Das hat aber auch positiven Seiten: Der Club im Wizemann ist eher luftig gefüllt und die Anwesenden rekrutieren sich aus seiner treuen Fangemeinde. Entsprechend gut ist die Stimmung vom ersten Song an. Und genug Platz zum Tanzen gibt es auch.

RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Rainer Hartmann, so der bürgerliche Name des Allgäuers, startet den Abend wie gewohnt mit einem Intro aus Oberton- und Kehlkopfgesang. Eine Gesangstechnik, die quasi sein „Signature Move“ und dabei doch nur ein Aspekt seiner enormen gesanglichen Vielfalt ist. Vom Rap über Scat und Jodeln bis hin zu Falsett reicht sein Spektrum. Auch musikalisch ist das Dargebotene extrem vielfältig. Elemente aus Rock, Pop, Liedermacherei, Reggae, Ska, Techno, Volksmusik und Rap werden wild gemischt und dürften strengen Stil-Puristen ein „Gottseibeiuns“ entlocken. Er selbst nennt sein Genre „Bastard Pop“.

Die Band, bestehend aus Mitsch Oko an der Gitarre, Dan Le Tard am Bass und dem Orange-Drummer Jürgen Schlachter, musiziert mit sichtbarer Freude. Mitsch Oko ist praktisch seit den Anfangstagen dabei undgehört zu meinen Lieblingsgitarristen. Er spielt eine unfassbar variantenreiche Gitarre. Vom klassisch spanischen Stil bis zur Metal-Gitarre ist ihm nichts fremd und wird von ihm mit bewundernswert lässiger Virtuosität dahergegniedelt.

RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Einige Songs aus seinem aktuellen Album „Bergen“ hat Rainer im Programm, das erste Stimmungs-Highlight ist dann aber „Mein Block“, das unfassbar witzige Sido-Cover als Ländler, das mit allen möglichen Versatzstücken der HipHop-Geschichte angereichert wird. Spätestens mit „Niedermauern“ und „Großer Bla“ gibt es kein Halten mehr. Nahezu der ganze Saal tanzt und lautstark werden die wohlbekannten Texte mitgesungen. „Leben den Lebenden“ werden wir diesen Abend noch ein weiteres Mal hören, jetzt ist es der Opener für den Endspurt.

„Leben den Lebenden
Liebe den Liebenden
Und ein „Yeah“ für alle innerlich lebendig gebliebenen“

Ein Refrain, in dem sich jede:r heute Abend wiederfinden dürfte. Der offizielle Part endet mit seinem Hit „Tanz deine Revolution“. Und Reiner lässt sich nicht lange bitten, noch drei Stücke als Zugabe hinterher zu schieben.

RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Wer sich jetzt bereits voll verausgabt hatte – in der Pause sehe ich einzelne Besucher auf dem Boden liegen – hat den Abend falsch geplant. Denn nach einem kurzen Umbau steht Rainer wieder auf der Bühne, dieses Mal mit der Band Orange. Das Setup aus was zwei Percussion-Stationen, einem Schlagzeug, einem Dijeridoo und einem Elektronikpult deutet an, was uns erwartet. Extrem rhythmische und treibende Tanzmusik, die man vielleicht als „Organic Techno“, „Tribal Trance“ oder Goa beschreiben kann.

Alle Musiker sind in Weiß gewandet. Die Bühne ist meist in kräftiges, orangenes Licht getaucht, und die Atmosphäre im Saal hat sich komplett gewandelt. Sehr positiv ist, dass beide Arten von Musik ausgesprochen gut abgemischt sind und im hin und wieder etwas blechern klingenden Wizemann Club einen wunderbar kraftvollen und vielschichtigen Sound erzeugen.

RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Einzelne Songs spielen in diesem sich stetig steigernden Set keine große Rolle, auch die gelegentlichen Gesangs-Passagen scheinen einer Fantasiesprache zu entstammen. Ich war zwar noch nie auf dem Fusion-Festival, vermute aber, dass dieses Setup aus hypnotisierenden Natursounds, Barfuß-Tänzerinnen und Dreadlock-Trägern dort genau so vorzufinden ist. Die unselige und verkniffene Diskussion über „Kulturelle Aneignung“ haben viele der Anwesenden offensichtlich erfolgreich ausgesessen. Und hier wird im Kontext der Popkultur mal wieder eindrucksvoll vorgeführt, was für eine kraftvolle Mischung aus Elementen verschiedener musikalischer Kulturen ergeben kann.

Absolut bestaunenswert ist die enorme Leistung des – im Gegensatz zu uns – irgendwie nicht alternden Rainer von Vielen, der mehr als drei Stunden seine gesamte Energie in Tanz, Gesang und Musizieren legt. „Leben den Lebenden“ ist auch im zweiten Teil ein Highlight und kurz nach Mitternacht bin ich mir fast sicher, dass wir die Kombi aus diesen beiden Bands nächstes Jahr am gleichen Datum wieder in Stuttgart sehen werden.

RAINER VON VIELEN, ORANGE, 30.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Setlist Rainer von Vielen

Oberton
Bergauf
Euphorie
Kater Komm
Divan
Mein Block
Wenn die Welt untergeht
Wenn wir wieder werden
Wilde Fahrt
Du und Ich und Alle
Niedermauern
Großer Bla
Leben den Lebenden
Empört euch
Plan X
Tanz deine Revolution

Techno Scatt
Geburtstagslied
Dem Gefühl

Rainer von Vielen

Orange

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