MAX RAABE & PALAST ORCHESTER, 28.04.2026, Liederhalle, Stuttgart

Ganz selten geht es beim Gig-Blog wild durcheinander, trotz gemeinsam geführtem Kalender: Eigentlich will ich am Montag über „Ein Experiment“ von Maeckes im Goldmark’s berichten. Aber Fotograf Holger wird nicht zugelassen, da der Künstler lieber ein kleines Geheimnis aus dem Abend macht (Es war tatsächlich geheimnisvoll schön! Danke!).
Am selben Abend stehen Sebastian und Fotograf Oliver zwar pünktlich vor der Liederhalle, aber Max Raabe & Palast Orchester treten erst am Dienstag auf! Glück für mich, denn so kann ich am tatsächlichen Termin den besten Platz im Konzerthaus am Berliner Platz in Anspruch nehmen. Dieses Mal gilt das Frei-Ticket zwar nicht für die Loge, wie vor 15 (!) Jahren bei Thorsten, aber ich weiß jetzt schon, dass mir auch aus Reihe 8 nichts entgehen wird in den kommenden zwei Stunden.

Golden glänzen die perfekt polierten Instrumente auf der großen Showtribüne auf der Bühne des Beethoven Saals und greifen die künstlerische Gestaltung an den Betonwänden perfekt auf. Das Palastorchester wird hier gleich links und rechts hinter klassischen Big Band-Noten-Pulten sitzen, in der Mitte thront das pompöse Percussion-Set, vorne steht der große schwarze Flügel und davor das Vintage-Mikrofon für Max Raabe.
Die Damen hinter mir plaudern noch über den letzten Ausflug ins Breuningerland, da betritt eben jener unter großem Applaus die Bühne. Die Haare perfekt nach hinten gegelt, im schwarzen Samt-Sakko, natürlich mit Lackschuhen. In ballettartiger Pose, ein bisschen in die Höhe gereckt und gleichzeitig ganz leicht vom Mikrofon weg gedreht, beginnt er den Abend mit „Nochmal von vorn“ vom Album „Wer hat hier schlechte Laune“.

Piano, sieben Bläser, eine Geige, Schlagwerk, Gitarrist und Bass, den Bernd Dietrich abwechselnd auf dem Kontrabass oder Sousaphon spielt, bilden den absolut makellosen Sound zu Raabes Gesang. Teilweise stehen die Mitglieder dieses Orchesters seit 40 Jahren gemeinsam mit ihm auf der Bühne. Da braucht es auch keinen Band-Leader, die Verständigung funktioniert blind – oder ich sehe die Queues und Taktvorgaben einfach nicht. Das wirkt zumindest für mich als Erstbesucherin nicht wie ein Pflichtprogramm, sondern alle haben offensichtlich Spaß aneinander und am Musizieren von südamerikanischem Bossa bis Berliner Schlagerschnulze.
Der ikonische Sänger Raabe lässt seinem Palastorchester viel Raum, schon allein dadurch, dass der Licht-Spot auf ihn wirklich nur angeht, wenn er singt. Geht es nur um die Musik, verschwindet er scherenschnittartig im Dunkeln, lehnt bei längeren Passagen mal ein bisschen am Flügel, um dann wieder auf die Sekunde genau einen kleinen Schritt nach vorne zu treten, in den hellen Kegel. Das Bühnenlicht ist insgesamt sehr warm und weich und schmiegt sich an die hölzerne Saaldecke. Hinter dem halbtransparenten Vorhang hinter der Band tauchen später noch drei große Videoleinwände auf, die mit allerlei Kuschligem und Flauschigem, aber insgesamt eher zaghaft bespielt werden.

Sind wir noch im Jahr 2026 oder längst in der Zeit zurückgereist? Und trifft Raabe immer mit Absicht diese klitzekleine Nuance neben den Takt, damit ich denke, es wäre ein uraltes Radio zwischen mir und ihm, obwohl er doch da vorne auf der Bühne steht? Die musikalische (Retro-)Magie ist jedenfalls perfekt.
Das Gefühl einer Radiosendung zu folgen entsteht auch durch die Moderation zwischen den knackigen Songs. Raabe nennt Komponist*innen und Texter*innen, aus welchem Jahr das nächste Lied ist. Viele Songs dauern dann – wie bei jedem guten Punk-Konzert – lediglich kurzweilige zweieinhalb Minuten, denn auf den in den 20er und 30er Jahren verwendeten Schellack-Platte, betrug die Abspielzeit insgesamt gerade mal 5 Minuten! Und so geht es munter von Gassenhauer zu Gassenhauer, voller Liebe, Leidenschaft, dem Fahrradfahren „und Topfpflanzen“, wie der Bariton bereits zu Beginn ankündigte.

Diese besungenen Kurzgeschichten sind purer Eskapismus. „Ich küsse ihre Hand, Madame“ und „Wenn ich Liebe brauche, geh ich zur Pauline“ im ersten Teil des Abend stammen von Fritz Rotter. Sie sind perfekte Beispiele dafür, womit die Menschen in Deutschland in den „goldenen Zwanzigern“ und den 1930er Jahren zwischen zwei Weltkriegen, bei maximaler politischer Instabilität und aus beidem resultierender großer Armut in der Bevölkerung, die Sorge in den Köpfen beim Tanzen und Mitträllern ausgeschaltet haben. Bis die Nazis am Ende dieser swingenden Ära an die Macht kamen und die Erschaffer dieser „Liedchen“ sehr schnell ins Visier nahmen: Auch Fritz Rotter, nicht nur Schlagertexter, sondern gemeinsam mit seinem Bruder Alfred wichtigster (jüdischer) Theaterbetreiber Berlins mit 1300 Angestellten, stirbt 1939 mit gerade mal 51 Jahren in Gefangenschaft der Nationalsozialisten in Frankreich.
Diese Geschichte ist freilich nicht offizieller Bestandteil des Abends, aber es lohnt sich, den ein oder anderen genannten Namen selbst nochmal zu recherchieren. Wie ich zum Beispiel bis gestern auch nicht wusste, dass „What a Difference a Day Makes“ bereits aus dem Jahr 1934 stammt! Es gibt viel Interessantes im Internet nachzulesen, auch wenn Max Raabe mehrfach sehr pointiert gegen Digitalisierung, Smartphones und die sozialen Netzwerke stichelt (was ich ihm nun wahrlich nicht verdenken kann).
Die Musiker*innen wechseln den ganzen Abend über fleißig die Instrumente und die Aufgaben: Sie begleiten Raabe beim drei- und vierstimmigen A-cappella-Gesang, zum Beispiel bei „Mein Herz sagt leise ich liebe dich“. Die Trompeter tauchen zu „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“ buchstäblich ab. Ian Wekwerth spielt bei „Côte d’Azur“ statt des Flügels ein rotes Akkordeon. Cecilia Crisafulli wird von der Violinistin zu Raabes Tanzpartnerin und sogar Teil eines charmanten Bühnentricks.

Das Publikum honoriert jeden Gag, jede kluge Bemerkung und jeden Song mit überschwänglichem Applaus und ist gleichzeitig mucksmäuschenstill, wenn die Musik spielt. In der Pause schiebt eine dicke Comic-Hummel, Namensgeberin der aktuellen Raabe-Platte und dieser Tournee, wie bei einem Abspann im Kino die Namen aller Beteiligten an dieser perfekten Produktion über die Videoleinwände. Max Raabe macht hier nichts allein, auch wenn er im Mittelpunkt steht, sondern es klappt nur gemeinsam mit dem Palastorchester.
Und natürlich gibt es auch einen Kostümwechsel für alle: Im zweiten Teil des Abends kommt Raabe im klassischen White Tie-Smoking nach vorne, die Band trägt jetzt Weiß und startet mit fettem Big Band-Sound nochmal richtig durch. Nach „Ich brech die Herzen der stolzesten Frauen“ mit dem Text von Bruno Balz, dem palastorchestereigene „Du stehst nicht im Adressbuch“ wird für das operettenhafte „Salomé“ nochmal in die volle Trickkiste gegriffen.

Ein Abend wie Gold ist das, um den vom Max Raabe & Palastorchester geschaffenen Titelsong der Serie „Babylon Berlin“ zu zitieren. Beschwingte, fröhliche Unterhaltung mit einem super streng und durchaus unnahbar wirkenden Frontmann, der trotzdem alle mitnimmt und am Ende des ausgiebigen Zugabenblocks – inklusive des kleinen grünen Topfpflanzenkaktus – nicht nur die Instrumente, sondern auch das begeisterte Publikum mit einem Gute-Nacht-Liedchen ins Bett schickt.

Und schon ist es passiert: „Fritz Rotter ist nicht zu verwechseln mit dem in den 20er Jahren in Berlin erfolgreichen Textdichter gleichen Namens.“ Der richtige Fritz Rotter ist dieser hier und lebte bis 1984. https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Rotter Nun denn, ich lass das jetzt so (siehe oben).