MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Ein Abend, der anders verläuft als geplant: Statt bei Max Raabe landen wir zufällig bei Michael Schulte und entdecken zwischen Fanliebe, leisen Tönen und großer Stimme eine überraschende Geschichte über Beharrlichkeit und Erfolg.



Dieser Text beginnt mit einem Transparenzhinweis. Eigentlich wähnte ich mich bei Max Raabe, der für diesen Montag in meinem Kalender steht. Beim Erreichen der Liederhalle erwarte ich also Menschen in Charleston-Kleidern, in Smoking und Frack. Oder zumindest welche, die das eine vom anderen unterscheiden können. Stattdessen entdecke ich erstaunlich „normal“ gekleidete Menschen. Viel Jeans, viel Sneaker, alle Altersklassen. In keiner Weise bemerkenswert, wäre da nicht die Abweichung von der Erwartung. Wer an dieser Stelle den Text zu Max Raabe erwartet, sei an den fabelhaften Text von Britta verwiesen. Alle anderen kommen mit Fotograf Oli und mir in den Mozartsaal und erfreuen sich an Michael Schulte.

Die freundliche Dame an der Kasse reicht uns zwei Tickets, obwohl wir für dieses Konzert gar nicht auf ihrer Liste stehen. Ich muss ehrlich sein, Oli und ich blicken uns höchst fragend an. Denn zum einen realisieren wir erst jetzt, dass wir einen Tag zu früh dran sind, zum anderen haben wir keine Ahnung, wer Michael Schulte ist. Wir lächeln unseren Fauxpas weg und entscheiden, uns auf diesen Abend einzulassen.

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Bei Eintreten in den gut gefüllten Saal steht da eine kleine Gruppe, die sich vor der Bühne mit einem Banner fotografiert. Oli, der seiner Chronistenpflicht sofort nachkommt und die Szene festhält, wird von einer lebhaften Frau mit blonden Locken angesprochen, die sich aus der Gruppe löst. Petra koordiniert die Fan-Arbeit und reist Michael seit seinem Durchbruch hinterher. In London sei sie schon für ihn gewesen, als er dort als Pre-Act gespielt hat. Und als er mit Rea Garvey auf Tour war, sei sie danach als einzige zu Michael gestürmt. Wir bitten sie, von vorn zu beginnen und gestehen, dass wir keine Ahnung haben, wo wir hier eigentlich gelandet sind. Petra hilft von Herzen gerne.

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Michael Schulte wird 1990 in Eckernförde geboren. Seine Geschichte beginnt in den Nuller-Jahren, als das Internet noch jung ist und ein Versprechen aussendet, das Goldgräber auf der ganzen Welt vor die Laptop-Kameras lockt. Michael lädt Coversongs auf YouTube hoch. „Zombie“ von den Cranberries, „Hurt“ von Johnny Cash, „Sailing“ von Rod Stewart. Aber auch Stücke von Bruno Mars oder Adele, in denen seine starke Pop-Stimme besser zur Geltung kommt. Die Videos kann man sich noch immer ansehen. Ein schüchterner Junge mit langen Locken, der einfach nur Musik machen will. Die Videos sind schwarz-weiß. Ansagen macht er nicht, er sitzt einfach da, mit Gitarre und Mikro und einer großartigen Stimme, die allerdings wohl ein bisschen zu glatt klingt, um heute noch Erfolg mit dieser Art Videos zu haben. Doch mit jeder Aufnahme wächst eine kleine, treue Fangemeinde, geschürft aus Beharrlichkeit und der Überzeugung, Menschen mit dieser Stimme zu erreichen.

Der nächste Schritt führt ihn ins Fernsehen, zu „The Voice of Germany“. Plötzlich steht er nicht mehr allein vor einer Webcam, sondern im Rampenlicht. Seine Stimme, klar, verletzlich, bringt ihn bis ins Halbfinale. Doch der eigentliche Moment, in dem sich alles bündelt, folgt später: beim Eurovision Song Contest 2018. In „You Let Me Walk Alone“ verarbeitet er den frühen Tod seines Vaters. Ein Lied über Abwesenheit und Weitergehen und über die seltsame Kraft, aus Verlust Verbindung zu schaffen. Als sie all das erzählt, merkt man Petra an, dass ein Stück dieses Weges auch ihrer ist und dass sie diese Geschichte nicht zum ersten Mal erzählt, denn sie bricht förmlich aus ihr heraus.

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Dann betritt die Band die Bühne. Michael sitzt im Zentrum. Ein großer Mann mit breiten Schultern, die Locken fallen ihm ins Gesicht, als säße er noch in seinem Kinderzimmer vor der Kamera. Neben ihm drei Profimusiker, Gitarre, Piano und Drums. Allesamt sympathisch und unauffällig, reden nur wenn sie gefragt werden. Ich bin ehrlich: Als Mitglied einer Band sehe ich die Entwicklung hin zu Solokünstlern eher kritisch, die im Netz groß geworden sind und mit Musikern, die sich hinter der Abfassung „und Band“ verbergen auf Tour gehen. Zudem ist „Voice of Germany“ nicht unbedingt meine Art, Musik zu erleben. Entsprechend lasse ich Michael viel Raum für positive Überraschungen und kann gleich vorwegnehmen, dass er ihn gut zu füllen weiß.

Das Konzept des Abends lautet „Sanfte Töne, besondere Orte“ und erinnert an Formate wie MTV Unplugged, an diese Idee, dass durch Weglassen eine besondere Nähe entsteht. Die Songs sind gut arrangiert. Nichts drängt sich auf. Zwischen den gut eingespielten Musikern entsteht ein Raum, in dem sich Nuancen ausbreiten können.

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Der musikalische Stil bewegt sich zwischen Pop, Rock und Folk. Manchmal erinnern die Arrangements an Coldplay, manchmal an Mumford & Sons, speziell in den Stücken, die vom Banjo begleitet werden. Oft beginnen sie leise. Ein Ton auf der Gitarre, eine Taste auf dem Klavier, ein fragiler Moment. Gelegentlich schieben sich sanfte elektronische Elemente darunter, Beats, die atmen und treiben. Ein sorgfältig austariertes Gleichgewicht: genug Reduktion, um Nähe zuzulassen, genug Produktion, um Weite zu erzeugen. Und immer im Zentrum: Michaels Stimme, die durch die intimen Songs tragen.

Seine Texte folgen einer stringenten Idee: Klar, direkt, oft autobiografisch. Es geht um Familie, um das, was fehlt, und um das, was bleibt. Um Beziehungen, die sich verändern, und um die Verschiebungen im Inneren. Große Worte scheint er zu meiden. Stattdessen findet er einfache Bilder, die sich festsetzen, weil sie irgendwie echt wirken. So entsteht ein musikalisches Universum, das beides kann: ganz nah sein und gleichzeitig weit klingen.

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Die Stimmung ist oft melancholisch. Ein Blick zurück, der mal schmerzt, mal versucht zu verstehen. Doch darin liegt immer auch etwas Helles. Wo es den Songs nicht gelingt, positive Stimmung zu verbreiten, schafft es Michael selbst. In seinen Ansagen ist er nahbar und sympatisch. Gut vorgetragene Anekdoten, kleine Gags. Es geht um seinen Weg, um das Hinfallen und Aufstehen und immer auch um einen Mann, der nicht anders kann, als an seinen großen Durchbruch zu glauben. Diese Geschichte vom beharrlichen Arbeiten, vom Glauben an die eine große Chance, vom Aufstieg zum echten Musiker, haben wir schon von Petra gehört. Und sie zieht sich durch den ganzen Abend, denn letztlich ist es eine Retrospektive einer Karriere, die vor allem um sich selbst kreist. Ein wenig habe ich das Gefühl, dass Michael sich vor allem selbst überzeugen muss, dass er jetzt tatsächlich ein Musiker ist, denn im Publikum, das ihm treu ergeben ist, scheint das niemand infrage zu stellen.

MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Unter frenetischem Applaus und Standing Ovations verlässt die Band die Bühne. Dass er im Internet groß geworden ist, merkt man auch dran, dass da keine Fans sitzen, sondern Follower, die Michael in der Tat überall hin folgen. Wenn’s sein muss auch nach London. Zunächst aber harren sie für die Zugabe aus. Da sitzt Michael allein auf dem Barhocker mitten auf der Bühne und spielt eines der Cover, das ihm damals die Tür geöffnet hat: „Creep“ von Radiohead. Er trifft jeden Ton, legt ein wenig mehr Dynamik in diese Zeilen als das Original, schmückt den Song mit Verzierungen aus. Dieser Song steht ein wenig sinnbildlich für Michaels Weg. Dieser emsige Arbeiter, der so beständig versucht, noch ein wenig mehr für seinen Erfolg zu tun. Und dabei fast zu übersehen scheint, was er schon geleistet hat. Und so mag man ihm zurufen, dass das alles schon sehr gut ist, was er da macht. Dass er auf das Erreichte stolz sein darf und auch mal einen Bruch in dieser perfekten Geschichte vom aufstrebenden Musiker zulassen darf. Da fehlt etwas die Gelassenheit, die Selbstsicherheit, vielleicht auch die Selbstironie. Das scheint der Punkt zu sein, an dem er sich noch ein Beispiel nehmen könnte an den ganz Großen, sagen wir mal an Max Raabe. Denn ein Smoking würde Michael sicher auch gut stehen. Ein Frack täte es zur Not auch.

Ein Gedanke zu „MICHAEL SCHULTE, 27.04.2026, Liederhalle, Stuttgart

  • 30. April 2026 um 19:38 Uhr
    Permalink

    Bin besagte Petra und finde, dass das eines der besten Konzertberichte seit Jahren ist. Völlig unvoreingenommen auf das was da kommt, habt ihr es hervorragend verstanden Michaels Werdegang und musikalisches Tun nachzuempfinden und wiederzugeben.
    Er ist es wert gehört zu werden.
    Danke!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.