MARC-UWE KLING & SEBASTIAN LEHMANN, 22.04.2026, Theaterhaus Stuttgart

Von Eltern und Kängurus – Marc-Uwe Kling & Sebastian Lehmann im Theaterhaus Stuttgart
Zwei Autoren, (k)ein Zufall und ein Theaterhaus, das aus allen Nähten Platz, um uns für kurze Zeit die realpolitische Schwere von den Schultern zu nehmen und: Was Staubpartikel mit Rebellionen im Alltag zu tun haben.
Marc-Uwe Kling und Sebastian Lehmann, mittags um 16:30 Uhr. Abendprogramm vorgezogen. Wobei – eigentlich ist das ja kein Abendprogramm, es sollte Alltagsprogramm sein. Ein Über-den-Alltag-lach-Programm.
Kling, der uns den Schmerz der realpolitischen Situation kurz vergessen und uns Tränen dabei lachen lässt. Und Lehmann, der uns vor Augen hält, wie viel Situationskomik selbst das Gespräch mit den Eltern haben kann, die ununterbrochen übergriffig sind und dabei denken, dass es doch nur gut gemeint ist. Somit auch eine Art Anleitung zur Bewältigung des Alltags.
Oh, beim Schreiben entdecke ich eine Verbindung zwischen den beiden. Känguru und Eltern: Sie meinen es ja nur gut – auf liebevoll garstige Weise. Aber zum Anfang. Dieser Termin kam zustande, da die Abendvorstellung im Theaterhaus innerhalb kürzester Zeit komplett ausverkauft war. Also – zweite Vorstellung, 16:30 Uhr. Spoiler: auch ruckzuck ausverkauft.

Ein Kaffee, kein Kaffee
Claus und ich entschieden das mit dem Besuch der Lesung bei Janka im Buchladen, Pörksens Buchladen. Ich hatte gerade das neue Buch von Kling entdeckt und brüllte: „WAS? ‚N neues?“ Janka: „Ja, und er kommt! Ich mach den Büchertisch.“ Janka ist in Stuttgart meine Lieblingsbuchdealerin. Bei ihr gibt es richtig guten Kaffee, an dem ich mir regelmäßig die Schnuffel verbrenne. Der ist so gut, dass ich das dafür in Kauf nehme, echt. Er hat sowas fruchtiges … Doch ich schweife ab.
Einen Tag vor der Lesung gab es sicher einen Sekundenbruchteil, in dem Janka es bereute, dort den Büchertisch zu haben – als sie kartonweise im Laden mit Büchern zugestellt wurde, die sie ja alle zur Veranstaltung karren musste.
Also. Ich eilte direkt nach der Arbeit zum Theaterhaus. So knapp, dass es für einen Kaffee vor der Lesung nicht mehr reichte. Wir – Claus mit seiner Kamera und ich – zischten winkend an Jankas Büchertisch vorbei, holten uns am Kartenschalter unseren Zutritt, ließen die Theke mit der Siebträgermaschine links liegen und spurteten die Treppe hoch an unsere Plätze. (Gebt in der Location dringend eure Rucksäcke ab, sonst müsst ihr nochmal zurück zum Anfang – so wie ich.)
Der Saal war gerammelt voll. Kein leerer Platz. Kling und Lehmann kamen um 16:36 Uhr auf die Bühne, das Publikum applaudierte begeistert, und die beiden strahlten zurück. Dass sie überhaupt gemeinsam auf der Bühne stehen, verdankten sie einem Zufall.
Irgendwann stellten sie nämlich fest, dass sich ihre Tourpläne in Stuttgart kreuzten – und die Überlegung lag nahe: Warum nicht einfach eine gemeinsame Veranstaltung draus machen. Kling liest aus „Die Känguru-Rebellion“, Lehmann aus verschiedenen Werken. Noch ein Grund, warum es zwei Vorstellungen brauchte und beide ausverkauft waren.

Blumenkohl, Notausgang, Bettwanzen, Psychotherapie, ausgemerzt
Der Bühnenhintergrund besteht aus Klinkersteinen, vor denen in gleichmäßigen Abständen sieben Stoffbahnen hängen, von unten in warmem Gelb angestrahlt. An zwei kleinen, mit schwarzen Hussen bezogenen Tischen nahmen die beiden Platz, je eine Leselampe davor, der Saal abgedunkelt. Das Deckenlicht erzeugt solch einen Winkel, dass man, wenn man richtig hinschaut, einzelne Staubpartikel durch den Raum schweben sehen kann.
Ich verliere mich kurz in einem davon – bis die beiden das Publikum auffordern, ihnen drei Wörter zuzurufen, aus denen sie parallel zur Veranstaltung einen Text schreiben wollen. Und das geht so: Während der eine vorliest, schreibt der andere eine Geschichte. Wechselt der Vorleser, muss Ersterer die Geschichte weiterschreiben. Und so weiter.
Das Publikum gibt sich Mühe: „Blumenkohl. Notausgang. Bettwanze.“ Ein viertes Wort wird nachgerufen: „Psychotherapie.“ Und da ist es dann auch schon, das erste Wort, das die politische Schwere etwas leichter werden lässt: „Ausgemerzt.“ Woraufhin Kling sagt: „Lieber ausgemerkelt als ausgemerzt.“ Ich kichere vergnügt vor mich hin und freue mich auf den kommenden Abend. Somit starten die zwei mit fünf, anstelle der zuvor geplanten drei Wörter. Beide weisen darauf hin, dass es aufgrund des straffen Programms keine Pause geben wird. Gottseidank kein Kaffee vorher, denke ich kurz. Ich hätte sicher auf die Toilette gemusst – und ohne Pause wäre das ein drastischer Abriss des wichtigen Inputs geworden.

Kling und Urs Spengli und der Di.Day.
Kling beginnt die Lesung mit dem Kapitel zu Urs Stängeli. Dufte Typ. Ich werde hier auf keinen Fall spoilern, sondern euch eher dazu verleiten, euch die Bücher von Kling und Lehmann zu Gemüte zu führen. Es sei denn, ihr kennt die Bücher schon: dann bitte direkt über Los, ohne etwas einzufordern, und direkt zum Di.Day. Also bereitet die Rebellion mit vor.
Es geht in gewohnter Kling’scher Art weiter – mit viel bekanntem Humor. Ein Seelenpflaster für so manche politisch aktive Person. Kling schaffte es mit Urs Spengli diverse KIs hinters Licht zu führen, indem er ihn erfand. Sein erstes gelesenes Kapitel erntet tosenden Applaus. Dann lenkt er die Aufmerksamkeit auf Lehmann. Sebastian gibt das, woran er bisher zu den eingangs reingerufenen Begriffen schrieb, an Marc-Uwe weiter und beginnt seinen Part.
Er kommt aus Freiburg, wohnt heute in Berlin, wie Kling. Damit er die Eltern nicht allzu häufig besuchen muss, telefoniert er regelmäßig mit ihnen – und davon handeln auch seine Bücher: Sie sind Protokolle der Telefonaten mit seinen Eltern und vielen weiteren Personen aus seinem sozialen Umfeld.
Und das geht so: Die Eltern haben einen Satz Gutscheine gefunden. Gutscheine aus seiner Kindheit. Ja, genau – jene, die wir alle kennen, wenn wir mal wieder viel zu spät an die Geburtstage von Vater und Mutter dachten und kurzerhand unsere Dienstleistungen als Ausdruck unserer Liebe zum Geschenk erklärten. Lehmanns Eltern haben sich einen Anwalt genommen und fordern die Leistungen nun ein. Wie die Story ausgeht? Auch hier: Leset, so wird euch der Inhalt des Kapitels bald bekannt sein. Ich verrate nur so viel: Es ging um Candlelight Dinner, Kochen und die Schuhobsessionen des Vaters. Grandios. Ich denke in diesem Moment: Hoffentlich kommen meine Eltern niemals auf diese Idee – und lache mit dem restlichen Publikum, bis mir die Tränen kommen.
Lehmann übergibt das Wort wieder an Kling im Austausch gegen die langsam entstehende Geschichte. Es folgt das Kapitel, in dem das Känguru unter die Puzzlern gegangen ist – mit viel Unverständnis seitens des Kleinkünstlers und den unerwarteten kreativen Puzzlebegabungen des Kängurus. Jeder im Saal lacht, keine Stimmbänder und keine Zwerchfelle werden geschont, ob das Buch bekannt ist oder nicht. Kling und Lehmann können ihr Handwerk, harmonieren auf der Bühne als Duo – das liegt wohl an der gemeinsamen Sandkastenzeit, wie die beiden selbst behaupten. Es war wohl eher die gemeinsame Kleinkunstzeit.

Wenn Kinder einziehen – Papa BUMM!
Wieder geben sich die beiden einen Schlagabtausch. Sebastian erzählt vom „Einzug“ seines Kindes. Ich stelle mir kurz die Frage, ob ein Kind nicht genauso wie ein Känguru zur Rebellion verleiten kann – und muss angesichts der aktuellen politischen Situation sagen: Kinder sind noch eine Ecke mehr ein Grund zur Rebellion. Just sayin‘.
Vor vier Jahren also ist bei Sebastian ein Kind eingezogen. Seither, so berichtet er, hat er eine neue sprachliche Kompetenz entwickelt: Dank seines Sohnes kommentiert er nun viele Situationen im Leben mit Geräuschen – Geräuschen wie im Comic. Schlicht und universell sehr oft anwendbar, wie beispielsweise: „Papa BUMM!“ Der Saal honoriert dieses grandiose Kapitel mit viel Gelächter und Applaus.
Sebastian gibt das Wort an Marc weiter – doch das Skript ist noch nicht fertig. Also liest Lehmann ein weiteres Kapitel: Lehmanns Vater outet sich dabei, während er eine Glühbirne wechselt, als sympathischer Boomer: „Heutzutage darf man ja nichts mehr sagen“ gehört laut seinem literarisch begabten Sohn zu dessen sprachlichen Meckerrepertoire. (Bemerkung der Autorin an S. Lehmann: Sebastian, I feel you!) Nun ist Marc-Uwe Kling fertig mit dem Schreiben, und die beiden wechseln erneut die Rollen – Schreibender und Vorlesender, Vorlesender und Schreibender. Diese Wechsel sind aufgrund der Interaktionen der beiden schon ein Vergnügen, das jeden Cent wert ist.
Marc liest weiter vom Känguru: Junge Union, Parteienlandschaft. Es tut so gut, garstige Bemerkungen über die Parteien zu hören. Es fühlt sich an wie ein Morphinpflaster direkt auf meinem politischen Herzen. Kling spricht über Frührente für Politikerinnen. Der Saal applaudiert ungebremst. Ein Söder in Frührente – stellt euch das nur mal vor. Oder verordnete Frührente für EU-Kommissarinnen. Von der Leyen hätten wir dann auch los. Ich komme ins Träumen.
Erneuter Wechsel: Kling am Papier, Lehmann liest. Es geht um Stuhlgang in der Kita und Tomatensoße. Sebastians Sohn scheint gut erzogen: Er schwingt im zarten Alter von unter sechs Jahren schon antikapitalistische Sprüche und will die Gewerkschaft für die Kita. Marx für Kids, Kitakinder aller Länder, vereinigt euch. Dafür bekommt er nach dieser Passage einen Riesenapplaus. Zu Recht. (Warum heißt das eigentlich nicht „zu links“? Das hat auch schon das Känguru vor vielen Jahren bemerkt – aber es ist definitiv eine Frage, der ich bisher nie ernsthaft auf den Grund gegangen bin. Wer es weiß, bitte bei mir melden! Merci!)

Wertschätzung, Plasikdeckel und bunte Socken
Dann geht es rasant weiter. Sie schieben sich ihr Skript zu, schreiben während der Lesung und lesen aus ihren Werken. Marc-Uwe aus der Känguru-Rebellion, Sebastian aus diversen Büchern. Dabei wissen sie es gekonnt, sich mit viel Witz und Humor gegenseitig auf die Füße zu treten, ohne dabei die Wertschätzung zu verlieren, die sie offensichtlich füreinander pflegen. Sie sprechen von Klings Schulabschluss und, wie seine Frau ihn in der Staubwolke der Bildung schlicht zurückließ. Plastikdeckel werden mit bunten Socken verglichen – an der Stelle stieg ich kurz aus, da mein Kopfkino völlig mit mir durchging und ich wegen der Tränen, die ich vor Lachen in den Augen hatte, meine Notizen eh nicht mehr sehen konnte. Dann hat mich Lehmann wieder, als er meinte, er habe den schlausten und überhaupt tollsten Sohn. Nee, hast du nicht, denn das sind schon meine – HARHAR –, die holt niemand ein, auch nicht Lehmanns Kinder!
Die Lesung geht thematisch weiter: Demokratie und Antifaschismus, Trainingshosen, die nur zu Hause getragen werden sollten. Für diese Äußerung klatscht das Publikum verdächtig laut, und ich denke mir: Meine Güte, die Unterwanderung von Boomern ist allgegenwärtig und weiter vorangeschritten, als bisher von mir angenommen. Aber immerhin kommt Lehmann zum Schluss, dass früher nicht alles besser war – es war lediglich anders. Ja, richtig.
Marc liest weiter und liest von CDU-Männern in Hertas Kneipe. Dann benötigt Sebastian noch eine extra Runde beim Schreiben, sodass Marc ein weiteres Kapitel zum Besten gibt – eines geschrieben vom Känguru. Das verwirrt Marc-Uwe kurzzeitig: Er liest die Passagen des Kleinkünstlers als Känguru und umgekehrt, und lacht gemeinsam mit dem kompletten Saal herzlich darüber.
Auto-Schnick-Schnack-Schnuck wird erklärt, und Sebastian übernimmt erneut die Lesung: ein weiteres Kapitel mit einem quälenden Telefonat mit seiner Mutter. Zum Ende häuft sich ein Satz mantraartig – ich flüstere ihn noch immer vor mich hin: „Der eine hat den Beutel, der andere hat das Geld.“

Söder, Pokalsieger & wann spricht man von Malznews
Dann entscheiden beide, dass sie mehr Wörter für das Skript möchten, das sie während der Lesung schreiben. Das Publikum lässt nicht lange darum bitten: „Söder! Pokalsieger!“
Es folgen weitere Kapitel aus Klings und Lehmanns Büchern. Wir machen Bekanntschaft mit Friedrich Elias. Der Abend hat seinen Höhepunkt erreicht. Die Halle hört kaum noch auf zu lachen. Die beiden gehen kurz von der Bühne und kommen direkt zurück – ein geschickter Move, denn nun scheint die Stimmung noch mehr angeheizt.
Dann lesen die beiden das Skript vor, das sie während der ganzen Lesung geschrieben haben. Kling liest Lehmanns Passagen, Lehmann liest Klings Geschriebenes. Es ist ihnen gelungen, kunstvoll ihre Protagonisten und diverse Politiker*innen einzuflechten. Ein geschriebenes Kunstwerk, das dem Abend das Krönchen aufsetzt.
Und wir lernen noch spontan, was Malznews sind: Malz steht schlicht immer für Unechtes. Beispiel: Malzbier.
Beide verlassen erneut die Bühne, kommen nach Zugaberufen zurück, lesen erneut und verlassen dann – sichtlich glücklich, kurz nachdem sie sich gemeinsam vor diesem grandiosen Publikum verneigt haben – die Bühne. Diesmal endgültig.

Kein Kaffee, ein Kaffee
Ich schlendere mit Claus als Letzte aus dem Saal. Wir lassen den späten Nachmittag nachwirken, während sich der Raum leert. Direkt zur Theke, um einen Kaffee zu ordern. Es ist kurz nach 19 Uhr. Draußen ist es noch hell. Der Kaffee ist leider sauer und bitter zugleich. Hätte ich mir also sparen können. Maximal raubt er mir den Schlaf.
Janka ist am Büchertisch schwer beschäftigt, sie bemerkt uns nicht, sodass wir dieses Mal nicht winken. Und dann verlassen wir glücklich den Veranstaltungsort. Kling und Lehmann machen keine laute Rebellion. Sie flüstern sie. Kapitel für Kapitel, Telefonat für Telefonat. Sie bringen das Saatgut ein, um im Alltag durchzuhalten, keine politische Verdrossenheit zu entwickeln und sich im Stillen zu überlegen, wie wir wirken können.
Die Rebellion schleicht sich ein wie ein Staubpartikel im Scheinwerferlicht – kaum sichtbar, wenn man geradeaus schaut, aber unübersehbar, sobald man den Blickwinkel wechselt. Wir geben sie weiter, mit unserer Haltung, unserem Denken, unsere Art uns für Solidarität einzusetzen. Wenn wir versuchen, täglich etwas richtig zu tun. Zuzuhören, hinzusehen, wertschätzend zu sein. Wenn wir nicht vergessen, dass wir alle gleichwertige Menschen sind (nur Nazis nicht, versteht sich) und dass wir zusammenhalten sollten. Zusammenhalten gegen die, die uns spalten wollen, die uns einreden wollen, dass die anderen „die Bösen“ sind, die Schuldigen.
In diesem Sinne: Wir sehen uns beim Di-Day! Plant die Rebellion, geht zu euren Hertas und macht euere Welt ein kleines bisschen besser, wärmer und: MERZ LECK EIER!
Wer lacht, rebelliert bereits.
