PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

Die Elektro-Heroen Project Pitchfork kommen nach Stuttgart. Auf dem Konzert geht Publikumsreporterin Jasmin Ellsässer auf Spurensuche, denn Konzerte sind mehr als nur Musik.

Als ich zum Wizemann laufe, bin ich kurz verwundert über die doch sehr farbenfrohen Menschen, die mir entgegenkommen und in der Schlange des Einlasses stehen. Nach der Irritation entdecke ich dann mit Erleichterung die ersten schwarzgekleideten, nach Dark Wave aussehenden Menschen. Im Wizemann, in welchem das Konzert stattfindet, laufen Parallelveranstaltungen: ein Poetry Slam und das Project-Pitchfork-Konzert. Schnell sortieren sich bunt- und schwarzgekleidete Personen.

Die Stimmung unter den Anwesenden ist gut. Viel Vorfreude und hohe Erwartungen an das Konzert sind aus den Gesprächen zu vernehmen, aus denen ich immer wieder Fetzen aufschnappe. Der Gig findet im „Club“ des Wizemann statt. Als ich um 19:40 Uhr den Saal betrete, steht das Publikum stark verstreut – viel Raum zwischen den einzelnen Personen.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Her Own World | Foto: Steffen Schmid

Her Own World

Um 19:45 Uhr beginnt der Support zu spielen: Her Own World. Die Band stammt aus Stettin, Polen, und ist in den Genres des Industrial Rock, Gothic Metal und Elektro einzuordnen.

Die ersten Töne der Band erinnern stark an die frühen Sisters of Mercy, was sich jedoch nach wenigen Minuten ändert. Schnelle Gitarrenriffs und Elektrobeats mischen sich zu einem eigenständigen Sound. Die Band mit der Frontsängerin Yu wird durch die Performancekünstlerin Louve unterstützt, die durch Optik und Lichtshow die Band unterstreicht, während im Hintergrund ein bühnenbreiter Bildschirm passende Szenen einspielt.

Diese visuelle Komponente verleiht dem Auftritt eine gewisse Theatralik – was die Band laut ihrer Homepage auch beabsichtigt. Shai ist an der Gitarre, Ad an den Synths. Die Darbietung ist – wie einfach alles im Leben – Geschmackssache. Keinesfalls möchte ich negativ über die Performance urteilen: Just not my cup of tea. Ihr versteht, was ich meine.

Ich gehe also zurück in den Gastrobereich. Nun muss ich leider – mal wieder – zum Thema Kaffee kommen. Wer meinen ersten Bericht über Das Ich gelesen hat, weiß, wie wichtig mir dieses schwarze Heißgetränk ist. Ich hätte alles für einen gepflegten Cappuccino mit Hafermilch gegeben, aber an diesem Abend gab es lediglich regulären Kaffee. Wobei: Eine vielversprechende Siebträgermaschine steht durchaus im Raum. Na ja, so schnell verpuffen Kaffeeträume vor Konzerten. Das Servicepersonal war jedoch supernett und sympathisch. Dinge müssen nicht perfekt sein – sie müssen lediglich authentisch und freundlich rüberkommen. So auch die Kaffeeerfahrung im Wizemann.

Mein Besuch im Gastrobereich brachte mich mit tollen Menschen in Kontakt, die ich weiter unten im Bericht noch zu Wort kommen lassen werde.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

Project Pitchfork

Nachdem die Vorband fertig gespielt hat und etwas Zeit verstrichen ist, kehre ich in den Konzertsaal zurück. Deutlich mehr Personen sind nun anwesend und stehen dicht beieinander. Rund 500 – so meine Schätzung – füllen zunehmend den großen Raum. Kurz vor Beginn macht sich Ungeduld breit. Die ersten Beats des sphärischen Intros sind bereits zu hören, noch bevor das Licht im Saal vollständig erlischt. Das Publikum beginnt erwartungsvoll zu rufen. Um 21:00 Uhr betreten Project Pitchfork die Bühne im Wizemann.

Project Pitchfork: gegründet 1989 von Peter Spilles und Dirk Scheuber in Hamburg. Sie legten damit den Grundstein für eine der einflussreichsten Bands der elektronischen Musikszene. Nach der Trennung von Dirk Scheuber 2021 stellt Spilles die einzige verbliebene Personalie der Band dar.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

Dass wir es im Wizemann mit einem Hochkaräter zu tun haben, wird schon beim Hereinkommen der Band deutlich. Beim ersten Lied steht sofort ein authentischer Spilles im Mittelpunkt des Abends. Neben ihm: zwei Schlagzeuger – einer davon, rechts, ist Christian Leonhardt (Léo) – sowie Waik Schöner am Keyboard, der später durch Spilles’ Frau Su Se ersetzt wird, die im Laufe des Konzerts auch gesanglich unterstützt. Achim Färber erscheint daraufhin am linken Schlagzeug und sorgt so für reichlich Dynamik auf der Bühne.

Die Band steigt ein mit „Drone State“ – und das Publikum tobt vor Begeisterung. Project Pitchfork gelingt es vom ersten Song an, die Menge mitzureißen. Spilles und der Keyboarder heizen den Fans von Anfang an ein, begrüßen Stuttgart nach dem ersten Song herzlich, und das Publikum antwortet mit überwältigenden Zurufen.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

Schon beim zweiten Song, „Conjure“, entsteht eine unfassbar gute Stimmung in der Halle. Die Menschen tanzen, klatschen und singen Textpassagen mit. Hände gehen überall im Saal in die Höhe. Project Pitchfork hat sein Publikum nach zwei Songs vollständig in der Resonanz – im Erleben der Beats, im Hier und Jetzt. Um mich herum steht keine Person still. Beeindruckend, wie die Band es schafft, ihre Fans sofort in den Bann zu ziehen.

Project Pitchfork spielte an diesem Abend eine beeindruckende Setliste ab, mit zwei Zugaben. Schon während des dritten Liedes ist die Menge in Stimmung, wie sonst auf anderen Konzerten erst am Ende einer Show der Fall ist. Ich konnte es nur schwer erkennen, aber da entstand sogar eine Art Moshpit vor der Bühne und das nach dem zweiten und dritten Song. Keine Person schien im Raum still zu stehen. Project Pitchfork riss während aller folgenden Songs ihre Fans mit und performte bis zur letzten Zugabe.

Die Fans

Und das entspricht genau dem, was mir die Menschen, die ich vor dem Konzert kennenlernen durfte, aus der Vergangenheit über Project Pitchfork erzählten.
Ronny, der heute mit Ilona da ist, sah Project Pitchfork das erste Mal 1998 in Dresden. Damals, so schätzt er, vor ca. 5000 Menschen. Für gewöhnlich hört er eher Zappa, erzählt er mir lachend – aber Project-Pitchfork-Fan ist er seit jenem Konzert vor 28 Jahren. Vor dem heutigen Abend ist er sehr gespannt, wie es werden wird. In Stuttgart hat er die Band bereits dreimal gesehen – zuletzt 2022.

Damals war er eher enttäuscht: Die Stimmung war weniger gut, die Songauswahl nicht im Ansatz das, was er und die anderen Fans an diesem Abend zu hören bekommen wollten. Der heutige Abend übertrifft Ronnys Erwartungen bei weitem – es ist mit Abstand das beste Konzert, das er in Stuttgart erlebt hat. Das lässt er mich im Nachgang wissen.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

Für Ilona ist es das zweite Konzert von Project Pitchfork. Das erste war ebenfalls das von 2022 in Stuttgart – während der COVID-Zeit. Seitdem ist sie begeistert von der Band. Beide teilen die Meinung, dass die Licht- und Videoshow heute „die politischen Songs in genialer Form untermalt“ habe. Auch die Besetzung der Band – einschließlich des Duetts mit der Keyboarderin – halten die beiden für „TOP“.

Die zweite Begegnung des Abends hatte ich mit Susanne. Sie gesellte sich zu mir an den Tisch, als ich noch etwas enttäuscht meinen Kaffee trank – ihr erinnert euch, ich wollte einen Cappuccino aus dem Siebträger –, und erhellte damit die Situation für mich entscheidend. Ihr Mann Kay tummelte sich zu diesem Zeitpunkt am Merchandising-Stand.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

Beide sahen Project Pitchfork das erste Mal 1992 in Bonn auf dem Dark-X-Mas-Festival – damals noch mit Goethes Erben und Das Ich. Seither waren sie auf jeder Tour mindestens einmal dabei. Susanne verrät mir im Nachgang, dass das erste Konzert ihres Sohnes 2019 ebenfalls Project Pitchfork war – er war damals zehn Jahre alt. Natürlich war auch sein zweites Konzert PP.

Beide teilen die Einschätzung von Ronny und Ilona: „Die Stimmung war mega.“ Auch das Publikum war gut drauf. Susanne und Kay fiel auf, dass viele „Knallersongs“ – so ihre Formulierung – direkt zu Beginn kamen, Stücke, die früher eher selten oder nie auf Konzerten gespielt wurden oder allenfalls am Ende auftauchten.

Das Konzert empfanden die beiden als absolutes Highlight. Susannes Lieblingssong des Abends: „God Wrote“, Kays: „Fire and Ice“. Beide freuen sich vor allem, dass es Spilles sichtlich besser geht: Er lacht mehr und steht deutlich mehr im Kontakt mit den Fans. Damit bestätigen sie meinen eigenen Eindruck, obwohl ich die Band bei Weitem nicht so oft gesehen habe wie diese vier wunderbaren Menschen.

Neben dem Konzert waren sie meine ganz persönlichen Highlights des Abends. Denn vom Austausch mit unserer Umwelt zehren wir, von guten Konzerten – und von den Menschen, die diese erst zum Erlebnis machen.

PROJECT PITCHFORK, HER OWN WORLD, 17.04.2026, Im Wizemann, Stuttgart | Foto: Steffen Schmid
Project Pitchfork | Foto: Steffen Schmid

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