WYTCH HAZEL, PHANTOM SPELL, 15.04.2026, Schwarzer Keiler, Stuttgart

Auf dieses Konzert freut sich der Autor schon lange. Und da ist er nicht alleine, denn der Abend ist schon seit Längerem ausverkauft. Die Meisten werden sich wegen Wytch Hazel, die immerhin bei den altehrwürdigen Metal Blade Records unter Vertrag stehen, eine Karte vorab gesichert haben. Ich bin hauptsächlich wegen Phantom Spell da, deren letztes Album „Heather & Hearth“ im vergangenen Jahr zu meinen Top-Alben zählte. Dass die Ideatoren beider Bands freundschaftlich verbunden sind, erklärt einerseits dieses Tour-Package. Aber auch musikalisch kann man sich kaum ein hochwertigeres und matchenderes Double wünschen.
Die Zeit vor dem Konzert nutze ich am Merch, um neben CD-Käufen auch abzuklären, warum Phantom Spell als „Wohnsitz“ Murcia angegeben haben. Die Hybris will es, dass ich es auf Spanisch mit der Frau am Merch versuche. Turns out sie ist die Ehefrau von PS-Mastermind Kyle McNeill. Mehr verstanden habe ich nicht, aber so getan als doch natürlich. Dass ich auf Murcia schon mal auf einem Konzert war und darüber berichtet habe vergesse ich vor lauter Überforderung. 20:30 Uhr, Phantom Spell kommen auf die Bühne.

Das ungeschriebene Opener-Gesetz, ob für Konzerte oder Musikalben, lautet ja: Schnell und mitreißend. Phantom Spell missachten das großzügig wie auf dem Album und kredenzen erstmal das 12-minütige Epos „The Autumn Citadel„. Zweistimmige Gitarren, viel Keyboard, unterschiedlichste Parts – alleine in diesem Song ist musikalisch schon mehr drin als in ganzen Konzertabenden. Das an sich wäre schon bemerkenswert, macht aber noch keine gute Musik aus. Die Progginess ist gepaart mit unwiderstehlichem Songwriting. Glücklicherweise ist auch der Sound sehr gut abgemischt, sodass man erstaunt feststellen kann, dass die Band in der Lage ist einem so anspruchsvollen Song auch die nötige Live-Energie zu verpassen.
Es wird nicht schlechter mit dem Rainbow-artigen „Evil Hand“. Ein Uptempo-Song, der deutlich straighter und kürzer als der Opener ist, aber ebenso mit starken Melodien nur so um sich wirft. Kyle McNeills Gesangsstimme ist ziemlich hoch und sitzt damit perfekt im warmen Gesamtsound der Band. Im Gegensatz zu seiner anderen Band Seven Sisters sind Phantom Spell weniger Metal als Hard Rock. Wobei der hymnenhafte Refrain von „Seven Sided Mirror“ und der zweistimmige Gitarrenpart später auch von frühen Maiden Alben stammen könnten.

Die Publikumsreaktion des Keilers ist begeistert, was sich in dankbaren Ansagen von Kyle äußert. Wie Wytch Hazel später wird betont, dass es für die Musiker nicht normal sei unter der Woche vor einem ausverkauften Haus zu spielen. In einem Konzert ohne Durchhänger ist für mich „A Distant Shore“ dann ein weiterer Höhepunkt. Wie der Song es schafft, gewinnende Melodien mit einem epischen Songaufbau zu verbinden ist schon etwas ganz Besonderes. Und wie selbstverständlich mittendrin ein Santana artiger „Dorian Vamp„-Part mit Spinettintermezzo Platz findet … Meisterklasse.
Über das Instrumental „Black Spirit Curse“, das mit Spinettklängen eröffnet und in der ersten Hälfte einen starken 70ies-Progeinschlag aufweist, ist man auch schon beim letzten Song angelangt. Das meist getragene „Blood Becomes Sand“ rundet ein Konzert ab, das alle meine Erwartungen, die sich in einem halben Jahr Vorfreude aufbauen konnten, komplett erfüllte. Überragende Band, und dass sie sich dezidiert gegen Faschismus aussprechen macht’s nicht schlechter.

Kurz vor 22 Uhr kommen dann die weiß gekleideten Wytch Hazel auf die Bühne. Mir sind sie weniger gut vertraut als die Vorband, da ich erst seit wenigen Wochen im Besitz zumindest eines Albums bin. Und von diesem Album – „IV: Sacrament“ – stammt auch der Eröffnungssong „The Fire’s Control“. Ein herausragender Song. Packender Refrain, jubilierende zweistimmige Gitarren, üppig und interessant arrangiert für einen „simplen“ Hard Rock / Metal-Song. Und neben alledem schätze ich auch die wunderbare Melancholie, die diesen Song durchzieht. Ein wenig wie bei den besten Stücken von Ghost, wenn Erhebendes mit leichter Wehmut verwoben wird.
Im Gegensatz zu erwähnten Ghost pflegen Wytch Hazel allerdings christliche Texte. Das aber nicht auf penetrante, missionarische Art, sondern eher in einer geschichtenerzählerischen Art. Das führt dann zu Szenen, die mich schon wieder an Ghost erinnern, aber quasi umgekehrt. Kann man bei den Schweden beobachten, dass freundliche und nette Schülerinnen laut „Hell Satan“ während eines Songs mitsingen, darf ich heute Abend beobachten wie Leute mit Rücken-Patches von Venom’s „Welcome To Hell“ begeisternd christliche Botschaften singen. Sollte generell immer so überall auf der Welt laufen, vom Ding her.

Im Vergleich zu Phantom Spell fallen einige Sachen auf. Einerseits Parallelen zu einem oldschooligen von 2-stimmigen Gitarren geprägten Sound, der überaus melodisch ist. Sänger und Mastermind Colin Hendra hat ebenso wie Kyle von PS eine sehr charakteristische Stimme und weiß diese perfekt einzusetzen. WH komponieren aber deutlich straightere Songs.
Insgesamt ist das Set dadurch etwas weniger abwechslungsreich. Weiß aber durch die spielerische Qualität der Band und die hohe Qualität der Songs zu überzeugen. „Archangel“ ist für mich z.B. einer der Songs, der durch seine melodische Kraft heraussticht. Dass die meisten Leute wegen Wytch Hazel da sind, zeigt sich an den enthusiastischen Publikumsreaktionen. Es gibt immer wieder „Wytch Hazel“-Sprechchöre. Colin kann da gar nicht anders, als mehrmals zu betonen, wie dankbar er für so ein Feedback ist. Good feelings, die zwischen Band und Publikum hin- und herschwappen.

Die Engländer gehören zu jenen Musikgruppen aus dem Metal / Hard Rock, die einen Song mit dem eigenen Bandnamen aufweisen können. Spontan fallen mir da Folgende prominente Beispiele ein: Angel Witch, Black Sabbath, Iron Maiden, Motörhead, Overkill, Rising Force, Voivod. „Wytch Hazel“ kann sich da aufgrund seiner Qualität gut einreihen, ein würdiger Vertreter dieser Spezies.
Das Set endet mit dem meist getragenen „Healing Power“ auf einer wunderbaren, leicht mittelalterlichen Note. Ein Abend, der vor Melodien nur so strotzte. Es gibt neben „Hälllas“ wahrscheinlich nur noch wenige Bands, die im Grenzbereich zwischen classic Hard Rock und Heavy Metal zurzeit bessere Musik machen als Phantom Spell und Wytch Hazel.

Dein Text trifft es sehr gut! Danke dafür! Ich hatte den Eindruck, dass Phantom Spell letzten Endes die anspruchsvollere und bessere der beiden Bands waren, aber sie geben sich nicht viel.