DÄLEK, 14.04.2026, Jubez, Karlsruhe

Kulturkampf mal positiv: Die amerikanische Hip-Hop-Band Dälek begeistert nicht nur unseren Metalhead.
Der Journalist erwehrt sich
Ich sitze im Zug nach Karlsruhe und höre die neue Immolation. Sehr feines Scheibchen. Na ja, jedenfalls hat Fotograf XembraceX mich eingeladen, mit ihm über ein Konzert im Jubez zu berichten: Dälek.
Ich muss gleich sagen, dass ich nicht weiß, ob ich für diesen Auftrag hinreichend kompetent bin, denn Dälek sind eine amerikanische Hip-Hop-Gruppe. Nicht mein Genre, wirklich. Immerhin verspricht die Wikipedia 1) „düsteren“ und 2) „experimentellen“ Sound. Label: Ipecac, was auch ein Qualitätsmerkmal ist. Und XembraceX verspricht, dass es gut wird.
Das soll mir reichen. Ich lasse mich darauf ein. Und nun sehen wir mal, worauf ich mich eingelassen habe.
Das Konzert beginnt mit einem wirklich sehr langsam lauter werdenden Klang, zu dem im Publikum andächtige Stille eingekehrt ist. Nach einer Weile mischen sich auch Beats darunter, aber alles bleibt auf Zimmerlautstärke.
Sie kommen schließlich zu zweit auf die Bühne, Dälek aka. Will Brooks und Mike Manteca an der Gitarre. Beide stehen hinter Computern beziehungsweise Effektgeräten. Der Beat ist gleich als Hop-Hop zu identifizieren. Der Sprechgesang solidifiziert den Eindruck. Die Gitarre fällt aber heraus, selbst wenn sie nur zum Klangteppich beiträgt – beim ersten Stück „Better Than“ in schnellen Akkorden, beim zweiten, „Knowledge | Understanding | Wisdom“, als schwebende Einzeltöne.

Hier mischen sich Stimmen in die Klanglandschaft, die mit „düster“ schon ganz richtig beschrieben ist. Dominiert wird der Sound, wie ich es laienhaft von aktuellem Hip-Hop erwarte, vom warm und dumpf klingenden Beat und dem Sprechgesang. Doch mir scheint mit dieser Feststellung genug Allgemeinplatz wiedergegeben.
Wir sind bei „Normalize Tragedy“ angekommen. Während Mike Manteca seine Gitarre spielt und seinem Computer kaum Aufmerksamkeit schenkt, entlockt Dälek seinen Effektgeräten verstörende, industrielle Klänge, die teilweise sirenenhaft anschwellen.
Das Publikum – es besteht im Übrigen aus allem möglichen, aber nicht aus klassischen Hip-Hoppern – geht zu der Zeit bereits gut mit und spendet üppigen Applaus.
„Substance“ kommt ganz entspannt im Downtempo daher, doch wird diese ruhige Atmosphäre bald durch zischendes, greinendes Rauschen zersetzt. Warme Synthesizertöne klingeln ebenso in den Ohren, bis der Beat ganz in den Hintergrund gedrängt wird.

Zwischenfazit
Ein paar Stücke ins Set hinein wird es Zeit mal ein Zwischenfazit zu ziehen. Ich fühle mich an Tricky erinnert, was so ungefähr meine einzige Referenz in die Richtung ist, nur ist der Sound hier aggressiver, besteht mehr aus Störgeräuschen und klingt zugleich weniger trippig.
Ich muss natürlich festhalten, dass mir durchaus bewusst ist, dass Trip-Hop nicht zu den zentralen musikalischen Etiketten gehört, die Dälek zugeschrieben werden. Das sind Experimental Hip-Hop und Industrial Hip-Hop. Sie wurden aber auch schon als Glitch-Hop, Metal, Shoegaze oder eben Trip-Hop bezeichnet.
Das ist von meiner Seite natürlich nur Produkt zielgerichteter Recherchearbeit. Ebenso wie das Identifizieren der Stücke – im Augenblick ist es „I am a man“. Alle Tracks kann ich allerdings nicht erkennen, denn die Datenlage zu Dälek im Internet ist erstaunlich lückenhaft. Das gilt nicht nur für den völlig veralteten deutschen Wikipedia-Artikel, sondern auch für die Verfügbarkeit von Setlisten oder den Lyrics der Stücke selbst.

Der Journalist erwärmt sich
Dälek, stämmiger, Vollbart, Baseball-Kappe, hat beständig das Mikrophon vor dem Gesicht, sodass ihn zu fotografieren keine reine Freude sein kann. Das hintere Ende des Mikros schön nach oben gereckt, dazu entsprechende Gestik, man möchte schon an den kleinen Details erkennen, dass das hier nicht Metal ist, auch wenn Dälek schon mit Metal-Acts aufgetreten sind.
Überhaupt kann ich der Zuschreibung, dass Dälek Metal sei, nicht wirklich zustimmen. Aber ich will mich mal zu der Aussage verleiten lassen, dass es so sehr Metal ist, wie Hip-Hop eben Metal sein kann.
Was ich für „experimentellen“ Hip-Hop – wie hier bei „Holistic“ – vermisse, ist, dass Dälek mal von diesen 4/4-Takten wegkommen. Was an ihrer Musik experimentell ist, sind diese teils aggressiven, teils lärmigen Sounds, mit denen seinerzeit beispielsweise das schwedische Label Cold Meat Industry groß geworden ist.
Bei „Decimation (Dis Nation)“ verschwindet dann mal der Sprechgesang, sodass die Musik mit ihrem treibenden Beat in den Vordergrund tritt. Das tut dem Eindruck der Abwechslung echt gut. Man kann mehr genießen, wie komplex die Soundmischung ist, aus welcher der dritte Baustein dieser Musik besteht.
In diesem letzten Stück kann man völlig überraschend auch mal klare Synthesizerklänge ohne die Verzerrung hören. Das macht als Kontrast deutlich, wie dicht die konsequent durchgezogene Atmosphäre des Krachigen tatsächlich ist.

Diese wird neben den Effekten halt auch von der verzerrten Gitarre vorangetrieben, die bei jedem Stück zum Einsatz kommt. Und das Ganze steigert sich immer mehr hin zu „Echoes of …“ und zu „By the time we arrive in El Salvador“.
Insgesamt habe ich entsprechend den Eindruck, dass die Musik immer chaotischer wird, schneller, Lärmkaskaden, stolpernder Beat, schneller Rap. Und da muss ich schon sagen: Das gefällt mir. Kein Wunder: Ich hatte schon immer einen Hang zu aggressivem Lärm.
Doch da ist das Konzert schon zu Ende. Die Leute sind begeistert und wollen gar nicht aufhören zu klatschen, bis Saallicht und Musik aus dem Off die Träume von einer Zugabe zerplatzen lassen. Schade, wirklich schade. Das war eine gute Show.
Also beim nächsten Mal Dälek: Ich lasse mich wieder drauf ein!

Sehr coole Fotos! Du hast das Beste aus den Bedingungen herausgeholt!