DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen

DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Und ich sah einen Ort aus Stein, der einst dem Gebet geweiht war, nun aber erfüllt von schweren Klängen und langsamen Riffs. Und die, die sich dort versammelten, waren eine Gemeinschaft der Suchenden, geeint im Schatten eines Wortes, das Urteil und Schicksal zugleich bedeutet.

Da ging einer unter ihnen, der einst draußen stand und nur zusah. Und er trat ein, ließ sich tragen von der Wucht des Doom, prüfte die Zeichen und lauschte den Stimmen. Und siehe: Was ihm fremd war, begann zu wirken.



Wer das Licht sucht, der lese, was in Göppingen geschah.

Ich muss zugeben, mir war das Genre „Doom Metal“ nicht im Detail geläufig. Eine vage (wenn auch sehr unzureichende) Vorstellung hatte ich über die musikalische Untermalung des Kult-Ego-Shooters „Doom“ aus den frühen 90ern, den mein bester Kumpel wie besessen gespielt hatte. Da ich selbst aber weder Konsole noch Computer haben durfte, war ich bei Videospielen zum dilettantischen Zuschauer verdammt. Entsprechend ausgeschlossen fühlte ich mich damals. Als uns nun das Doom in Bloom in Göppingen einlud, über ihr Festival zu berichten, wollte ich vorbereitet sein. Wollte eintauchen und verstehen.

„Doom“, ein Wort, das schwer auf der Zunge liegt, bedeutete ursprünglich schlicht „Urteil“. Im Laufe der Zeit verdunkelte sich seine Bedeutung, wurde zum „endgültigen Urteil“ und schließlich zum „unausweichlichen Schicksal“, oft mit dem Beigeschmack von Untergang und Verdammnis. Geprägt von religiösen Vorstellungen, insbesondere der eines letzten Gerichts, trägt „Doom“ heute eine Schwere in sich, derer man sich als Verdammter kaum entziehen kann. 

Doom Metal übersetzt diese Last in Musik. Mit zeremonieller Wucht kriechen da Riffs durch die düsteren Stücke und tragen schwer – nicht nur an der Melodie. Wie ein Ritual, das sich seiner eigenen Endgültigkeit bewusst ist, dehnt sich hier die Zeit, Stimmen werden tiefer, scheinen zu beschwören. Von dieser spirituellen Kraft angezogen, mache ich mich auf den Weg zum zweiten Tag des Festivals. Bereit, mich bekehren zu lassen.

DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

„Und führe mich in Versuchung“, denke ich, als ich die ehemalige „Soldier Chapel“ im Göppinger Stauferpark betrete. Die Kapelle wurde 1953 im Auftrag der US-Armee als Kirche für Soldaten und deren Angehörige erbaut. Seit dem Abzug der Truppen 1992 stand das Gebäude leer, bis der Verein „Fabrik für Kunst und Kultur e.V.“ es 1998 wiederbelebte. Im Gewölbekeller, der sogenannten Krypta, finden sich die Devotionalien der modernen Musikvermarktung: T-Shirts, Schallplatten und Patches für die Kutten, die an diesem Abend zuhauf zu sehen sind. Passend zur Location leben die Menschen auf dem „Doom in Bloom“ eine Form der Nächstenliebe, die jede päpstliche Synode in den Schatten stellen würde. So nett wird man hier aufgenommen, so unprätentiös ist das Festival organisiert. Taschenkontrollen gibt es keine, dafür Bier aus Gläsern und eine vegane Pulled-Jackfruit-Alternative zum Burger. Hier wird eine familiäre Gemeinschaft gelebt, die sich auf einen starken gemeinsamen Kern beruft – Doom Metal.

Zum 30-jährigen Jubiläum haben sich die Veranstalter etwas Besonderes ausgedacht: Dieser zweite Tag des Festivals hat exakt das gleiche Line-up wie die Auflage des ersten Festivals von 1996. Dass die Bands noch immer oder wieder aktiv sind, werte ich als Beleg für den Idealismus der Doom-Familie, denn kommerzielle Höhenflüge scheinen die Bands nicht gemacht zu haben.

DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen | Foto: Oliver Wendel
Dawn of Winter – Foto: Oliver Wendel

Den Anfang machen Dawn of Winter. Schon nach den ersten Takten merke ich, dass die Band, als Konstante im deutschen Doom Metal angepriesen, nicht gekommen ist, um das Publikum zu umarmen. Vielmehr lassen sie die Besucher in sich selbst versinken. Langsame Tempi, tonnenschwere Gitarrenriffs. Getragen, feierlich und von einer konsequent durchgehaltenen Schwere. Besonders hervorzuheben ist die Performance von Frontmann Gerrit Philipp Mutz, der es scheinbar mühelos vermag, das Publikum in eine Trance zu singen, aus der er es durch kleine Anekdoten über das Älterwerden, die Akzeptanz der Vergänglichkeit oder das Martyrium ständiger Arztbesuche wieder herausholt.

Thematisch kreist die Band um die klassischen Motive des Genres: Leid, Verzweiflung, existenzielle Schwere. Am Ende dann doch noch ein Liebeslied, das Gerrit mit einem Lächeln ankündigt, das ungeahnte Lebensfreude durchblicken lässt. Zum Glück, denn für das ungeübte Ohr ließ sich der Glaube an das gute Leben nur schwer aus dem getragenen Stück heraushören.

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Astral Rising – Foto: Oliver Wendel

Nach kurzer Umbaupause bleiben Astral Rising einfach auf der Bühne und verzichten auf einen pathetischen Einmarsch. Wie bei allen Bands des Abends geht es auch hier ausschließlich um die Musik. Und die unterscheidet sich deutlich vom zuvor Gehörten. Hier dominiert ein psychedelischer Stoner-Doom. Die Les Paul ist verzerrt und verwaschen, der Gesang ist ein weiteres, ebenfalls verzerrtes Element im Mix, das zur tranceartigen Gesamtwirkung beiträgt. Der Sound ist raumgreifend und weniger auf hymnische Refrains fokussiert als bei Dawn of Winter. Es entsteht eine brüchige Klanglandschaft, zu der nicht zuletzt der ausnehmend engagierte Bassist Phillipe Guiziou beiträgt.

DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen | Foto: Oliver Wendel
Naevus – Foto: Oliver Wendel

Danach stehen Naevus auf der Bühne. Die beiden Gitarren bringen Masse mit und erzeugen langsam rotierende Klangkörper, die alles in ihre Umlaufbahn zwingen. Ich bilde mir ein, die Sabbath-DNA zu hören, ohne dass die Band in Retro-Kitsch verfällt. Dabei ist Uwe Groebels Stimme zentral: klarer, melancholischer Gesang, der fast an klassischen Heavy Metal erinnert, allerdings deutlich „erdiger“ klingt. Zudem wirkt die Gitarre in seinen Armen so natürlich, als wäre sie ein Teil seines Körpers. Trotz aller Langsamkeit ist das kein statischer Doom. In manchen Songs zeigt sich ein subtiler Groove, der bei all der Schwere des Abends ein wenig Erleichterung bringt.

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Mirror of Deception – Foto: Oliver Wendel

Den Abschluss spielen Mirror of Deception. Die Lokalmatadore haben sich 1990 in Göppingen gegründet und gehören zur ersten Welle des Doom Metals in Deutschland. Der Einstiegsjoke von Gitarrist Jochen – „Wir spielen alle unsere Klassiker als Reggae-Version“ – ist noch nicht ganz verklungen, da beginnt bereits der Sound, den sich die Band durch wechselnde Besetzungen erhalten hat: feine Tempovariationen, komplexe Gitarrenharmonien, subtile Stimmungswechsel. Dazu ein Gesang, der vergleichsweise klar und melodisch klingt. Daraus entsteht ein Sound, der eher fließt als walzt.

Dass die Band das erste Set komplett ihrem neuen Album widmet, ist ein Statement, das nach vorne zeigt. Das Werk wirkt gleichzeitig routiniert und von konstruktiver Unruhe geprägt. Die Veteranen bewegen sich souverän zwischen Doom und traditionellem Heavy Metal: Schwere, schleppende Riffs treffen auf überraschend dynamische Zwischentöne. Besonders die Gitarrenarbeit überzeugt durch dramaturgisches Gespür. Die Stücke bauen sich geduldig auf, um dann in prägnanten, eingängigen Passagen aufzugehen.

DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen | Foto: Oliver Wendel
Mirror of Deception – Foto: Oliver Wendel

Die Gitarrensoli verleihen dem Auftritt eine Beweglichkeit, die den oft bleiernen Grundton auflockert. Zudem wirkt der Gesang klar und schafft ein Gegengewicht zur düsteren Klangwelt. Dass es dem Set ein wenig an klaren Höhepunkten und Wiedererkennungswert fehlt, macht die handwerklich überzeugende und atmosphärisch dichte Aufführung allemal wett.

Das zweite Set gleicht dann einer Art konspirativem Klassentreffen. Der frühere Sänger Markus wirkt sowohl in Sachen Outfit (Jogginghose und Hundeshirt) als auch stimmlich, als wäre er über den Auftritt im Vorfeld nicht vollständig informiert worden. In Kombination mit den vielen Referenzen auf alte Zeiten und zumindest mir völlig unbekannten Personen, in den Ansagen ausschließlich beim Vornamen genannt, kehrt am Ende ein vertrautes Gefühl zurück. Wie an endlos langen Videospielnachmittagen darf ich zwar an diesem Ritual teilhaben, bleibe aber doch ein wenig außen vor. Die Spiellust aber hat der Abend allemal in mir geweckt: die Wucht der Riffs, die tranceartigen Momente, die Wärme der Gemeinschaft, der eigenwillige Charme dieses Ortes. Und vielleicht werde ich ja auch noch Teil davon. Die Bekehrten sind bekanntlich die eifrigsten Gläubigen.

DOOM IN BLOOM FESTIVAL, 11.04.2026, Chapel, Göppingen | Foto: Oliver Wendel
Mirror of Deception – Foto: Oliver Wendel

Mirror of Deception

Naevus

Astral Rising

Dawn of Winter

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