GWENDOLINE, 11.04.2026, Merlin, Stuttgart

GWENDOLINE, 11.04.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Französische Qualität; Popkultur zwischen Protest und Hoffnung und Party im Merlin.

Bereits 2017 nahm das aus der Bretagne stammende New-Wave-Duo Micka und Pierre unter dem Namen Gwendoline sein Debüt-Album „Après c´est Gobelet!“ in bester DIY-Manier unter Eigenregie im Homestudio auf und veröffentlichte es auf Vinyl beim spanischen Underground-Label Dead Wax. Der Sound der Bretonen ist vom kühlen 80er-Wave inspiriert, kombiniert mit Sprechgesang, in dem sie zeitkritische Themen, teilweise auf sarkastische, ja zynische Art, ansprechen. 2024 erschien dann ihr zweiter Longplayer „Cest à moi, ça“, mit dem sie auch international Aufmerksamkeit erregten. Nun sind sie mit ihrer „Deutsche Qualität Tour 2026“ unterwegs und gastieren heute Abend im Merlin.

GWENDOLINE, 11.04.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Richtig voll ist es im Merlin, als kurz vor halb neun Gwendoline zum Quartett angewachsen die Bühnen betreten. Den Franzosen wird ja immer wieder das Etikett Cold-Wave angehängt, und so sind dann auch die ersten Synthieflächen, die erklingen, minimalistisch und distanziert; leicht abgründig und mystisch ist die Stimmung, die auf der in diffuse Rot- und Blautöne illuminierte Bühne entsteht. Unglaublich rhythmisch ist das von den ersten Takten an, und als dann mehrstimmiger und doch kühler Gesang einsetzt, wird der Sound treibend und erstaunlich organisch. Das Narrative des Gesangs und die chansonhafte Intonation erinnern an die szenische Darbietung der Kunst eines Jacques Brel.

GWENDOLINE, 11.04.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Ein halliger und shoegazig flächiger Gitarrensound verstärkt das cold-wavige Klangbild, erstaunlicherweise stellt sich bei mir aber trotzdem eine sehr ambivalente Wahrnehmung ein; es ist ein Sound, der zwischen urbaner Verlorenheit und atmosphärischer Wärme changiert. Gwendoline machen Musik als Kommentar zur Zeit. Ihr wohnt der Protest des Untergrunds gegen bestehende systemische Verwerfungen inne. Dies verdeutlicht sich noch durch die im Hintergrund gezeigten Videoprojektionen mit Bildern von militärischen Aufmärschen und Paraden, den faschistoid-populistischen Inszenierungen von Autokraten und rechten Verführern, Kriegen und Umweltzerstörungen und einer dazu feiernden und der Welt entrückten, vermeintlichen Elite. Hier wird dem begeisterten Publikum eine Performance des tanzbaren, intellektuellen Protestes dargeboten; treibend und ekstatisch. Ein Soundtrack zur Dystopie und zur demokratischen Endzeit, der aber nicht hoffnungslos ist.

GWENDOLINE, 11.04.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Das Set entwickelt eine zunehmend surreale Wirkung und ich muss unweigerlich an Virgine Despentes „Vernon Subutex“-Trilogie denken, in der der Niedergang eines die Gesellschaft zusammenhaltenden Konsenses, der sich in der Nachkriegszeit etablierte, stirbt und die Kultur der Empörung und der Abstiegsängste, der egoistischen Individualisierung und der Hysterie sich durchzusetzen vermag. Das alles beschreibt Despentes in flimmernden und hypnotischen, literarischen Bildern, und genau dies vermögen Gwendoline auf musikalischem Wege zu tun.

„Eine Hymne, um die Moral in dieser Krise zu stärke.
Volle Lautstärke, auf unseren Einrädern, Air-Pods in den Ohren,
lasst uns ins Großraumbüro rasen, um die Welt zu retten!
Dies ist nur eine schwierige Phase; bald können wir alles wieder niederbrennen.“

(aus Start-up Nationale)

GWENDOLINE, 11.04.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Als letzten Track spielen Gwendoline eine Coverversion des französischen Diskoklassikers „Macumba“ von Jean-Piere Mader aus dem Jahr 1984. In diesem Song wird die Geschichte einer Frau erzählt, die ihre Heimat verlassen hat, um im Club „Macumba“ Geld zu verdienen und um von einem besseren Leben zu träumen. Großartig ist das, absolut mitreißend und euphorisierend; wir tanzen gegen das Schlechte der Welt und feiern die Utopie.

GWENDOLINE, 11.04.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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