HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
Foto: Oliver Wendel

Eigentlich fing das Konzertwochenende schon am Mittwoch im Ritterstüble an. Die mir (und auch dem dortigen Booker) völlig unbekannte Band Shit Out Of Luck hat dem Heslacher Eckneiple nicht nur einen der wildesten Gigs ever beschert, sondern auch Lust auf mehr Punk gemacht. Was liegt also näher, als tags drauf zu einem Crust- und Hardcore-Gig in das Headquarter für Musik solcher Art, das Juha West, zu gehen?

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Und gleich der erste Act, die lokalen Crust-Punker Øde, sind eine freudige Überraschung. Habe ich doch drei der vier Bandmitglieder erst gestern im Ritterstüble gefeiert. Während es dort aber eher klassischen Punk mit Ausflügen Richtung Ska gab, werden hier und heute andere Saiten aufgezogen. Ultraschnell, ultrahart und kompromisslos wirft sich die Band vor gut gefülltem Haus in den Gig. Als „räudig“ wird ihr Stil beschrieben, ich finde ihn zwischen aggressiv und lakonisch. Vor allem der Sänger/Shouter Kevin macht den Unterschied.

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Mit vollem Stimmeinsatz und massiver körperlicher Präsenz haut er die Songs raus, wirft sich auch gerne mal ins Publikum, das schon früh am Abend ordentlich in Bewegung kommt. Eine halbe Stunde geht das Set mit 16 Songs, die Ansagen sind minimal, die Texte eher schwer verständlich, aber Titel wie „Foolish Trump Fucker“, „Abort The Church“, „Fuck the Cistem“ oder „Kartoffelschwein“ (der spontan dem Wasen gewidmet wird) brauchen auch keine großen Erläuterungen.

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Der Auftakt zu einem schweißtreibenden Abend ist jedenfalls mehr als gelungen, die Rastatter Hardcore-Combo In Schwerer See übernimmt ein Publikum auf Betriebstemperatur. Der Sänger, den ich rein äußerlich eher einer fröhlichen Reggae-Band zugeordnet hättet, leitet mit ein paar freundlichen Worten ein, die Band spielt ein gefälliges Intro und nichts lässt erahnen, mit welcher Vehemenz der Titel „Kleinod“ gleich über das Publikum hereinbrechen wird. Bei Melodic Hardcore / Post-Hardcore sortieren sich die Rastatter ein. Und dieses Versprechen lösen sie ein. Große, fast harmonische Melodiebögen, vor denen ein gnadenloses Doublebass-Stakkato, Gitarrenwände und gutturales Growling finsterste Bilder erzeugen. Auch die Songtitel wie „Mahlstrom“, „Aufbrechen“, „Scheitern“, „In Schwerer See“ sind bedeutungsschwer und verheißen nichts Gutes. Dabei hat die Band darin durchaus positive Botschaften verpackt.

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Musikalisch wird jedenfalls alles gegeben, das Publikum in Bewegung zu halten.Der Wechsel zwischen langsameren Kopfnicker-Passagen und Uptempo-Geballer mit Ausflügen des Sängers in den Moshpit erledigt dies aufs Feinste. Dass hier alles Anspruch hat, lässt nicht nur der fein gestaltete Backdrop erkennen, auch die Einspielung des berühmten Beckett-Zitats zum Song „Scheitern“ unterstreicht dies.

Zum Song „Konventionen“ gibt es dann eine weitere Einspielung. Eine synthetische Stimme verkündet einen Satz, der unsere von den Konservativen und Populisten geprägte Gegenwart leider allzu perfekt zusammenfasst:

Hauptsache ist, es bleibt alles beim Alten
Abgrund voraus. Der Kurs wird gehalten

Und auch die Textzeile

Im Kampf um die Krümel auf dem Boden schlägst du nach links, rechts, unten aber niemals nach oben.

wird von der Band in einer Ansage eingeordnet: Wir wüssten ja wohl alle, wo wirklich die Frontlinien in unserer Gesellschaft seien. Er glaube jedenfalls nicht, dass heute irgendjemand im Saal sei, der „im Besitz von Produktionsmitteln“ sei. *) (Hier gibt es eine Fußnote)

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Auch das Set von In Schwerer See ist erfreulich kompakt und so erklimmt ein überaus intensiver Abend die nächste und letzte Stufe. Habak aus Tijuana, Mexiko sind im Haus. „Crust melódico“ steht auf dem Programm, das fast schon post-rockige Intro lässt feine Melodien erkennen, aber spätestens als die Gitarren voll in die Verzerrung gehen, das Tempo merklich angezogen wird und Frontfrau Alejandra Valdez ihr Gegrowle startet, ist klar, dass auch ein maximaler Impact auf Gehör und Bewegungsapparat geboten wird. Die Gitarren liefern mehrschichtige Melodien, während sie die Sängerin mit enormem körperlichen Einsatz ihren Vokal-Beitrag abliefert.

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Dem Vernehmen nach wird komplett in Spanisch gesungen, aber das kann ich nur sehr bruchstückhaft erlauschen. Schnell ist aber zu erkennen: Jedesmal, wenn sie ihre Nana-Mouskouri-Brille weglegt, ist noch eine weitere Eskalationsstufe zu erwarten. Dass bei diesem Gesangsstil nur wenig elaborierte Melodien möglich sind, macht sie dadurch wett, dass sie ihre Shouts besonders rhythmisch und aggressiv ins Publikum bellt. (Konzertbegleiter H. meint, dass ihn der Gesangsvortrag an das Geräusch seiner Kaffeemühle erinnert, aber ich vermute mal, das ist lobend gemeint.)

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Jedenfalls beweisen die fünf Mexikaner:innen, dass sie nicht umsonst auf ihrer Europatour allerorten viel Lob einfahren und auch noch Größeres wie einen Auftritt auf dem Roadburn Festival vor sich haben. Hier sind sie jedenfalls ein mitreißender Headliner, der das ohnehin schon sehr aktive Jugendhaus-Publikum zu weiteren Höchstleistungen antreibt, den Saal in klimatische Grenzbereiche bringt und letztlich mal wieder beweist, dass man sich auf das Booking des Juha West fast blind verlassen kann.

HABAK, IN SCHWERER SEE, ØDE, 09.04.2026, Juha West, Stuttgart | Foto: Oliver Wendel
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Habak

In Schwerer See

Øde

*) … und hier die Fußnote:

Ihre kapitalismuskritische Haltung beweisen In Schwerer See auch dadurch, dass sie zu den Bands gehören, die neben den üblichen kommerziellen Social-Media-Portalen auch das nicht-kommerzielle, selbstorganisierte Fediverse bespielen. Unter mastodon.social/@inschwerersee kann man ihnen dort folgen. Ich würde mir sehr wünschen, dass jede Band, jeder Veranstalter und jedes Venue dort vertreten sind, damit wir endlich alle von Facebook & Co wegkommen. Von DIY- und Punk-Bands und nicht-kommerziellen Veranstaltern würde ich es sogar erwarten, schließlich passt der Graswurzel-Ansatz perfekt zur Attitude dieser Subkulturen.

Punx.social zum Beispiel ist da sehr aktiv und gibt Tipps, wie sich Bands dort präsentieren können. Aus Stuttgart sind z.B. die Veranstalter No Shows und Trash-a-Go-Go aktiv und unter fedi.punk.guide gibt es ein internationales Verzeichnis, in dem auch viele deutsche Bands und Veranstalter vertreten. Wir vom Gig-Blog haben 2022 die Übernahme von Twitter durch Elon Musk zum Anlass genommen, unseren dortigen Account zu löschen und sind seitdem unter nerdculture.de/@gigblog im Fediverse aktiv. Mach den Schritt ins Fediverse und folgt uns dort!

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