GÜNER KÜNIER, FRITZ ALI HANSEN, EDWARD HUNT, 04.04.2026, Komma, Esslingen

Spannendes Dreierpackage zwischen Dance-Pop Noir und Riot Grrrl-Electropunk sorgt im Esslinger Komma für einen kurzweiligen Konzertabend mit erfrischend jungem Publikum.
Manche Konzert-Locations sind mir einfach lieber als andere. Das Esslinger Kulturzentrum Komma mag ich ganz besonders. Von Stuttgart gut erreichbar (und nachts kommt man auch wieder zurück), das Booking oft spannend und unerwartet und vor Ort mit entspanntem Vibe im möblierten Innenhof und der schön gemachten Bar. Dort gibt es auch wieder ein DJ-Rahmenprogramm (Prince Badahu) – so verwöhnen Profis ihr Publikum, das heute durchaus etwas größer hätte sein dürfen – knapp hundert Menschen sind es immerhin doch noch, die sich gleich drei interessante Acts ansehen wollen.

Was ergrauten Gigbloggern regelmäßig bei Komma-Konzerten auffällt, sind die vielen interessanten jungen Leute, die auch heute wieder den Großteil der Konzertbesucher*innen ausmachen. Bei vergleichbaren Events in Stuttgart sehen wir kaum so viele coole, schicke und stylishe junge Leute (mit gutem Musikgeschmack!) – ohne dass man sich als alter Sack gleich fehl am Platz fühlen würde. Noch ein Pluspunkt ist im Komma der zuletzt immer tolle Sound, der aus der sehr guten PA gezaubert wird – diesmal von einem überzeugenden Frauenteam, was man ja leider auch nicht so oft sieht – der Sound ist auch heute ganz vorzüglich abgemischt.

Das Dreierpackage wird von Edward Hunt eröffnet, einem Stuttgarter britischer Herkunft. Es steht allein auf der Bühne und arbeitet mit vorprogrammierten Beats und Sounds, was man böswillig Halb-Playback nennen könnte, hier aber (zumindest mich) kein bisschen stört. Edward singt dazu mit einer angenehm schwerelosen, unaufdringlichen Stimme, bedient einen kleinen Synthie, vor allem aber seine E-Gitarre, der er sehr elegante Töne entlockt und die teils auch ein bisschen geloopt wird, wenn ich es richtig gesehen habe. Er beginnt mit leicht verträumtem Sleepy Pop mit pluckernden Electro-Beats, zieht das Tempo aber kontinuierlich an. Die mittleren Songs erinnern mit den fließenden Gitarrenlinien teils deutlich an Motorama, die Beats werden beschwingter und die Edward-Hunt-Fanbase vor der Bühne kommt in Schwingung. Die letzten Songs werden dann als funky angekündigt und sind es auch – in diesem speziellen 80er-Sounddesign, das mich an Bands wie Blancmange und den Fotografen an Spandau Ballet erinnert. So oder so: Edward Hunt sorgt mit nonchalanter Präsenz, cleverer Inszenierung und hypnotisch groovenden Dance-Nummern für allerbeste Stimmung – mangels Repertoire ist das Konzert leider zu früh zu Ende, alle Anwesenden hätten sicher gerne noch mehr gehört.

Fritz Ali Hansen macht mit Band einen deutlich glamouröseren Eindruck. Im Anzug mit schwarzem Rüschenhemd verströmt er leicht trashigen Dandy-Chic. Ohne Drums, dafür aber mit elastischem Bass und zwei Gitarren höre ich ebenfalls in den 80ern verwurzelten Noir Pop von ungewöhnlicher Machart. Die zweite Gitarre bedient übrigens Edward Hunt, wie auch schon auf einer gemeinsamen Tour, die heute in Esslingen ihren Abschluss findet. Fritz Ali Hansen (er heißt wirklich so) macht wegen einer fiesen Erkältung einen leicht lädierten Eindruck, was seiner Stimme eine zusätzliche Dosis Verruchtheit verleiht.

Dank der elektronischen Beats und dem beweglichen E-Bass fühlt man sich ein bisschen an New Order erinnert, die Gitarren klingen allerdings eher spröde, für mich mit einem Hauch von Bad Seeds oder Crime & The City Solution angereichert. Das finde ich sehr spannend und mit ein bisschen mehr Druck im Groove wäre im Komma vermutlich auch gut getanzt worden. So erweist sich das Konzert eher als Latenight-Performance einer lässigen Großstadt-Band mit wohldosierter Goth-Düsternis.

Die Berlinerin Güner Künier sieht man auf Videos mal allein auftretend, teils auch mit zwei weiteren Musiker*innen. Heute performt sie mit einer Stehdrummerin am Mini-Schlagzeug. Sie selbst sorgt für die programmierten elektronischen Basis-Beats, spielt etwas Synthie und Gitarre – ganz ähnlich wie Edward Hunt. Im Gegensatz zu dessen eher zurückhaltender Bühnenpräsenz ist Güner Künier aber eine Draufgängerin. Immer in Bewegung, laut und expressiv. Auch stilistisch erkenne ich Einflüsse von Peaches und Chicks On Speed. Sie singt auf Türkisch und Englisch und vor allem erstere Songs werden von vielen im jungen Publikum textsicher mitgesungen.

Bislang hat sie zwei Alben veröffentlicht: „Yaramaz“ vom letzten Jahr finde ich in seiner minimalistischen Kargkeit absolut großartig. Live funktioniert das Prinzip der schlanken, hämmernden Beats (irgendwo zwischen DAF und EBM) anfangs etwas schleppend, mit Albumkrachern wie „Eye Shadow“ und „Yanima Yat“ kommt aber schnell Bewegung ins Publikum. Güner Künier spielt harten, aggressiven Elektro-Punk mit parolenhaften Riot-Grrrl-Vocals, wuchtig und ausdrucksstark. Auch wenn mir die Performance auf Dauer etwas eindimensional vorkommt, habe ich doch meine Freude an der enormen Begeisterung vor allem jüngerer Frauen im Publikum. Sie lassen sich von der Message (Empowerment) und Performance wild tanzend mitreißen. Da der gelungene Abend ohnehin im Zeichen junger Menschen steht, schließe ich mich deren Begeisterung einfach mal solidarisch an.

