PALES, 28.03.2026, Merlin, Stuttgart

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

„Jump around. Jump up, jump up and get down
Jump, jump, jump, jump, jump (Everybody jump).“

Beim Pales-Konzert verwandelt sich das Merlin – wie erwartet – in eine explodierende Postpunk-Hüpfburg für Erwachsene.

Die haben wir zum letzten Mal in einem kleinen Venue gesehen: Die fünfköpfige Band Pales aus Straßburg ist zweifellos zu Größerem berufen. Da sind sich wahrscheinlich alle Anwesenden im knackvollen Merlin einig. Beim letzten Konzert ihrer ersten echten Tour sorgen Pales für ekstatische Euphorie und am Merch ist es nach dem fulminanten Auftritt dann verdientermaßen auch genauso voll wie vor der Bühne.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Kurzer Rückblick auf die About Pop, Stuttgarts Trüffelschwein-Festival für neue Bands, wo Pales letztes Jahr im Mai nicht nur die Herzen der anwesenden Gigblogger eroberten. Ausgerechnet im betulichen Laboratorium im Stuttgarter Osten brachte die junge Band das Publikum derart in Wallung, dass es dort nie gesehene Szenen mit wildem Getanze und Moshpit gab.

Dieser – nennen wir ihn „Pales-“Effekt“ – lässt sich auch im Video ihres Auftritts beim letztjährigen Haldern Pop Festival beobachten, wo ein ganzes Fernsehstudio in Brand gesteckt wurde.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Ob das im Merlin auch so gut funktionieren wird? Schließlich ist das Publikum im Kulturzentrum nicht gerade für seine lockere Hüfte bekannt – was vermutlich auch an der Dauerpräsenz reiferer Gigblogger liegt. Dieser kleinen Sorge entledigt sich die Band aber mit souveräner Vehemenz. Wobei es doch kleine Punktabzüge für die in der ersten Reihe fest zementierten Konzertroutiniers (muss man nicht gendern) gibt, die als statische Platzhirsche einen so richtig brodelnden Dancefloor direkt vor der Bühne sabotieren. Was dem tanzfreudigen Publikum aber egal ist – spätestens wenn Sängerin Célia sich ins Publikum stürzt, was mehrfach zu begeisterter Rudelbildung im Merlin führt.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Dass man zur explosiven Musik der Band eher hüpft als tanzt, hat vermutlich mit der fesselnden Performance der Frontfrau zu tun. Ihr Spektrum reicht von deklamatorischem Sprechgesang bis zu aggressivem Shouting – mal introspektiv zusammengekauert bis zu expressiv theatralisch. Mimisch und körpersprachlich bietet sie eine intensive Show mit ausdrucksstarken Posen ohne Ende – um analog zum sich konsequent steigernden Sound der Band auch diese animierenden Dance-Moves draufzuhaben, was das Publikum förmlich mitreißt. Ihre Mischung aus Theaterschauspielerin und Turnerin (die sie mal war, wie ich gestern erfahren habe) sorgt für eine enorme Bühnenpräsenz, die die jüngeren Herren auf der Bühne ein wenig in den Hintergrund rücken lässt.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Dabei erweisen die sich als echte Könner. Der Drummer meistert Breaks und Tempowechsel mit kraftvoller Präzision. Maßgebliches Stilmittel ist sein Hi-Hat, mit dem er immer noch eine Schippe Overdrive drauflegen kann. Der Basser sorgt nicht nur für den Groove, sondern steuert auch spacig-analoge Electronics bei. Die beiden Gitarristen sind unkonventionelle Alleskönner, die extrem abwechslungsreich für die charakteristisch schneidenden Ein-Ton-Riffs sorgen, die den Pales-Sound immer wieder so eklatant beschleunigen.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Der startet anfangs noch auf der Basis von oldschooligem TripHop: Der Beat erst mal mittelschnell, die zunächst soulgeschulte Stimme Célias an Genre-Heldinnen wie Lou Rhodes (Lamb) und Lesley Rankine (Ruby) erinnernd. Die Dramaturgie der Songs (bislang wurde nur die 5-Song-EP „Crush“ veröffentlicht) ist meistens ähnlich: Intensität, Groove und Tempo werden langsam aufgebaut, stilistisch eben vom TripHop zu hartem, kaltem Postpunk, teils auch in Richtung Dancerock à la LCD Soundsystem. Das hat schon beachtlichen Drive, wird aber regelmäßig mit einer weiteren Eskalationsstufe getoppt. Dann brechen alle Dämme, wenn der schnelle Groove eine raffinierte Offbeat-Phrasierung bekommt, oder das Disco-Hi-Hat fast schon Techno spielt.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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Die Gitarren setzen messerscharfe Splitterriffs, und Sängerin Célia reißt die Fans mit vollem Körpereinsatz mit. Stilistisch gehen hier Genres wie Punk und Industrial, Dancerock und Clubsound komprimiert zusammen und werden gleichzeitig pulverisiert, um punktgenau zu explodieren. Der-Wall-of-Sound-Effekt ist jedes Mal umwerfend und führt zu exzessivem Rumgehüpfe und glücklichen Gesichtern. Dazwischen wird die Inszenierung immer wieder komplett heruntergefahren, Célia windet sich auf den Bühnenbrettern und die Musiker können Luft holen – um für die nächste Sound-Eruption gerüstet zu sein. Diese Verausgabung halten Band und Publikum gemeinsam eine knappe Stunde durch – und man fragt sich ernsthaft, ob das schon wieder das Konzert des Jahres gewesen sein wird.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Wer Pales übrigens nochmal im kleineren Rahmen erleben will, bekommt eine allerletzte Chance, denn am 9. Mai treten sie beim ohnehin empfehlenswerten „Eastfilly Fest“ im Zentrum Zinsholz in Ostfildern-Ruit auf.

PALES, 28.03.2025, Merlin, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
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6 Gedanken zu „PALES, 28.03.2026, Merlin, Stuttgart

  • 29. März 2026 um 17:19 Uhr
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    (bislang wurde nur die 5-Song-EP „Crush“ veröffentlicht)
    und was ist mit der EP ‚In our Hands ?‘ erschienen 11/2022

    Mit hüftsteifem Gruß aus der ersten Reihe

  • 29. März 2026 um 21:41 Uhr
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    @Rainer, hüftsteif recherchiert – danke für den Hinweis.

  • 29. März 2026 um 22:40 Uhr
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    Regelmäßige Konzertbesucher (unter ihnen mindestens zwei Rentner und eine schwerbehinderte Frau), die früh genug vor Ort sind, um das Konzert aus nächster Nähe zu sehen, als statische Platzhirsche zu bezeichnen und für was auch immer für einen Punktabzug verantwortlich zu machen, ist selektierendes Finger-Pointing und hat mit einem seriösen Bericht nichts zu tun. Demnächst sind dann Menschen dran, die an den Rollstuhl gefesselt sind?

  • 30. März 2026 um 08:21 Uhr
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    Hallo Tilman, kein Grund zum Beleidigtsein. Ich wollte den Sachverhalt durchaus launig benennen. Mehrere Leute wiesen mich darauf hin und auch die Sängerin schien nicht so amüsiert. Die Botschaft sollte sein, dass man mit ein bisschen Gespür für die Situation auch mal während des Konzertes einem aktiveren Publikum Platz machen und kann und ein paar Schritte zurücktreten kann. Und nein, mein Einwand richtet sich nicht gegen Frauen und schon gar nicht gegen Menschen im Rollstuhl. Für „seriöse“ Berichte sehe ich mich beim Gig-Blog übrigens nicht zuständig – ich mache das zum Spaß. Deeskalierende Grüße von Stammgast zu Stammgast.

  • 30. März 2026 um 23:42 Uhr
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    Leider musste ich mich ausnahmsweise aufgrund einer „Einschränkung“ auf einen Barhocker im hinteren Bereich verdrücken und konnte diesmal nicht in Reihe 1 „wild“ tanzen. Ich verstehe, was Joe versuchte, „launig“ zu beschreiben, da es manchmal wirklich echt stimmungstötend ist, wenn direkt vor der Bühne das ganze Konzert Leute nur starr „rumstehen“(aus welchem Grund auch immer). Das hat nichts mit Alter oder SchWB zu tun, sondern mit Rücksicht im Umgang miteinander. Man kann im Merlin auch ganz vorne rechts oder links stehn, wenn man nicht tanzen will oder kann…Erfahrungsgemäß ist es im Merlin da recht sicher…
    Konzerte wie Pales sind nun mal auch körperliche „Mitmach“konzerte und da ist eine direkte Verbindung des Publikums zur Band schon wichtig ohne eine „Mauer“ dazwischen. Gegenseitiges Verständnis wäre toll, damit alle Spaß haben können, grad an so besonderen Abenden wie dem letzten Samstag.
    Freu mich jedenfalls schon mega aufs Eastfilly, dann hoffentlich wieder wild tanzend in den vorderen Reihen…

  • 2. April 2026 um 21:30 Uhr
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    Ja ich muss Joe hier total Recht geben. Im Laboratorium letztes Jahr war ne ganz andere Stimmung dann ist alle total eskaliert vor der Kleinen Stage. Im Merlin hatte ich das Gefühl ich wurde sie ganze Zeit missbilligent angeschaut wenn man mal etwas wilder getanzt hat. Und die Leute direkt vor der Bühne standen nur ein und haben kaum Platz gemacht. Wenn man sich bei so einer Band nicht bewegen will oder kann dann sollte man doch etwas Rücksicht nehmen und ein bisschen zu Seite gehen und nicht erwarten dass jeder einfach nur auf seinem festen Platz steht und und net zur Musik wippt. Bei so einen Auftritt muss es vorne Platz zum tanzen und auch vielleicht Pogo geben.

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