DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart

DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

„Die Interessanten“ sind Die Sterne nicht nur fast immer auf ihren Studio-Alben gewesen. Auch im 35. Jahr nach Gründung macht es der Band noch Spaß Konzerterwartungen zu unterlaufen, und trotzdem dabei eine Menge Spaß zu veranstalten.

Das Alter, das Alter. Es zeigt sich nicht nur beim Blick auf das Publikum oder daran, dass Frank Spilker seine Texte teils vom Teleprompter liest. Noch deutlicher: Ich kann mich nicht erinnern, ob ich Die Sterne schon mal live gesehen habe. Frank Spilker Group hatte ich gesehen, da habe ich noch ein T-Shirt, das dem dünneren Mir noch gepasst hat. Aber Die Sterne? Wo könnte ich da nur nachschauen? Natürlich im Gig-Blog-Archiv, wo unter Reinraum-Bedingungen noch die Altvorderen auf Pergament Zeugnis von Konzerten hinterließen. Also, 2010 habe ich Die Sterne schon gesehen, im Rocker33 war das noch.

DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Dass Die Sterne die Hütte, in diesem Fall den clubCANN, weiterhin noch vollmachen, ist nicht einer reinen Nostalgie geschuldet. Die Hamburger Band produziert immer noch erfreulich frische, interessante Musik. Das Vorgängeralbum „Hallo Euphoria“ war schon super. „Wenn es Liebe ist“, diesen Januar erschienen, ähnlich hochwertig. Vor besagter voller Hütte ist die Grazerin/Wienerin Resi Reiner das Vorprogramm. Anheizerin wäre an sich ja schon ein einigermaßen schlimmer Begriff, aber für den meist sanften Dream Pop, der geboten wird, gänzlich unangebracht.

Gelassen geht es zu. Unaufgeregt ist die Musik. Unaufgeregt wirken auch die Texte, die z.B. von einer Kaffeekanne – „Bialetti“ – handeln können, und inhaltlich und mood-mäßig bestens an das BoWa-Universum anknüpfen könnten. Mit Albrecht Schrader als Produzenten ist ja schon ein Mensch da, der hier und dort einen Fuß drinnen hat. Singt sie dann tatsächlich über emotional aufwühlendere Themen, entgeht sie allzu großer Schwere meist durch Fragestellungen und bewusst Unentschlossenem. Die Musik droht dabei immer ein wenig in allzu Unauffälligem abzurutschen, tut es aber doch nie. Charmanter Pop, der durch mehrmaliges Hören bestimmt noch gewinnt. Und die Städteschwesternschaft Hamburg und Wien erfährt mit diesem Tour-Package nach Doraus Album „Wien“ eine weitere Aufwertung.

DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Allzulang müssen wir nicht auf Die Sterne warten. Kurz nach Neune kommt Frank Spilker auf die Bühne, hängt sich eine Westerngitarre um und legt erstmal solo mit „Universal Tellerwäscher“ los. Ob’s einer harmonischen Überprüfung standhält, weiß ich nicht, aber mich dünkt, er benutzt hier etwas vornehmere Akkorde als auf der Studioversion. Es wird schon mitgesungen. Gleich mal vorab einen Hit vorab verbraten. Zum zweiten Song gesellt sich Dyan Valdés an Keyboard und Zweitstimme hinzu. „Die Interessanten“ ist evtl. sogar mein Lieblingssong der Band. Da bin ich dann natürlich empfindlich, dass er nicht genauso oder so ähnlich, wie ich’s halt kenne, gespielt wird. Aber andererseits finde ich es super, dass mir schon beim zweiten Song klar wird, dass das hier kein von vornherein erwartbares Konzert wird.

Man werde nun das ganze neue Album „Wenn es Liebe ist“ in seiner Vollständigkeit spielen, kündigt Spilker an. Und zwar in umgekehrter Reihenfolge wie auf Platte. Das Quartett ist mittlerweile vollständig auf der Bühne, und channelt mit „Immer Noch Sprachlos“ erstmal erfolgreich seinen und ihren inneren NEU!. Kann man unmöglich nicht mögen. Damit’s krautig bleibt, muss man gleich mal von der strikten umgekehrten Songabfolge abrücken. „Fan Von Irgendwas“ ist mitnichten der vorletzte Song der Platte, bringt aber schon typischere Elemente der Band ein, in diesem Fall: Worte. Einprägsames Zeug texten konnte Spilker schon immer. Und zwar so, dass es selbst mir, der eigentlich auf deutsche Texte scheißt, gefiel.

DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Weiter geht’s mit dem ersten (!) Album-Song „Ich nehme das Amt nicht an“, der wieder mal ein Beispiel dafür ist, wie gekonnt die Band Musikhistorie zitiert und dabei trotzdem was Neues schafft. Man denkt nach dem ersten Akkord „A Hard Day’s Night“, nach dem Hauptriff „Can’t Explain“, am Ende von Song „Ich nehme das Amt nicht an“. Ein Hit, der gegenüber alten Gassenhauern der Band absolut nix vermissen lässt. Keinen Deut schlechter „Ändern wir je den Akkord“, für Leute, die gerne „Ça plane pour moi“ hören. Die umgekehrte Reihenfolge-Geschichte ist dann wohl eher als so eine Art sehr grobe Richtschnur bzw. Witz aufzufassen.

Von den neuen Songs überzeugt mich nur „Es War Nur Ein Traum“ nicht komplett. Quasi: Weltklasse melodiös in der Strophe – im Refrain irgendwie unentschlossen. Ein Highlight hingegen „Open Water“, in dem Dyan Valdés atemlos englischsprachige Salven auf uns einzetert, während die Musik monoton, düster und disharmonisch die passende Kulisse dazu liefert. Mein Urteil zu dem „Wir spielen das gesamte neue Album“-Ding: Sehr gelungen! Und mir wird mal wieder klar, warum Die Sterne eigentlich die einzige Band aus dem Umfeld der so-called Hamburger Schule sind, die mich musikalisch angesprochen hat: Sie grooven.

DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Aber wer jetzt damit gerechnet hat, dass jetzt nur noch die 90er-Hits kommen müssen, wird enttäuscht. Für mich als nur halben Die-Hard-Fan unverständlich, denn „Gleich hinter Krefeld“ oder die erste Zugabe „Hallo Euphoria“, beides vom Vorgängeralbum, können bedenkenlos mit dem älteren Material mithalten. Ich hätte mir sogar noch zusätzlich „Alles Was Ich Will“ gewünscht. Ketzerisch würde ich sogar sagen, dass „Was Hat Dich Bloß So Ruiniert“ nach dem famosen „Wahr ist, was wahr ist“ sich fast wie ein halber Let-Down angefühlt hat (okay, aber nur gefühlt). „Depressionen aus der Hölle“ präsentiert die Sterne in ihrer Dancefloor-Version. Und wäre als zweite Zugabe auch ein perfekter Raußschmeisser gewesen. Aber das Publikum will mehr und darf nach fast zwei Stunden Die Sterne und den Abschlusssongs „Du musst gar nix“ und „Fickt das System“ getrost feststellen, dass die Hamburger Band so vital und interessant geblieben ist, wie sie es eigentlich immer schon war.

DIE STERNE, RESI REINER, 27.03.2026, clubCANN, Stuttgart | Foto: Holger Vogt
Foto: Holger Vogt

Die Sterne

Resi Reiner

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

I accept that my given data and my IP address is sent to a server in the USA only for the purpose of spam prevention through the Akismet program.More information on Akismet and GDPR.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.