HOWARD CARPENDALE, 25.03.2026, Schleyerhalle, Stuttgart

60 Jahre Bühne, tausend Rollen. Howard Carpendale auf Abschiedstour: glänzend, kontrolliert, menschlich. Und für ein paar Sekunden ganz echt.
Wir stehen. Der 45er-Bus soll die Fans von Howard Carpendale zur Schleyerhalle bringen. Aber wir stehen. Es scheint ein Autokonzert zu werden, denn die Zufahrtsstraßen sind verstopft. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und höre noch einmal in die bekanntesten Songs von Howard Carpendale rein. Es ist schließlich schon eine ganze Weile her, dass ich beim Tanzkurs zu „Ti amo“ so etwas wie Walzer gelernt habe. Die Playlist läuft flüssiger als der Verkehr. Ich komme bis „Wie frei willst du sein?“ – und eine Zeile bleibt mir im Kopf.
Sag mir, was du suchst.
In wie vielen Träumen hast du dich versucht?
In der Halle angekommen, sehe ich ältere Paare und stelle mir vor, wie sie schon in den Siebzigern zu seinen Songs getanzt haben (sicherlich besser als ich). Dazu erwachsene Kinder, die offenbar ihre Eltern begleiten, und immer wieder Gesichter, die sagen, dass sie kaum ein Konzert dieser langen Karriere verpasst haben. Es ist die Abschiedstournee. Hinter dem Mann mit dem ruhigen Blick und dem trockenen Humor liegt ein Weg, der vor achtzig Jahren unter südafrikanischer Sonne begonnen hat. Geboren in Durban, wuchs Howard Carpendale in einer Welt auf, die von tiefen Gräben geprägt war. 1966 wagte er den Sprung nach Europa, zunächst nach England, dann nach Deutschland. In ein Land, dessen Sprache und musikalisches Gefühl er sich erst mühsam aneignen musste. Daraus entstand ein jahrzehntelanges Gespräch mit seinem Publikum. Über sechzig Jahre auf der Bühne. Nun steht er am Ende dieser langen Reise.

Die Halle füllt sich mit einer Mischung aus Vorfreude und Abschied. Der Stau hat wohl auch weitere Besucher aufgehalten, denn zunächst bleiben einige Plätze leer, was zu einer Verspätung im ansonsten minutiös geplanten Ablauf führt und Howie zum ersten von vielen leicht bemüht wirkenden Gags verleitet. Er gibt zu Protokoll, dass er pünktlich gewesen sei, was verwunderlich wäre, da er schließlich aus Südafrika komme, die Gäste hingegen aus Stuttgart.
Als das Licht ausgeht und die Band einsetzt, beginnt diese letzte Reise mit auffallend viel Schwung. „Let’s Do It Again!“ setzt den Ton: Es soll noch einmal alles da sein. Die großen Gesten, die vertrauten Refrains, die direkte Verbindung zum Publikum. Howard Carpendale betritt die Bühne in jener Mischung aus Souveränität und zurückgenommener Eleganz, die ihn seit Jahrzehnten auszeichnet. Mit 80 Jahren wirkt er präsent, die Stimme tief und tragend, die Bühnenpräsenz kaum gealtert, nur gereift.
Das Arrangement ist großzügig, aber nicht überladen. Eine perfekt eingespielte Band, 15 Musikerinnen und Musiker, inklusive Bläsern und Backgroundgesang umgibt ihn. Manchmal zieht sich Carpendale auf einen Barhocker zurück, lässt den Instrumenten Raum, bevor seine Stimme wieder die Führung übernimmt. So entstehen schöne dynamische Wechsel zwischen opulenten Momenten und intimeren Passagen.

Man merkt schnell, warum man Carpendale in der Branche auch „One Take Howie“ nennt. Da zeigt sich der disziplinierte Arbeiter, der neben großen musikalischen Fähigkeiten auch ein perfektes Timing entwickelt hat. Etwas menschlicher wird der Abend, als sein Sohn Wayne die Bühne betritt. Bei „Stand by Me“ entsteht ein inszenierter Vater-Sohn-Moment, der aber weitgehend ohne Kitsch auskommt und gerade deshalb wirkt. Ebenso gelungen ist die Hommage an Udo Jürgens mit „Ich war noch niemals in New York“. Kein bloßes Cover, sondern ein persönliches, liebevolles Verweben einer gemeinsamen Geschichte. Das Publikum reagiert mit einem kollektiven Aufseufzen, in dem viel Nostalgie mitklingt.
Im Laufe des Abends entfaltet sich die Setlist aus handgestoppten 32 Songs wie eine Folge der ZDF-Hitparade: Frühe Hits wechseln sich mit neueren Stücken und klug gewählten Coverversionen ab. „Hello Again“ kommt zum richtigen Zeitpunkt und verwandelt die Halle in einen großen Chor, bei dem man kurz überlegt, ob ein Social-Media-Verbot für über Sechzigjährige vielleicht auch diskussionswürdig wäre. Bei „Deine Spuren im Sand“ oder „Nachts, wenn alles schläft“ wird deutlich, wie tief diese Lieder im Alltag vieler Menschen verankert sind. Das Publikum singt nicht nur mit, es trägt die Songs weiter.

Carpendale selbst bleibt charmant und serviert zwischen den Songs immer wieder Dad-Jokes und Lebensweisheiten. Manche schlüpfrige Anekdote ist allerdings schlechter gealtert als er, und auch die eine oder andere Songzeile wirkt unangenehm aus der Zeit gefallen, etwa „das Mädchen von Seite eins“, das er besingt und sich im Katalog bestellen möchte. Dass es zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten ohnehin nicht mehr reichen wird, zeigt sich beim Versuch, das Wort „Muggeseggele“ auszusprechen, woran er kläglich scheitert. All das selbstverständlich zum Vergnügen des Publikums, für das er ohnehin kein abgehobener Star ist, sondern ein Begleiter durch eigene Lebensabschnitte. Dieses stille Einverständnis zwischen Bühne und Saal macht den Abend schwerer und gleichzeitig wärmer.
Am Ende kommt mir noch einmal die Zeile aus dem Bus in den Sinn: „In wie vielen Träumen hast du dich versucht?“ Ich habe einen Howard Carpendale erlebt, für den die Antwort „sehr viele“ lautet: den hochprofessionellen Entertainer, den sicheren Crowdworker, den zurückhaltenden Charmeur, den Zuwanderer, der es nicht immer leicht hatte, den Friedensstifter, den die Lage der Welt nicht kalt lässt. Den Vater, den Ehemann, den Liebling der Massen. Den echten Howie sehe ich nur ein einziges Mal, als er bei „Fremde oder Freunde“ seinen Text vergisst. Für einen Moment fallen alle Masken. Zurück bleibt ein alter Meister, der sich nichts mehr beweisen muss. Und am Ende selbst das perfekt macht.

