AFAR, 19.03.2026, Merlin, Stuttgart

AFAR, 19.03.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer


Change The Rules, Afar machen ihre eigenen Regeln und erschaffen damit Großes.

Das Berliner Duo Afar, bestehend aus Elena Gniss (Gesang und Gitarre) und Joseph Varschen (Synths), kreiert einen Sound aus atmosphärischen Klanglandschaften und experimentellen Klängen. In einem Interview beschrieben die Musiker*innen ihren Sound als ein Spannungsfeld, bestehend aus Kontrasten zwischen Urbanem, Industriellem und Natürlichem, Organischem. Bei ihren Konzerten würden sie ganz bewusst auf den Einsatz eines Laptops verzichten, ihre Klangwelten erzeugen die beiden stattdessen mit analogen Synthesizern, Drummachines, Sequenzern und E-Gitarren. Sie selbst bezeichnen sich als analogen Live-Act. Für heute Abend verspreche ich mir dank dieser Selbstbeschreibung ein Konzert zwischen elektronischer Klarheit und mitreißender Emotionalität.

AFAR, 19.03.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Übersichtlich ist es auf der in Dunkelheit gehüllten Bühne des sehr gut besuchten Merlins. In der Mitte ein großer Tisch mit Josephs Instrumentarium und daneben Elenas Gitarre. Sacht ertönen einnehmende Drones, Nebel zieht auf, der vom Hauchen Elenas Stimme durchbrochen wird. Eine verhaltene und doch dramatisch anschwellende Dynamik (was für eine spannende Widersprüchlichkeit, die mich sofort gefangen nimmt), die sich zunehmend rhythmisiert. Gniss’ Gesang wird eindringlicher und verleiht dem Set eine hypnotisierende, ja geradezu magische Grundstimmung, als ob man einem artifiziellen Ritual beiwohnen würde.

„Ein Konzert, das man miteinander genießen soll“, meint passend dazu Elena Gniss, gerade in einer Zeit der zunehmenden Vereinzelung, des rücksichtslosen Hyperindividualismus, in der sich immer mehr auf sich selbst beziehen und in den virtuellen Raum zurückziehen. Wahre Worte, also geben wir uns gemeinsam der Musik hin, und lassen uns verzaubern.

AFAR, 19.03.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Leicht rockistische Elemente erklingen, als Gniss ihre Gitarrenriffs loopt und mit verstörenden Verzerrungen erweitert und mit Joseph Varschens überaus treibendem Klangteppich verknüpft. Die beiden erschaffen epische Soundräume, die, gebaut aus multiplen Klangschichtungen, nur schwer zu durchdringen sind und es dem Publikum dadurch ermöglichen, sich in die Musik fallen zu lassen, sich darin zu verlieren. Das ist verdammt mitreißend und euphorisierend.

Aber auch balladeske Momente gibt es, bestehend aus einem dezenten Bluesgerüst, die eine Liaison mit Josephs Beats aus der Drummachine eingehen, um danach, absolut organisch, in einen technoiden Track überzugehen, zu dem Elena als exaltierter Cyborg performt.

AFAR, 19.03.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
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Apropos Performance: Ich bin nicht nur ob der musikalischen Qualitäten der beiden Musiker*innen binnen kürzester Zeit zum Fan mutiert, auch was die Bühnenpräsenz anbelangt, überzeugen Gniss und Varschen zu einhundert Prozent. Beide geben sich der Musik komplett hin; Joseph Varschen geht körperlich beim Erschaffen seiner Rhythmen komplett darin auf und Elena Gniss hat nicht nur eine überzeugende körperliche Gegenwärtigkeit, auch ihr großes Stimmspektrum ist beeindruckend. Von verhaltener, ja zärtlicher Intonation bis zum opernhaften Gesang reicht es.

Dieser transformative Gesang, ihre Gitarrenlicks, die ebenfalls ein breites stilistisches Spektrum abdecken – vom Desert-Rock bis zum Post-Punk reicht dies –, und die treibenden Beats werden von Elena und Joseph fein miteinander verwoben. Die beiden tarieren diese heterogenen Elemente so gekonnt aus und schaffen es, ein sowohl extrem homogenes als auch spannendes Klangbild entstehen zu lassen, das zu jeder Zeit kohärent ist.

AFAR, 19.03.2026, Merlin, Stuttgart | Foto: Thomas Sommer
Foto: Thomas Sommer

Der Titel ihres aktuellen Albums ist „Changing Rules“. Beschränkungen im Denken auflösen, mahnte Gniss mit den Worten „change the fucking rules now!“ an, und dies tun Afar mit ihrer Musik definitiv. Afars Musik ist ein Soundtrack zur Zeit, zur realen Dystopie, mit einer ihr, trotz aller Düsternis, innewohnenden Hoffnung.

Und mit freudigen, hoffnungsvollen Gesichtern entlassen Elena Gniss und Joseph Varschen nach überwältigenden 90 Minuten das begeisterte Publikum.

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