CARPENTER BRUT, SYDNEY VALETTE, 19.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart

Foto: Steffen Schmid

Wer mit Vollgas beginnt und nur Hochtouriges im Tank hat, kann kaum noch beschleunigen. Schafft es Carpenter Brut dennoch ins Ziel? Synthie-Rockmusik aus Frankreich mit krasser Video-Light-Show brettert durchs Wizemann.

Ruinen, Stacheldraht, Maschinen, Raumschiffe, Zombies, Roboter, Motoren, Animegirls, Zahnräder, Palmen, Autorennen, Explosionen, Animeboys, umgekehrte Kreuze, die auf Kirchturmspitzen blinken und all sowas flimmert heute Abend auf der bühnengroßen LED-Wand, davor eine drei Meter große LED-Skulptur, davor Frank „Carpenter Brut“ Hueso, davor zwei Synthi-Manuale, davor das Carpenter-Brut-Signet-in LED-Ausführung, links ein E-Gitarrist, rechts ein Schlagzeuger, davor der Graben, davor die gut gefüllte Halle Im Wizemann mit 80 Prozent Männern, die entweder mit Metal-Shirts unterwegs sind (z. B. Cannibal Corpse) oder mit Electronic-Body-Music-Shirts (Front Line Assembly), oder mit was dazwischen (Ministry).

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Springen wir kurz in der Zeit zurück, auf 20.00 Uhr, da beginnt Sydney Valette den Abend. Seine Musik wird treffend vom EOnly-Festival in Leipzig so beschrieben: „Klanglich bewegt sich Sydney im gesamten Dark-Wave-Spektrum, von EBM bis Ambient, von Rave bis Italo-Disco, aber immer mit einem soliden Pop-Kern.“ Der Pariser steht allein auf der Bühne, er macht seine Sache sehr gut. Er ist nicht zum ersten Mal in der Region, 2023 trat er u. a. mit Die Selektion im Esslinger Komma auf. Ein gut gewählter Support. Und das letzte Mal für den heutigen Abend, dass jemand live singt.

Foto: Steffen Schmid

Um 21.00 Uhr betritt Carpenter Brut die Bühne und legt los mit seiner beeindruckenden Video-Strobo-Show und seinem Breitwand-Synthie-Rock unter der Maßgabe: Immer auf die Zwölf. Würde man eine KI mit den oben genannten T-Shirt-Bands, der verspielten französischen Synthesizermusik der 1970er (z. B. Jean-Michel Jarre) und 1980er Hi-NRG-Musik (siehe Abschlusssong) füttern, käme diese Musik heraus. Vor gewaltigen Bildern werden gewaltige Klänge abgesondert. Für die ersten zwei Tracks ist das überwältigend, dann entwickelt es sich wie das Indy-500-Autorennen (200 Runden im Oval in Full-Speed): Wer mit Vollgas beginnt und nur Hochtouriges im Tank hat, kann kaum noch beschleunigen. Ergo: Langweilig. Das ist wie bei Scooter. Apropros Scooter:

„I can’t hear you, motherfuckers“

Foto: Steffen Schmid

Frank Hueso verwendet vorgefertigte kurze Sätze, um mit dem Publikum zu kommunizieren, eine synthetische Big-Brother-Stimme. Das hat ein bisschen was von Geisterbahn: Das Wägelchen fährt an einem Papp-Piraten vorbei, per Lichtschranke schwenkt er seinen Arm und aus dem Lautsprecher tönt der immer gleiche Satz. Inhaltlich bewegt es sich auf dem Aufpeitsch-Sprech-Niveau eines HP Geerdes von Scooter. Das Publikum wird dabei liebevoll konsequent als „Motherfuckers“ angesprochen. Natürlich augenzwinkernd. Trotzdem gewöhnungsbedürftig.

Das Tempo der Musik bewegt nahezu durchgehend auf 120 Beat per Minute, also dem klassischen Marschmusik-Tempo. Der Gitarrist gibt den Schmuckeremit, sieht gut aus und vermittelt Authentizität, aber spielt der wirklich? Der Drummer haut ordentlich auf sein Schepperbecken, damit auch jeder hören kann, dass zumindest er tatsächlich spielt.

Foto: Steffen Schmid

Grundsätzlich wird sämtliche Musik von Frank Hueso produziert, für die Live-Auftritte holt er sich die Begleitung. Das Carpenter in Carpenter Brut kommt übrigens tatsächlich von John Carpenter, der in den 1970er zu seinen Horrorfilmen in Ermangelung von Budget selbst zum Keyboard griff und verstörende Synthi-Soundtracks produzierte und damit sein eigenes Gerne erschuf. Das Brut kommt von einem Champagner namens Charpentier Brut. Kann man machen. Auch wenn der Carpenter-Bezug jeden Elektro-Hörer zum anerkennenden Schmunzeln bringt, es macht Frank Huesos Erzeugnisse nicht interessanter. Oder wie der dienstälteste Gig-Blog-Fotograf meinte: Das klingt wie die Musik von einem Ballerspiel auf dem Amiga 500.

Als Höhepunkt und letzten Song wird der Flash-Dance-Hit Maniac von Michael Sembello zelebriert, das knallt ordentlich, auch die Metaller und EBMer finden es richtig gut. Dann ist Schluss, keine Zugabe, Game Over.

Foto: Steffen Schmid

Carpenter Brut

Sydney Valette

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