LA DISPUTE, VS SELF, PIJN, 13.03.2026, Im Wizemann, Stuttgart

In diversen Artikeln zur hiesigen wirtschaftlichen Lage und zur Zukunft der Automobilindustrie liest man neuerdings des Öfteren, Stuttgart drohe, zum neuen Detroit zu werden, nachdem es vor über zehn Jahren im Musikexpress, zwar mehr aus popkulturellen Gründen, bereits als neues Seattle bezeichnet wurde. Ja, was denn nun? Grand Rapids dagegen dürfte hierzulande weit weniger bekannt sein, die nach Detroit zweitgrößte Stadt des US-Bundesstaats Michigans. Der Logik folgend müsste demnach Mannheim das neue Grand Rapids werden.
La Dispute ist die vermutlich bekannteste Band aus Grand Rapids und gastierte nun im ausverkauften Wizemann Club. Exakt 15 Jahre nach ihrem großen Achtungserfolg, dem sensationellen Album “Wildlife”, das man als „Durchbruch“ der Band lesen kann. Auch deren letzte Konzerte in Stuttgart liegen beinahe genauso lang zurück, Shows, bei denen man sich kurz die Augen reiben muss: 2012 im längst geschlossenen Universum (RIP) zusammen mit den ebenfalls längst aufgelösten Title Fight (RIP) und Make do and Mend (RIP), 2011 noch vor Veröffentlichung von „Wildlife“ im Hochsommer gemeinsam mit Touché Amoré (!) gar im Juha West (!).

„Wildlife“, ohne Frage eines der besten (modernen) Post-Hardcore-Alben der letzten 20 Jahre, gleichzeitig das wichtigste und zentrale Werk der Band. Bis heute haben die Songs nicht an Strahlkraft verloren und fahren durch Mark und Bein, allen voran „King Park“, der wohl unerreicht beste Song von La Dispute. Ergreifend und elektrisierend, für die Musik wegweisend – wenn zeitgeistiger Hardcore irgendwann mal emotional war, dann hier. Mit „Wildlife“ ging ein Ruck durch die Szene, Musikpresse wie Fans befanden sich kollektiv in Ekstase. Damals, als Musikmagazine noch eine größere Rolle spielten und Gewicht hatten, kürte die Visions „Wildlife“ nicht nur zum Album des Jahres 2011 und betitelte es als „Die Zukunft des Hardcore“ – das komplette Album lag zu jener Zeit sogar als CD des Magazins bei. Es wirkte wie ein Bildungsauftrag, ein letztes wichtiges Zeichen kurz vor dem (Print)-Abgrund.
Daran anknüpfen konnten die nachfolgenden drei Alben nicht so wirklich, dennoch wuchs die Band und wurde erfolgreicher und bekannter, die DIY-Juze-Zeiten sind lang vorüber. 15 Jahre später steht die Band vor über 500 Menschen im Wizemann, angenehm gemischtes Publikum, darunter viele junge Menschen, bunt gefärbte Haare. La Dispute befinden sich in den Endzügen einer langen Europatour zum neuen Album, Stuttgart und Paris sind die letzten Tourstopps.

Im Schlepptau haben La Dispute die Toursupports Pijn und Vs Self, zweimal 30 Minuten Vorprogramm. Die fünfköpfigen Pijn aus Manchester eröffnen mit durchaus atmosphärisch verträumtem, zeitweise behäbigem instrumentalen Post Rock mitsamt Synthesizer und Cello. Gegen Ende wird es energischer, wohlwollend angenommen vom Publikum. Das darauffolgende südkalifornische Trio Vs Self geht stilistisch in eine komplett andere Richtung, macht den Abend aber abwechslungsreich(er). Ein Schreihals mit Schellenkranz auf der einen Seite, ein ebensolcher wie technisch virtuoser Gitarrist auf der anderen, in der Mitte der Drummer. Kein Bass. So divers der Stilwechsel auch ist, der Sound ist wohlbekannt, beinahe nostalgisch vertraute Klänge, bei denen Erinnerungen an American Football-Riffs (ebenfalls wieder zurück und im Sommer an exakt selber Stelle zu sehen) und Midwest Emo wachwerden mit energischen Screamo-Breaks. Eine Zeitreise in die 00er-Jahre, als die junge Band selbst wohl im Kindesalter steckte. Ihre heutigen musikalischen Idole sind jedenfalls deutlich hörbar.

Den ganzen Abend über prangt es im versetzten Blocksatz auf dem Backdrop: „No one was driving the car“, es ist der Titel des fünften und aktuellen Albums von La Dispute. Schlicht und rot wie das Halstuch Jordan Dreyers, der Sänger und Texter, agil wuselnd in der Bühnenmitte, die restliche Band steht dezent im Halbkreis um ihn. Auch die Bühnenränder sind beflaggt mit Textfragmenten. Worte – sie sind zentral bei La Dispute, das Wesen der Band, ein maßgeblicher und elementarer Anteil. Die Texte und Kurzgeschichten Jordan Dreyers werden gewissermaßen von der Band vertont, der seine Texte auf der Bühne darbietet und auf dieser seine Kreise zieht. Das Publikum hängt im wahrsten Sinne des Wortes an seinen Lippen. Er ist so etwas wie ein Post Hardcore-Storyteller mit einem ähnlich schönen nöligen Stimmfarbe, die zeitweise an Yoni Wolf von Why? erinnert, nur ohne die happy Tunes, die Verletzlichkeit und Niedergeschlagenheit im Ausdruck und die generelle Mood der Songs tun es ebenso.

Im Set ist das neue Album erwartungsgemäß sehr präsent, vom Opener „I shaved my head“ bis zum letzten Song „Environmental Catastrophe Film“ macht es die Hälfte aller gespielten Songs aus. Vom erwähnten Über-Album „Wildlife“ finden nur insgesamt drei Titel in das die ganze Tour über gleichbleibende Set, davon sehr früh bereits „The most beautiful bitter fruit“, später noch das fantastische „A letter“. Vom ebenso bemerkenswerten Debütalbum mit dem langen Titel „Somewhere at the Bottom of the River Between Vega and Altair“ gibt es lediglich „Andria“ kurz vor Schluss zu hören. Ein kurzes Aufwärmen vergangener Zeiten, nostalgische Gefühle. Nur zünden diese wie auch die aktuelleren Titel am heutigen Abend nicht so wirklich.
Selbst „King Park“ klingt trotz lautstark mitsingenden Publikums irgendwie abgespult, fast zu routiniert performt. Man vermisst die Intensität dieses dichten und durchdringenden Kolosses eines Songs. Oder ist die Band einfach nur im Tourtrott und ausgelaugt? Zwischendrin bilden sich Moshpits, das rhythmische Mitklatschen bei einzelnen Songs wirkt überdies zeitweise befremdlich. 2011 wurde auf La Dispute-Konzerten nicht mitgeklatscht. Nach knapp über einer Stunde und 16 Songs endet das Set ohne Zugabe, glücklicherweise wurde wenigstens von dieser Stadionrockgeste abgesehen.

Die Band, seit vielen Jahren tief verwurzelt im Hardcore, zeigt sich in mehreren Ansprachen Dreyers demütig und dankbar – und bezieht an diesem Abend auch politisch Stellung. Zwischen den Songs spricht er viel von der Kraft der Community und appelliert zugleich an ein Zusammenhaltsgefühl, gerade in den aktuellen Zeiten. Zweifellos notwendig und wichtig ist im selben Atemzug sein Zeichen gegen Transfeindlichkeit und Solidarität mit queeren Menschen, bloß drohen solche Statements dann in ihrer Glaubwürdigkeit zu verblassen, wenn der Bassist bereits seit dem 5. Song oberkörperfrei danebensteht – und es ihm männliche Fans im Pit gleichtun. Oder wenn bei insgesamt 13 Personen, die heute auf der Bühne standen, nur eine nicht männlich ist. Die gut gemeinten, sicher aufrichtigen Gedanken ganz allgemein über Awareness oder Gender Equality, die sich momentan viele Bands gerade aus einem Szenekontext auf die Fahnen schreiben, können so den Eindruck machen, nur einstudiert und aufgesagt zu sein. Das macht den eigentlich guten Gedanken von Hardcore unglaubwürdig.
So zentral und wesentlich die Textkunst in den Liedern einer Band wie dieser ist, die Songs schreiben, die oft keiner weiteren Worte bedarf, gerade bei solch talentierten Songtexter*innen, so bedacht sollten sie auch zwischendrin gewählt werden, um allzu verkürzte Statements zur Weltlage zu vermeiden. Besser man bleibt dabei, worin man gut ist, bei der Kunst und singt, anstatt große Reden zu schwingen. Manchmal sind weniger Worte mehr.
