LUCY KRUGER & THE LOST BOYS, SOPHIA DJEBEL ROSE, SUNWELL, 14.03.2026, P8, Karlsruhe

Lucy Kruger & The Lost Boys treten mit zwei französischen Solomusikerinnen – Sophia Djebel Rose und Sunwell – in Karlsruhe auf. Zwei Sachen sind sicher: Es lärmt, und es wärmt.
Kalt ist es, als wir aufbrechen mit Holger am Steuer, der mit seiner Partnerin gerade aus Japan kommt und ein mörderisches Jetlag schiebt. Dieser Abend wird das aber alles richten, denn es ist geheizt im P8 und wir werden so spät heimkommen, dass die Geplagten wieder in den europäischen Tagesrhythmus gezwungen werden.
SUNWELL

Zunächst vergeht aber noch ein Bier, bevor Sunwell uns mit dem unheimlich warmen und vollen Sound ihrer E-Gitarre willkommen heißt. Mit ihrem Cape und der bis über die Augen reichenden Kapuze gibt sie sicherlich ein gutes Fotomotiv ab. Die Musikerin möchte als Sunwell anonym bleiben, um die Musik für sich sprechen zu lassen. Darin arbeitet sie mit der Beatbox, um ihre Songs langsam, Schicht für Schicht aufzubauen.
Dark Neo Folk oder vielleicht eher Doomgaze ist das. Aus der unverzerrten oder nur leicht verzerrten Gitarre aufgebaute Klanglandschaften. Sehr langsam, sehr eindringlich. Dazu ist weicher, sphärischer Gesang mit viel Hall in die Musik eingebettet. Klar, da gibt es schon auch mal ein Schlagzeug, das sie aus einer Aufnahme einspeist, aber hauptsächlich konzentriert sich die Musik auf Gitarre und Stimme.

Alle ihre Stücke, erklärt Sunwell, beschäftigen sich mit der Liebe – sei es die freundschaftliche oder die Romantische.
So all is love.
Dann beginnt „Little Heart’s Lament“, ein trauriges Stück, das uns gleich vermittelt, dass es um diese Liebe nicht unbedingt zum Besten gestellt ist.
Ihren Gesang unterstreicht die Französin aus Lille mit ruhigen Gesten, welche die Musik nachformen, und manchmal auch klagenden Gesten, welche das Leid oder die Düsternis der Lyrics ausdrücken.
Um ihre Stücke aufzubauen, muss Sunwell ganz schön arbeiten. Nicht nur liegt das an den Tonspuren, die nacheinander in die mit dem Fuß bediente Beatbox aufgezeichnet werden wollen, es liegt auch an den vielen Effekten, die bedient werden wollen und die in einem imposanten Halbkreis um ihren Hocker aufgebaut sind.

Sehr aktiv ist die Musikerin, die eigentlich Elya heißt, übrigens nicht nur mit Sunwell. Sie ist auch in zahlreichen anderen Projekten involviert: Deûle, Death By Fog, Ladeûlas, Anastaise, Songe Creux, Otto Ruth und Brutal Beatnik.
Doch das alles kann ich noch nicht ahnen, als die Bühne langsam im Kunstnebel versinkt, während sich die Musik ins Erhabene verdichtet. Die Lagen der Gitarre dronen. Der Gesang schwebt klagend darüber. Obschon die Musik von Sunwell sehr düster ist, erfüllt sie mich mit einem warmen, wohligen Gefühl. Eine ausgezeichnete Eröffnung für diesen Abend!
Eine Ansicht übrigens, die wir nicht alle vertreten. Unsere Jetlag-Fraktion jammert mit fortschreitender Zeit nämlich dem entgangenen Schlaf hinterher, aber da müssen sie jetzt durch.
SOPHIA DJEBEL ROSE

Kurz danach beginnt Sophia Djebel Rose ihr Set, indem sie ihre E-Gitarre mit dem Bogen streicht und in tiefer Stimme dazu spricht, bevor sich die Gitarre verzerrt und ihre Stimme die Tonleiter erspringt. Fortan wechselt sie zwischen einem hohen atmosphärischen Gesang der stark verhallt ist, der tiefen Sprechstimme und einer weiteren, durch einen Effekt wie eine alte Grammophonaufnahme klingenden Stimme. Schon das erste Stück verspricht also sehr viel!
Und es bleibt ungeheuerlich facettenreich. Das zweite Stück beginnt mit der gezupften, klaren Gitarre und tiefen, vollen Gesang. Es steigert sich aber zu verzerrten Akkorden mit hohem Gesang. Zwischendrin gibt es Momente, in denen die Stimme bricht oder sie einzelne Töne growlt.
Kunstvoll aber nicht gekünstelt, möchte ich sagen. Nachdem die Gitarre in noise-ige Gefilde abgedriftet ist und elektronische Störgeräusche uns in Empfang genommen haben, geht es weiter am Harmonium.

Atmosphärisch ist das Ganze schwer zu fassen. Die Instrumentierung spielt dabei eine große Rolle. Dominanter erscheint mir dennoch die vielseitige Stimme der Sängerin zu sein, die als eine der außergewöhnlichsten Frankreichs gehandelt wird. Weiche, harmonische Stellen wechseln sich mit lauten, noise-igen ab. Die Gitarre dronet, das Harmonium greint, die Stimme kratzt.
Viel gespielt wird mit Hall und auch mal Tapedelay. Da kniet Sophia Djebel Rose vor ihrem imposanten Effektboard und singt in mehrere Mikrofone gleichzeitig. Sie spielt mit Kastagnetten und läutet Glöckchen, die in der Lärmkaskade ihr Echo finden.

Die einzelnen Stücke sind eigentlich sehr kurz, aber sie werden hier so spielerisch zusammengezogen, dass man die Übergänge nicht erkennt. Stattdessen verschmelzen sie zu einem multidimensionalen Klanggebilde, das mal heimelige, mal albtraumhafte Qualitäten zeigt.
Kaum jedoch, dass ich diesen Gedanken getroffen habe, schließen sich einige ruhigere Stücke an, die einen eher erzählerischeren musikalischen Charakter haben, womit ich meine, dass sie gleichmäßiger sind und songhafteren Gesang haben. Und das ist interessant, denn sie entsprechen eher dem, was ich beim späteren Nachhören auf den Platten von Sophia Djebel Rose entdecke. Das ist wirklich sehr schön.

Auch diese ruhigeren Stücke münden aber wieder ins Noise-ige, als Sophia Djebel Rose nach ihrem Bogen greift und den Gitarrenverstärker lauter dreht. Schließlich geht alles in elektronischen Effekten und Noise unter.
Was für ein Erlebnis! Ich kann nur allen empfehlen am 26.03. zu Ratzer Records Stuttgart zu gehen, wo Sophia Djebel Rose erneut auftreten wird.
Okay, zurück zu den Alte-Männer-Themen: Mir tut inzwischen der Rücken weh, sodass ich eine Tablette nehme. Und Holger beklagt, dass er zugunsten von mehr Schlaf gerne auf die beiden Eröffnungs-Acts verzichtet hätte.
LUCY KRUGER & THE LOST BOYS

Ihm geht es heute vor allem um Lucy Kruger & The Lost Boys, die er sehr verehrt. Diese beginnen mit dem hypnotischen „Animal/Symbol“. Tempomäßig bleiben wir im langsamen Bereich. Spannungsmäßig bleiben wir im hohen Bereich.
Die Südafrikanerin mit ihren überwiegend weiblich gelesenen Lost Boys spielt – anders als die beiden Eröffnungsmusikerinnen das vor allem getan haben – tatsächlich Songs, aber das heißt mitnichten, dass es eingängig und einfach wird. Auch hier ist die Musik facettenreich, nuanciert, kreativ. Ich mag das sehr.
Lucy Kruger enttäuscht nicht – bei keinem der Konzerte von ihr, die wir schon gesehen und von denen wir schon berichtet haben (hier und hier).
In „Damp“ heißt es:
Is it love
Or a godly state?

Neulich habe ich über die Musikerin gelesen, sie böte so intensive Konzerte wie Nick Cave. Stücke wie „Pray“ haben dafür auf jeden Fall die Energie.
Das gilt auch von der Inszenierung her: Lucy Kruger im weißen Rock und weißer Chiffonbluse nimmt direkten Kontakt zum Publikum auf, kommt von hinter ihrem Mikrofonständer hervor – wenn sie gerade nicht Gitarre spielt –, nimmt Blickkontakt zu Menschen in den vorderen Reihen auf, gestikuliert. Eigentlich hat sie damit schon vor dem ersten Stück angefangen – da mit grimmigem Blick, als mustere sie genau, wer da gekommen ist, um sie spielen zu hören.
Nach „Ghosts“, das vom Publikum sehr gefeiert wird, stellt Lucy Kruger die Band vor – die aus zweiter Gitarre, Bass, Schlagzeug und Bratsche besteht –, entschuldigt sich aber gleich dafür, dass sie nicht viel sagen werde. Sie freue sich aber sehr, hier zu sein. Wir freuen uns darüber auch sehr.

Sie hat eine eher tiefere Stimme, mit der sie aber helle Melodien singt. Das ist nicht so abwechslungsreich wie bei Sophie Djebel Rose, holt einen aber emotional mehr ab, weil sie zugänglicher ist.
Zum ersten Mal an diesem Abend gewinnt das p8 eine intime Atmosphäre, die erfüllt ist von den warmen Klängen der Bratsche und des Basses und den vielfach gemeinsam singenden Stimmen von Lucy Kruger und der Bratschistin Jean-Louise Parker. Diese Stimmen sorgen dann auch für den Gänsehautmoment, als sie am Ende von „Fawning“ a cappella erklingen.
Ansonsten ist die Musik ja an vielen Stellen von Bass und Schlagzeug sehr rhythmisch geprägt und getrieben. Gitarren und Streichinstrumente haben dagegen eine atmosphärische Funktion. Man hört das im Wechsel bei „Nectarine“ oder parallel zueinander in „Auditorium“.

Da sind wir aber an einem interessanten Punkt. Das neue Album „Pale Bloom“ ist ruhiger als beispielsweise „Heaving“ von 2023. Im Mix des neuen Albums, das im Februar erschienen ist, sind Schlagzeug und Bass verhältnismäßig in den Hintergrund gemischt. Im Vordergrund steht die Stimme von Lucy Kruger. Hier, live, ist das aber nicht der Fall. Der Mix fällt eindeutig zugunsten der Rhythmussektion aus, wodurch der treibende Eindruck entsteht, der diesen Abend trägt.
So ist „Ambient Heat“ downtempo und wirklich druckvoll. Ein sehr schön im Ohr hängenbleibender Song, bei dem die Gitarren lang im Sustain verharren und mit dem hohen Gesang kontrastieren.
Den Höhepunkt des Abends bildet aber das seinerseits mit noise-igen Elementen angereicherte „Howl“. Da wird der Vergleich zu Nick Cave auch am klarsten – wenngleich dem Vergleich mit dem düsteren Meister wohl eh niemand gewachsen ist.

Aber dann singt sie in „Play“:
Now I want to be a god …
… und für einen Moment, da ist sie das vielleicht doch.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das gesungen haben. In den Lyrics zu „Play“ heißt es aber „Now I want to learn to play.“ Leider kann man Live-Momente nicht zurückspulen, um sich das noch mal anzuhören. Schade eigentlich. Bei dem Auftritt wäre das in Gänze eine gute Idee.
Was gibt es noch zu sagen? Meine Schmerztablett hat gewirkt. Außerdem sind wir gut wieder heimgekommen, und Holger und seine Partnerin sind heute sicherlich nicht um halb sechs aufgewacht.


Ganz toller Bericht, lieber Claus! Du hast den Abend in allen Facetten eingefangen. Genau so war es. Nur eines möchte ich richtigstellen: Die beiden Support Acts waren absolut hochklassig und ich möchte nicht missen, sie gesehen zu haben. (Trotz Jetlags) Und ich freue mich sehr auf den Gig von Sophia Djebel Rose in Stuttgart. Und ich möchte noch ergänzen: Das P8 ist eine Top-Location mit freundlichen Menschen, sympathische Getränkepreisen und Sound und Licht vom Feinsten.
Ja, du hast recht, Holger. Ihr habt nichts Negatives über die Musik gesagt, nur über die Uhrzeit!
Das P8 ist wirklich ein ausgezeichneter Ort, an dem man sich sehr wohlfühlt. Er ist einschlägig links dekoriert und bietet sogar so etwas wie ermäßigte Tickets für weniger zahlungskräftige Fans (mit Karlsruher Pass und Solimitgliedschaft beim P8), das durch teurere Solitickets freiwillig finanziert wird. Selbst beim Bier gibt es Rabatt für diejenigen, die es sich sonst nicht leisten können. Das ist so sympathisch, man möchte gleich öfter hin.
Danke für den tollen Bericht. Ich war zum ersten Mal (am aktuellen) Standort des P8 und habe mich gleich sehr wohl gefühlt. Tolle Location.
Die Support Act waren gewaltig. Wobei ich gestehe, dass ich noch immer nicht weiß, ob mir die Musik von Sophia Djebel Rose wirklich gefällt. Aber es war eine beeindruckende Performance. Geradezu überwältigend. Und ich glaube, nicht nur ich hatte das Gefühl, mit einem Klatschen (an vermeintlichen Stellen zwischen Stücken), die Künstlerin aus der Trance zu wecken.
Lucy Kruger & Band waren nicht weniger beeindruckend. Eine rundum gelungene Veranstaltung.
Auch dank der Tatsache, dass mir der ÖPNV zu deutlich später als von mir erwarteter Zeit die Heimfahrt nach Heidelberg noch möglich machte. So konnte ich den Gig bis zum Ende verfolgen.
Sehr unterhaltsam, der kleine „Nebenschauplatz“ der Story…und JA, besagtem H. muss es wohl gefallen haben, da auch ich schon für den Ratzer-Gig von Sophia DR durch IHN angeworben wurde…